Also: ein Stadtblog. Texte von unterschiedlichen Menschen mit unterschiedlichen Lebensweisen, -entwürfen und -schwerpunkten, geprägt von unterschiedlicher Hand- und Herzschrift. Verbunden durch moralische, politische und lebensweltliche Schnittmengen, befeuert durch die Unterschiede, die sich in Standpunkten zu oder dem Umgang mit Thematiken offenbaren. Keine kollektiv formulierten Ergebnisse, sondern Momentaufnahmen aus einem kontinuierlichen Diskurs zu Makrokosmen kultureller, sexueller, beruflicher oder wie auch immer gearteter Erfahrungen. Wenn man so möchte: kein Amalgam – sondern Schnappschüsse einer andauernden chemisch-menschlichen Reaktion.
Kein Amalgam – sondern Schnappschüsse einer andauernden chemisch-menschlichen Reaktion.
Die Möglichkeit geboten zu bekommen, den Austausch sowie eine Zusammenarbeit mit so unterschiedlichen Menschen zu pflegen, ist verbunden mit einem Gefühlswust aus Dankbarkeit, Aufregung und Demut. Nicht zuletzt, weil ein Umfeld aus Personen, mit denen ich bis spät in die Nacht der Unerschöpflichkeit leidenschaftlichen Philosophierens um Herzthemen erliegen kann, für mich noch ein neues ist. Und weil sich mir ein solches, so glaube ich mindestens, nur hier: in der großen Stadt hätte eröffnen können. Die provinzielle Bigotterie, die man als Großstädter allzu häufig und gern pauschal proklamiert, ist sicherlich nur in Teilen treffend und tut einigen Menschen Weh und Unrecht. Zumal sich Bigotterie, divers ausgeprägt, in Dörfern, Klein- und Großstädten, in Redaktionen, Regierungen und Zugabteilen gleichermaßen befindet. Dennoch entsprach es in der Vergangenheit auch meiner Erfahrung, dass eine grundlegende Akzeptanz von Andersartigkeit und dem Durchbrechen „gängiger“ Annahmen von Verhaltens- und Lebensweisen sich eben eher dort finden lässt, wo sich eine Gesamtheit aus Menschen unterschiedlicher Herkunft mit unterschiedlichen Vergangenheiten, Zukünften und Vorlieben zusammensetzt. Und das ist nunmal hier, in der großen Stadt.
Die neue große Stadt war zunächst vor allem eines: groß.
Bevor ich mit zwölf Jahren nach Hamburg kam, bewohnte ich ein nordfriesisches, 250 andere Personen beherbergendes Dorf. Dort hatte man Platz. Dort konnte man nichts einkaufen. Dort fuhr man in das etwas größere Nachbardorf, wollte man die Nachmittage und Abende nicht allein verbringen. Dort ging es mir nicht schlecht, für präpubertäre Wesen war es dort mitnichten unaushaltbar. Und so bot die örtliche Neuorientierung meiner Eltern in eine Großstadt vorerst nicht gerade Anlass zu von Frohsinn oder gar Entdeckungslust durchsetzten Gemütszuständen. Die neue große Stadt war zunächst vor allem eines: groß. Groß, unbekannt und unübersichtlich. Das zumindest oberflächlich betrachtet behütete Dorfleben hatte mich nicht vorbereitet auf die vielen Menschen, die auf der Straße herumpöbelten, genervt von A nach B hetzten und die man nicht kannte. In großen Städten regiert Gewalt und Kriminalität, das wusste man aus Filmen und Büchern. Die Stadt als Moloch, deren abgelegene Winkel dunkel sind, wer nicht in Schwierigkeiten geraten möchte, meidet sie besser. Die Menschen in der Stadt nehmen Drogen und huren herum, das wusste man. Was passierte denn mit Oliver Twist, als es ihn obdachsuchend in die große Stadt führte? Er wurde von einer Bande organisierter Krimineller adoptiert, die ihn in ihre Machenschaften einband und ihm Alkohol zu trinken reichte. Was geschah mit Dorian Gray, als es ihn zurück nach London verschlug? Er berauschte sich an Gin und Opium, erging sich in Vielweiberei und Morallosigkeit (– auch wenn letztere, grob fahrlässig verengte Lesart zweifelsohne einen Schlag mit der Hermeneutikbibel verdient). Die Stadt war gefährlich, schüchterte mich ein und machte mir Angst. Eine Erschließung des Molochs zog sich hin. Die wenigen bekannten Wege wurden ausgetrampelt und nur im Notfall verlassen.
Menschen, die mit dem Tintenkiller auf längst gesetzte Punkte losgegangen sind.
Heute gibt es diverse Trampelpfade, hier, in der großen Stadt, die an beängstigender Wirkmächtigkeit eingebüßt und eine Reihe wunderbarer Plätze und Möglichkeiten enthüllt hat. Wichtiger als die Bars und Clubs, der geheime Lieblingsort am Kanal, die Möglichkeit, direkt vor der Tür zu beinahe jeder Uhrzeit Zigaretten und Wein einholen zu können oder das dichte Nahverkehrsnetz sind allerdings die Menschen, die ich getroffen habe. Menschen, die mit dem Tintenkiller auf längst gesetzte Punkte losgegangen sind und mit zärtlichem Schwung ein Fragezeichen notiert haben. Auf einmal gab es Herzen die man anfassen, Köpfe in die man schauen durfte und Meinungen, die sich an den eigenen rieben. Ich habe viel gelernt von diesen Menschen, über die Relativität der Dinge und im Zuge dessen über mich.
Gänzlich verflogen ist die Angst vor der Stadt als Ganzes durchaus nicht. Eingeschüchtert und verängstigt bin ich, in unregelmäßigen Abständen, immer wieder. Doch es gibt Wohlfühlwege und Wohlfühlplätze, die diesen Ort zu einem Ort machen, an dem ich sein möchte. Und es gibt Wohlfühlmenschen, von denen einige dieses Blogprojekt zu etwas Wunderbarem machen, indem sie ihre Gedanken zu Themen aus ihrer Lebenswelt teilen und somit im Optimalfall Grundsteine für neue leidenschaftliche spätnächtliche Diskussionen legen. Hier, bei Les Flâneurs. Hier, in der großen Stadt.


2 Kommentare
Maesen says:
Mai 3, 2013
Die schönsten Tiere, die farbenfrohesten Pflanzen, die verrücktesten Prokaryoten haben dort Ihre Heimat wo Einöde herrscht. Selten können Sie dem Druck der Andersartigkeit standhalten. Ich bin froh und stolz das Deine die Vielen der großen Stadt bereichert.
Lasse Nehren says:
Mai 5, 2013
Wie gewohnt: schön gesagt. Und ich errötete ein wenig in Århus.