Unter spanischer Sonne: Auf dem Weg zum Primavera Sound Festival 2016

Ein Festival, das tatsächlich fast nur aus Highlights besteht. Eine Stadt, die vor Prachtbauten und Flair strotzt. Ein Abenteuer für zwei Weißbrote aus Hamburg und Berlin, die sonst eher nördliche Gefilde des Planeten bereisen – Michael und Enrico sind ab dem 1. Juni beim Primavera Sound Festival in Barcelona unterwegs. Die Erwartungen? Hoch, sehr hoch.

 

Michael: Das wird mein erstes Mal Barcelona, verdammt, sogar mein erstes Mal Spanien! Und ich Eumel hatte Französisch in der Schule. Hola, man sagt hola, oder? Muss da noch ein Akzent irgendwo hin? Egal, es wird schon klappen. Seit gefühlten Äonen schwärmen mir Freunde und Bekannte von Barcelona vor, ich kenne niemanden, der die Stadt nicht absolut schön, entzückend, toll fand. Ich erwarte ein Paradies, na gut, zumindest eine sehr schöne Stadt und Bewohner mit einer wahrscheinlich recht fremder Mentalität. Ein wenig fürchte ich mich vor der Wärme, hoffentlich nicht Hitze, und hoffe, dass sie uns nicht so zusetzen wird, dass wir abends noch vor den Festivalhighlights kapitulieren müssen. Aber die Sommertemperaturen hierzulande bereiten uns derzeit schon gut vor. Ich hoffe auf einen Moment, in dem wir in einem kleinen Café sitzen, Eis schlecken vor historisch bombastischer Kulisse und dann einen lauen Tag genießen, bevor wir exzellente Konzerte hören. Im Grunde erwarte ich also nicht viel, tatsächlich aber alles: das süße, leichte Leben unter der Sonne Spaniens.

Und dann das Lineup des Festival, damn. Radiohead haben mich, wie auch den nicht kleinen Rest der ihnen noch zugeneigten Musikhörerwelt, mit einem wunderbar melancholischen und geerdeten neuen Album überrascht. Lange hatte ich die emotionale Verbindung zu ihnen verloren, fand ich doch schon „In Rainbows“ (2007) nur durchwachsen und „King Of Limbs“ (2011) einen Beinahetotalausfall. Aber in seiner unaufgeregten, schön komponierten und subtilen Klangwelt hat mich „A Moon Shaped Pool“ mehr als versöhnt. Zuletzt sah ich sie 2003 in Hamburg live, ein fantastisches Konzert – jetzt bin ich mehr als gespannt, wie die Alt.-Rock-Altmeister 13 Jahre später klingen.

Die emotionale Verbindung zu Sigur Rós habe ich dagegen nie ganz verloren, sind die doch früher, rund 2000 bis 2006, sowas wie mein spirit animal gewesen, meine Religion, eine der Bands, die ich mit am öftesten live gesehen habe. Zuletzt in Dresden, 2013, wenn ich mich recht entsinne, zum großartigen Album „Kveikur“ aus demselben Jahr. Nun präsentieren die Isländer neues Material – schon mal toll –, das Besondere: in geschrumpfter Trioformation, ohne Streicher, Bläser oder sonstige Unterstützung. Wie die Breitwandepen in so minimalistischer Aufstellung funktionieren sollen, da bin ich höchst gespannt.

Barcelona. Foto: Claudia Mohring

Dann sind da zudem einige Bands und Künstler, die ich live immer verpasst habe. Etwa die exaltierte Sängerin/Songschreiberin Baby Dee, die von atonalen zu fast klerikalen Arrangements am Klavier wechselt und in manchmal bellendem Japsen und Jaulen zergeht. Auf Platte ist mir das oft zu viel, aber Livemitschnitte auf YouTube lassen doch Wundervolles erwarten. Oder Animal Collective, die ich im Februar in New York City erwischen wollte, aber keine Chance – restlos ausverkauft. Ihr weird-sonniger, überladener Psychedelic-Pop mit bunter Bühnenshow könnte eines der Highlights werden, sind sie doch eine wie für Festivals gemachte Band. Und verdammt, wer passt besser in die wahrscheinlichen tropischen Temperaturen als Beirut. Der ehemalige Balkansound Zach Condons wich zuletzt einem minimalistischeren Klang mit mehr Elektrofritzeleien, aber immer noch sehnsüchtig schwelgerischen Melodien im Rucksack. Ja, bitte.

Und wie schlagen sich wohl Explosions in the Sky inzwischen, nun da sie in ihrem instrumentalen Post-Rock die Epik ebenfalls zugunsten ausgefeilterer Synthisounds runtergefahren haben? Das könnte nach hinten losgehen, aber ich hatte bisher jedes Mal meinen Lieblingssong von ihnen live gehört, „Greet Death“, wenn sie also eines oder zwei solcher alten Kaliber auffahren, wird alles gut. Das wird es auch bei der Königin, PJ Harvey. Mein Problem mit ihrem neuen Album beschrieb Tom Breihan von Stereogum unglaublich treffend, in kurz: die Heldin des britischen Dramarocks versucht sich als Krisenreporterin und beschreibt in den Songtexten auf „The Hope Six Demolition Project“ (vermeintlich?) objektiv krisengebeutelte Städte und Landschaften sowie deren Bewohner. Das gefällt mir inhaltlich oft nicht, wirkt beizeiten von oben herab, und musikalisch ist das Werk eine schwächere Wiederholung des grandiosen Vorgängers „Let England Shake“. Hm. Aber, die beiden gesehenen Konzerte der von mir dennoch innig verehrten Frau sind ganz oben in der Rangliste der für mich besten, deshalb bin ich guter Dinge. Das wird alles großartig. Und falls nicht, lästern wir brühwarm in unserem Rückblick, keine Sorge.

Barcelona. Foto: Claudia Mohring
Barcelona. Foto: Claudia Mohring

 

Enrico: Das erste Mal Barcelona! Bisher versuchte ich einen Bogen um die Stadt zu machen, wie um so viele Städte, die dauerbereist und überlaufen werden. Doch darin steckte auch immer eine gewisse Arroganz, zu denken, dass ALLE Besucher und Besucherinnen an demselben Ort herumhängen und die Stadt verstopfen und „kaputt“ machen. Aber besuche ich nicht ebenso bestimmte, immer wieder empfohlene Sehenswürdigkeiten? Ist manches nicht einfach schön für alle, ein Konsens der Schönheit quasi? Der Besuch des Primavera Sound Festivals ist somit auch ein Versuch, der eigenen unbegründeten Arroganz ein Schnippchen zu schlagen und diese Stadt am Meer, mit der faszinierenden Architektur und den liebevollen Parks, einfach mal zu entdecken und zu genießen – mit all den anderen Menschen.

An Sigur Rós gibt es einfach kein Vorbeikommen. So sehr ich – teilweise – mit ihrem Stilwechsel hadere, so sehr weiß ich auch um das Erlebnis eines Konzerts der sphärischen Isländer. Die Ruhe, die sie ausstrahlen, während sie Schicht um Schicht an Sound aufeinanderlegen und in einem Finale Grande münden lassen. Laut und leise, gut und böse, alles so verdichtet und von einer schwer zu beschreibenden Schönheit zusammengehalten. Nun zu dritt, in klein auf großer Bühne – es wird spannend!

Falls ihr im Netz in irgendwelchen Foren mal jemanden mit dem Benutzernamen „Avalanche“ seht – das könnte ich sein. Für mich ist Avalanche eines der schönsten geschriebenen Wörter. Ähnlich schön ist die quirlige (an dieser Stelle muss das Wort mal sein) Musik, aus der sich das Werk von The Avalanches speist. Tonfetzen, Plattenkratzer, viel Soul, viel Bewegung, viel Mut, eine wahre Wundertüte ist ihr 2000er Werk „Since I Left You“. Ich bin gespannt, was sie nun auf die Bühne bringen. Aber wenn ich meinen Speck schütteln werde, dann wohl hierzu.

Darüber hinaus stimme ich Michael bei Baby Dee zu – da kann ich überhaupt nicht einschätzen wie die Musik live rüber kommt. Umso wichtiger, sich den Auftritt nicht entgehen zu lassen. Den elektronischen Sektor werden bei mir Evian Christ, Moderat und Hudson Mohawke abdecken. Drei nicht zu Unrecht bekannte Namen. Der Rest klingt bisher sehr fad, aber ich kann mit chilligem House und dieser ganzen Kopfnick-Mucke einfach nix anfangen. Ich mag tempovollen modernen Punk mit weiblichem Gesang/Geschrei, deshalb muss ich Downtown Boys einen Besuch abstatten. Die U.S. Girls haben mich mit ihrem „Island Song“ schon komplett für sich gewonnen und ihre 2015er Platte „Half Free“ ist so derbe gut produziert, das können sie live niemals so gut wiederholen. Ich werde trotzdem hoffend, mit ’nem Wassereis in der Hand, vor der Bühne stehen.

Das Primavera ist ausverkauft, aber kommt doch virtuell mit uns mit, auf instagram und Twitter werden wir für euch berichten.

Vielen Dank an Claudia Mohring und Susanne Helmer für die schönen Fotos. Schaut unbedingt mal auf Susannes feinem Reiseblog fluegge-blog.de vorbei.

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