Zombies, Häschen, Horror. Ein Regal voller Schund. (Foto: Falk Schreiber)

Ich hätte nicht gedacht, dass ich jemals Denis Scheck verteidigen würde. Aber im April war Scheck zu Gast bei der SWR-Sendung “Literatur im Foyer” mit der neoliberalen Schreckschraubenschriftstellerin Thea Dorn. Thema der Sendung war Chris Wares Comic “Jimmy Corrigan”, und Dorn palaverte sich da so unglaublich merkbefreit durch ihre These, dass Comics Bildergeschichten für Kinder seien, dass man nicht anders konnte als zu denken: Gott, der arme Scheck, was hat er nur angestellt, dass er mit solchen Dumpfbacken im Fernsehen auftreten muss! Dorn moserte nämlich: “Comics sind etwas für verschreckte Nerds mit einem komlexen Vaterverhältnis.” “Das Buch hat ungefähr 400 Seiten, aber keine Zahlen!” “Gut, halten wir fest: Es ist kein Kinderbuch, sondern (gekünstelt) Weltliteratur.” Einer der Gründe, weswegen Dorn so ignorant spöttelte, war die Tatsache, dass an einer Stelle bei Ware ein Roboter auftaucht, und Roboter, das kann ja nur ein Kinderbuch sein! (Immerhin gab die Szene einen hübschen Comicstrip des ohnehin geschätzten Johannes Kretzschmar ab.)

Dorn war blöde, klar. Aber mal ehrlich: Sind Comics nicht dann am besten, wenn sie sich eben nicht von altsackigen Literaturnasen wie Scheck verteidigen lassen? Wenn sie in der Unterbewusstseins-Abfallhalde unserer Kindheit wühlen, quasi Kinderbücher-Restmüll sind, der mutiert nach oben drängt? Lewis Trondheim, einer der wichtigsten Comickünstler der Gegenwart, der tief melancholische Abhandlungen übers Altern veröffentlicht, lässt sprechende Enten, Hunde und Mäuse durch Städte diskutieren, die an frankophile Art-Deco-Varianten von Entenhausen denken lassen. Auch Leo Leowalds autobiografischer “Zwarwald” ist bevölkert von Vogelmenschen (wobei die allerdings eindeutig in Köln und Umgebung zu leben scheinen). In Mawils ostdeutschen Loser-Balladen tauchen immer mal wieder sexistische, ungeschickte Kaninchen auf. Ein Kaninchen existiert so ähnlich auch in Naomie Fearns “Zuckerfisch”, ist dort allerdings weniger sexistisch als schwul und mit einem Gummibärchen liiert. Sarah Burrini arbeitet seit einiger Zeit an einer (meiner Meinung nach nur partiell aber immerhin: gelungenen) Superheldenstory. Selbst eine Meisterin des Unspekatkulären wie Asja Wiegand zeichnete vor einiger Zeit plötzlich imaginierte Zombies (einen Strip, den ich gerade leider nicht finde). All diesen Comics ist gemein, dass sie viel reizvoller sind als das, was uns Bildungsbürger wie Denis Scheck als “große Kunst” verkaufen wollen. Weil sie mit der Pulp-Historie des Genres spielen und sie gleichzeitig erweitern: in den Alltag. Nichts gegen “Erwachsenen-Comics”, am allerwenigsten gegen Chris Ware, aber ich brauche nicht die x-te Bildervariante von Kafkas Erzählungen. Hätte Kafka Bildergeschichten gewollt, dann hätte er gezeichnet. Ich will in Comics Zombies, sexistische Häschen, Horror. Und ich will, dass dieser Horror anders aussieht als das Klischee. Ich will, dass der Horror aussieht wie Kafka.

Gewinnspiel: Kommenden Samstag, 11. Mai, übrigens ist bundesweit Gratis Comic Tag. Mehrere Comichändler und -Verlage haben insgesamt 30 Hefte produziert, die gratis in den teilnehmenden Läden ausliegen, Trash, Funnies, Superhelden, Independent … Ein toller Einstieg. Und gratis. Und wer es am Samstag partout nicht in einen Laden schafft, dem schenken wir diesen Einstieg: Wir verlosen in Zusammenarbeit mit dem Gratis Comic Tag ein Paket mit allen 30 extra für Samstag produzierten Heften. Schickt uns einfach bis zum 13. Mai eine Mail mit dem Betreff “Gratis Comic Tag”, Adresse nicht vergessen! Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.