„Wohnen? Bitte nur am Görli!“: Protokoll einer rbb-Doku

Diane Arapovic wohnt in Berlin und ist Reporterin bei rbb. Sie sucht für sich, ihren Partner und ihr Kind eine neue Wohnung. Rund um den Görlitzer Park soll sie sein und bezahlbar sein. Dafür gibt sie sich sechs Monate Zeit und sucht. Enrico und Ninia haben sich die Doku angesehen und müssen dazu mal was loswerden.

Ninia: Ich bin durch den Tweet von @_Red_Queen auf die Doku aufmerksam geworden. Sie war schon leicht angepisst und auch mich hat der Bericht agressiv gemacht. Wie ist dein Eindruck?

Enrico: Kann ich verstehen. Alleine schon dieser Fokus auf wenige Straßen um den Görli herum – meine Fresse – selber Schuld! Alle wollen nach Kreuzberg, alle wollen Altbau, aber keiner schaut sich im Spiegel an. Die Redakteurin ist doch somit von Anfang an mitschuldig und allgemein kann ich diesen Wohnfokussierungswahn nicht nachvollziehen. Berlin bietet mehr als nur Kreuzberg.

Ninia: Ja, das hat mich am meisten gestört – dass Diane Arapovic nicht merkt, dass sie eben Teil des Problems ist. Genau wie die Dame, die am Park wohnt und sich beschwert, dass sie die Ratten morgens sieht. Oder im Sommer ihr Fenster nicht aufmachen kann. Die Leute ziehen irgendwohin und dann soll sich dort aber bitte alles an sie anpassen.

Enrico: Das ist auch so eine Sache, dieses dorthin ziehen und sich dann wundern, dass es gar nicht so ist wie erhofft. Da ist so viel Traumdeuterei drin, so viel Festkleben an Marketingbegriffen, kein Wunder dass am Ende alle enttäuscht sind. Ich weiß einen hübschen Altbau auch zu schätzen, so ist es nicht, aber mittlerweile ist daraus ein leeres Schlagwort geworden und Menschen tun so, als wäre eine Wohnung sonst nichts wert. Am allermeisten störte mich aber die allgemeine Unwissenheit von Diane Arapovic – vieles wird nur an der Oberfläche behandelt oder achselzuckend hingenommen, ich hätte gerne mehr Geschichten gehört wie die über den Gemüseladen.

Ninia: Ja, oder die Friseurin. Da war es fast dramatischer, dass halt ihre Friseurin nicht mehr in der Nähe ist. Aber nicht die Tatsache, dass sie dort verdrängt wird. Der Immobilienfuzzi, bei dem sich die Reporterin nach Wohnungen zum Kauf erkundigt hat, war ja auch so nett. “In Kreuzberg herrscht ein ganz gewisses Klima, Aufbruchstimmung” – schön, genau das verkauft er und macht es genau so kaputt.

Enrico: Die sollen da bauen wie sie wollen, aber diese ganze Loft-Kultur (300m²!) ist doch purer Wahnsinn. Immer mehr Leute ziehen nach Berlin, aber die Wohnungen werden größer statt kleiner. Alle brauchen mehr Platz für ihr Ego. Da fand ich den Bericht des Gärtners(?) über den Zustand des Görlis ganz passend, würde den aber gar nicht daran festmachen, dass immer mehr gebaut wird und Leute dahinziehen, sondern eben an dem, was er ganz am Anfang feststellte – der Park wird eben entweder als Drogenumschlagplatz missbraucht oder als Grillfläche abgenutzt. Was schert es denn die Touris und Laissez-faire-Hippen, ob sie da Gras niederbrennen oder ihren Müll irgendwo hinschmeißen? Alles wird nur noch verbraucht.

Frostige Stimmung in Kreuzberg. (Foto: Enrico Seligmann)

Ninia: Wobei ich ja fast in den Laptop gesprungen wäre, als die Anwohnerin der Reporterin erzählte, dass das eben nicht sein muss, dass “diese Leute” dort Drogen verkaufen. Die hätten ja ganz andere Möglichkeiten.

Enrico: Ja, da zeigt sich gut mit welchem Gedankengut die Neuzugezogenen dort spazieren gehen. Es ist eben wirklich so: Dieses 80er-Jahre-Wir-halten-zusammen-Gefühl existiert dort nur noch in Nischen. Der Rest ist Mythos. Die Leute die für den Erhalt des Gemüseladens und gegen Gentrifizierung protestiert haben, waren doch Alteingesessene. Den Trend-Nachziehern ist der Bezirk doch als solcher egal, der Ruf zählt.

Ninia: Ich wüsste auch gerne, wie du, wie es jetzt mit dem Gemüseladen weitergeht. Der Rausschmiss wurde ja verhindert, aber geklärt war es ja noch nicht. Das wurde dann abgebrochen. “Die Anwälte sprechen miteinander – er soll das Dreifache (!) an Miete zahlen.” Das läuft ja völlig aus dem Ruder. Beispiel auch: Die Wohnung des Arztes, die sich Diane Arapovic anschaut, soll für sie doppelt so viel kosten, wie meine Wohnung in Hannover. Doppelt so viel für zehn Quadratmeter mehr. Nur, dass du dann halt in einem hippen Berliner Viertel wohnst und nicht Hannover. Das fand ich schon beeindruckend, dafür, dass man denkt, in Berlin wär’s immer noch günstig. Das ist anscheinend ja schon lange nicht mehr so – zumindest nicht in den Wunschvierteln.

Enrico: Wenn es nur um ein Wunschviertel gehen würde. Es regt mich echt SO SEHR auf, dass da nur am Görli geschaut wurde. Natürlich ist Kreuzberg teuer, aber es gibt auch dort bezahlbare Ecken. Ich habe selber zwei Jahre am Görlitzer Bahnhof gewohnt, also sehr nahe am Park. Wir haben als 3er-WG für 75m² ca. 950€ warm bezahlt. Drei Straßen weiter, vom Trubel weg, hat die selbe Fläche 300€ weniger gekostet! Wir mussten damals aus unserer alten WG raus und hatten nur diese Zusage, sonst hätten wir denen auch lieber den Mittelfinger gezeigt. Aber daran ist sehr gut ersichtlich, dass sich da viel in bestimmten Straßenzügen staut.

Ninia: Mir hat das auch im Bericht gefehlt. Irgendein Vergleich. Und wenn es eben nur ein paar Straßen weiter gewesen wäre. Als Nicht-Berlinerin kann ich da eben nur selbst nach Vergleichen suchen oder Freund_innen fragen.

Enrico: Es ist eben ein sehr merkwürdiges Benehmen vieler Menschen. Mir wurde auch vor wenigen Monaten die Frage gestellt, wieso man denn in Charlottenburg wohne. Sie wohnte in Neukölln – uiuiui, hip und so. Da dachte ich mir auch: Was zur Hölle ist dein Problem? Ich wohne im S-Bahn-Ring, sollte ich mal nach Neukölln wollen, bin ich in einer halben Stunde da, also halt’ die Backen still. Mit was für einer Abfälligkeit da manchmal von Bezirken gesprochen wird, als wären es Menschen, dabei macht es überall der Mix aus. Und der kippt gerade auch in Kreuzberg. Es ist kein Wunder, dass sich diese “Bewegung” Richtung “Kreuzkölln” fortgesetzt hat und sich langsam über Neukölln ergießt bzw. ergießen wird.

Graffiti in Kreuzberg: Kampansage oder Randansage? (Foto: Enrico Seligmann)

Ninia: Und nun die große Frage: Wie geht’s weiter? Wohnen dann bald nur noch kleine Familien mit mittlerem bis sehr gutem Gehalt in diesen Straßen? Bewegen sich alle anderen immer weiter nach außen? So wie in Paris oder London?

Enrico: Wenn es doch wenigstens Familien wären. Aber in solche riesigen Lofts ziehen doch meist eher die großen Single-Egos, so wie auch am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin-Mitte. Da gab es auch mal einen Bericht über ein Loft-Gebäude und einen Künstler, der da auch weit über 100m² zur Verfügung hatte – schlauchförmige Wohnung – und immer mit dem Rad (!) durch seine Wohnung gefahren ist. Wenige Leute haben zu viel Geld und wissen nicht womit dahin, dort sehe ich eines der Hauptprobleme. Was jedoch eine spannende Entwicklung ist, sind Wohnbauprojekte – aber selbst die sind nur für gut verdienende Familien relevant.

Ninia: Am spannensten finde ich tatsächlich auch die Entwicklung drumherum. Was passiert mit dem Park, mit den Dealern? Können die Neu-Anwohner_innen durchsetzen, dass dort alles immer mehr kontrolliert wird? Gleichzeitig die Senior_innen im Beitrag, die sagen, sie können gar nicht verstehen, dass die Leute es so geil bei ihnen finden, total witzig.

Enrico: Das Ziel ist dort doch vor allem die Verlagerung. Nicht allen Anwohnern geht es um Hilfe für die Flüchtlinge, die dort teilweise dealen, sondern eben darum, dass sie dies bitte nicht vor der eigenen Haustür machen mögen. Und so geht es sicher vielen. Es gab dieses Jahr schon viel mehr und vor allem öfter Kontrollen, wodurch sich die Szene eben verschoben hat, aber eben weiterhin da ist – ebenso wie die Nachfrage! Das sollte nicht vergessen werden.

Ninia: Toll wäre, wenn man aus dieser Kurz-Doku ein Projekt machen würde, das sich über Jahre hinzieht. Einzelne Anwohner_innen lange begleiten und tatsächlich mal schauen, wie sich was entwickelt. Das sind wirklich alles Themen, über die ich ewig quatschen könnte. Auch in Hannover beginnt so eine Entwicklung langsam in einigen Gebieten. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Enrico: Deswegen ist dieses Kurz-Doku so schade, weil sie komplexe Themen nur ankratzt, anstatt eben bspw. über mehrere Jahre oder zumindest Monate mal ein Thema zu verfolgen. Es wäre also schön, wenn das Team an dem Thema dranbleibt und auch mal über den Tellerrand schaut, wie es im Rest der Stadt denn so aussieht. Mir fehlte etwa auch eine Erklärung dafür, wieso die Mietpreisbremse sich so einfach umgehen lässt, weil deren Einhaltung scheinbar kaum bis gar nicht kontrolliert wird.

Ninia: Gute Frage! Hinzu kommt der Tourismus über Airbnb und die Zweckentfremdung von eigentlich nur zum Privatgebrauch gedachtem Wohnraum. Ist ja seit 2014 in Berlin verboten, aber wird das eigentlich kontrolliert? Und wenn ja, wie? Auch das treibt ja die Mietpreise nach oben, weil eben weniger Wohnraum verfügbar ist.

Enrico: Kontrolliert ja, aber wirklich streng … nun ja, davon kann keine Rede sein. Zumindest das wurde in der Doku gut herausgearbeitet. Wir sollten da wohl ebenfalls dranbleiben – wer weiß was dazu alles noch kommt im nächsten Jahr.

Ninia: Dann treffen wir uns bald wieder – zum nächsten virtuellen Kaffee über Mieten, Kaufen, Wohnen, höhö.

 

Fotorechte: Beitragsbild von urbanartcore.eu unter Verwendung der CreativeCommons-Lizenz.

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