Melancholisch, chaotisch, herzzerreißend und nie langweilig: „Rennbahn der Leidenschaft“. (Foto: © Krafft Angerer)
Christian Winkler, ich habe noch keine Folge „Rennbahn der Leidenschaft“ gesehen. Habe ich jetzt überhaupt eine Chance, noch einzusteigen?
In die Rennbahn kann man jederzeit einsteigen. Die Serie funktioniert weniger wie ein amerikanisches Format, wo man wahrscheinlich ziemlich verwirrt wäre, würde man erst nach der zweiten Staffel einsteigen. Es gibt bei uns zwar einen narrativen Bogen, der sich über alle Folgen spannt, aber jede Folge hat eine Art übergeordnetes Thema, das häufig von zeitnahen Geschehnissen, oft auch lokalen, beeinflusst wird. Außerdem gibt es am Anfang jeder Folge ein „Was bisher geschah“.
Ihr bezeichnet „Rennbahn der Leidenschaft“ als Soap, nicht als Serie. Soap ist negativ konnotiert – sucht ihr eher die Nähe zur Trash-Ästhetik von „GZSZ“ als zur Hochkultur von „Breaking Bad“?
Eigentlich ist es eine Soap in einer Serie. Es geht um eine fiktive Soap, die in Altona fürs Fernsehen gedreht wurde und schon nach zehn Folgen abgesetzt wurde. Das Team rund um diese Soap, bestehend aus Schauspielern, Technikern, Autoren und Produzenten, zelebriert nun den Ausstieg aus dem ewigen Kreislauf der Wiederholung. Die einzelnen Episoden spielen, sozusagen, einerseits mit der Soap, andererseits mit der Serie – und wahrscheinlich auch mit so etwas wie der „Hochkultur“.
Serielles Erzählen ist nichts wirklich neues, im Theater hat es sich aber im Gegensatz zu Literatur, Comic, TV nicht durchgesetzt. Weswegen?
Weil der Weg ins Theater weiter ist, als der Weg zur Couch. Weil wir alle faul, bequem und ignorant sind.
Eigentlich ist das erzählerische Element im Theater seit dem Siegeszug der Postdramatik in Verruf geraten, zu Gunsten des Performativen. Ist „Rennbahn der Leidenschaft“ da ein Rückschritt?
So gesehen, wahrscheinlich – aber ein sexy Rückschritt. Gleichzeitig ist es eben auch ein Feld für Experimente, wie man diesen „Rückschritt“ in Szene setzen kann. Das kann theoretisch, je nach Regisseur, auch performativ geschehen …
Jeden Monat eine neue Folge, das überfordert eigentlich die üblichen Arbeitsprozesse im Theater, die mehr oder weniger mit sechs Wochen Probenzeit kalkulieren. Wie sieht die Probenarbeit bei „Rennbahn der Leidenschaft“ aus?
Proben ist sowieso feige – soviel nochmal zur Frage des performativen Elements. Wir haben alle sehr wenig Zeit. Ich schreibe von Monat zu Monat eine neue Folge, um auf Schauspieler, Zuschauer, Altona und die Zeit um mich herum reagieren zu können, was zwar stressig ist, aber auch unglaublich interessant. Die Regisseure bereiten die kurzen Probenzeiten mit den jeweiligen Dramaturgen sehr gut vor, die Schauspieler haben große Lust auf das Format und sind schnell im Aufnehmen ihrer Figuren. In den Proben gibt es wenig Platz für lange Diskussionen – was eine gewisse Durchlässigkeit und Spontanität erzeugt. Oft schreibe ich gemeinsam mit den Schauspielern noch schnell eine Szene um, oder sie fliegt ganz raus, oder jemand hat eine bessere Idee, wie es gehen könnte. Da darf man nicht eitel sein. Für die Inszenierung einer einzelnen Folge gibt es keine formalen Vorgaben – nur der Text versucht, Figuren und Handlungen zusammenzuhalten. Daraus ergibt sich für jede Folge etwas Neues: Einmal stehen drei Schauspieler auf der Bühne und spielen fünfzehn Figuren, dann steht eine mehrköpfige Band auf der Bühne, es gibt Opernsänger und mehrere Schauspieler, dann werden Szenen vorgedreht und als Video eingespielt, als Puppentheater präsentiert, melancholisch, chaotisch, sehr reduziert, kitschig, lustig, herzzerreißend und nie langweilig.
Wie wichtig ist Altona als Handlungsort für euch? Und als politischer Rahmen?
Altona ist ständig präsent. In der Theaterserie geht es um ein Filmset einer Hunderennbahn, das auf dem ehemaligen Güterbahnhof in Altona steht. Das ganze Gelände, in direkter Nähe zur Gaußstraße, wo sich die Spielstätte des Thalia befindet, spielt eine wichtige Rolle. Aber auch andere Ortsteile, Politiker, Bürger und Persönlichkeiten aus Altona kommen leicht verändert vor. Für mich ist es vor allem interessant, dass durch die künstlerische Überhöhung und Überzeichnung des Ortes und der Geschehnisse, Altona selbst für die Zeit einer Folge, zu einer alternativen Realität wird – das geht sogar so weit, dass einzelne Zuschauer durch die gezeigte Fiktion das Gefühl bekommen, sie hätten in ihrer Realität eine wichtige politische, oder gesellschaftliche Entwicklung verpasst: „Ich wusste gar nicht, dass gerade ein neuer Bezirksamtsleiter gewählt wurde!“ Oder: „Mir war nicht klar, dass der ehemalige Güterbahnhof an chinesische Investoren verkauft wurde.“ Oder: „Gab es diese Krawalle in der Holstenstraße gerade wirklich, und ich habe es tatsächlich nicht mitbekommen?“ Dadurch kommt es auch vor, dass bestimmte Entwicklungen in der Serie vorkommen beziehungsweise thematisiert werden, bevor sie dann in der Realität tatsächlich eintreten. Und ich spreche jetzt nicht von hellseherischen Fähigkeiten des Theaters, sondern von der absoluten Freiheit der Fiktion.
Inhaltlich durchzieht „Rennbahn der Leidenschaft“ das Motiv des Scheiterns. Schlingensief postulierte einst „Scheitern als Chance“ – ist das auch ein Punkt für eure Figuren? Oder geht es eher um den Glamour des Scheiterns?
Vor allem in der ersten Staffel ging es um das Zelebrieren des Scheiterns. Wie kann man aus dem Abgesetzt-Werden, aus dem Ausschluss der gesellschaftlichen Produktivität neue Energie ziehen? Indem man sich nämlich einredet, dass diese Zwangsentschleunigung etwas Gutes hat. Die Hauptfigur, René Rexter, entschließt sich also, die Faulheit zum neuen Lebenskonzept auszurufen, was sogar soweit geht, dass er seine eigene Partei gründet – die FDH, die Faulen Deutschen Hunde. Mit dieser Partei will er, mehr oder weniger, das Scheitern einer ganzen Gesellschaft beziehungsweise von ganz Altona provozieren – was er am Ende der zweiten Staffel über einige Umwege auch wirklich schafft und Altona in eine „altonative Realität“ führt, in eine neue Realität, in der Grenzen und Gesetze, wie wir sie kennen, aufgelöst werden. Um diese neue Realität wird es vor allem in der dritten Staffel gehen, die im Oktober beginnt.
Wann wäre die Theater-Soap „Rennbahn der Leidenschaft“ gescheitert?
Solange es keinen Druck von irgendeiner Seite gibt, dass sie nicht scheitern darf, kann sie eigentlich auch nicht scheitern.
TV-Serien sind privatwirtschaftlich finanziert, das Thalia aber über die öffentliche Hand – bei solch einer Finanzierung wird gerne mal gefordert, dass ein Mehrwert da sein müsse, ein Bedienen des Bildungsauftrags etwa, oder ein künstlerischer Anspruch. Inwiefern erfüllt ihr diese Forderungen?
Was soll man denn als Künstler und Mensch noch alles leisten? Wir sind schon alle sehr flexibel, so flexibel wie man eben sein kann. Gleichzeitig sollte man gerade in diesem künstlerischen Bereich gar nicht flexibel sein, weil man sich sonst selbst einschränkt. Das klingt paradox, ist es wahrscheinlich auch. Wie war nochmal die Frage?
Die erste Folge der dritten Staffel von „Rennbahn der Leidenschaft“ läuft am 1. und 2. 10. im Thalia Theater, Hamburg. Zur Einstimmung: Ein Best of der ersten und zweiten Staffel gubt es am 13. 9. um 20.30 im Rahmen der Hamburger Theaternacht. Weitere Infos auf Facebook.



