Verschwitzte Achselhöhlen

Fusionzauber
Fusionzauber, zauder, zauder. Zu welchem Festival geht es dieses Jahr?

Ende Mai, die Bäume stehen endlich in vollstem Grün herum und die Wassertemperatur nähert sich der Auch-ohne-Neoprenanzug-reinspring-Grenze. Dazu gesellt sich feinster Sonnenschein und schon kann sie losgehen: die Festivalsaison. Hunderte Festivals buhlen wieder um die Aufmerksamkeit der musikalischen Kurzurlauber. Für die einen ist es jährliche Tradition, für die anderen ein Abenteuer – wie stehen die Flâneure zur Freiluft-Musik-Sause?

Enrico: Ich besuche dieses Jahr mein erstes klassisches Festival – mit Zelten, Badesee, Sommer und so. Iceland Airwaves, Reeperbahn Festival, Berlin Festival, Torstraßen Festival, alles kleine bis große innerstädtische Festivals. Jetzt mal das Immergut. Spannung! Bisher schreckten mich immer die Menschenmassen ab. In der Stadt kann ich denen schnell mal aus dem Weg gehen, zack, in eine Seitenstraße rein, Ruhe. Auf einem abgesteckten Festivalgelände wird das schon schwieriger. Aber was Besucherzahlen betrifft, ist das Immergut fast schon schnuckelig zu nennen, ich werde liebe Menschen um mich herum haben und kann bei Lust und Laune einfach in den umliegenden Wäldern spazieren gehen. Hier geht es nicht nur um die Musik, um das stundenlange vor der Bühne tanzen, sondern um ein Gesamterlebnis. Einen Kurzurlaub mit reichhaltigem Programm.

Johanna: So richtig große Festivals mit Horden von Menschen, Saufspiele, kilometerweite Entfernung von Bühne und Zeltplatz und fünf Bands gleichzeitig, die man eigentlich alle sehen möchte, und als kleiner Mensch am Ende doch an einem Rücken oder zwischen einer verschwitzten Achselhöhle feststeckt, während irgendwelche gemeinen Menschen einem das Zelt ausräumen, waren noch nie so mein Ding. Mir geht es dann doch eher um die Musik als den Spaß drumherum (ja, spießig, ja!). Nachdem ich die letzten beiden Jahre entspannt in Haldern festiflânierte (so richtig mit Zelt und so!), bleibe ich dieses Jahr mehr oder weniger daheim und besuche nur kleine Festivals in der Nähe: Das Maifeld Derby (Mogwai, Love A, Motorama, Astronautalis), das Golden Leaves Festival (Sea+Air!) und – was immer da noch spontan auftaucht.

Falk: Vor ein paar Jahren war ich auf dem Melt. War klasse, Bright Eyes spielten, The Faint, Róisín Murphy, lauter Acts, die damals noch richtig cool waren. Nur eben weit im Osten, Gräfenhainichen, Sachsen-Anhalt. Ich ließ die erwachsenen, lebenspraktischen Menschen die Reisevorberitungen übernehmen, und die erwachsenen, lebenspraktischen Menschen fanden ein Quartier, eine Blockhütte im Wald, hinter einem Sägewerk, mit dem Auto eine Dreiviertelstunde von Gräfenhainichen entfernt, aber, hey!, die Alternative wäre Zelten gewesen. Am Morgen saßen wir mit der Sägewerksbesitzergattin beim Kaffee, sie erzählte, dass sie auch gerne auf das Ferropolis-Gelände, auf dem das Melt stattfindet, fahren würden, Onkelz, Maffay, solche Sachen. Und dann schwärmte sie vom florierenden Blockhüttenvermietbetrieb, wir sollten gerne mal wiederkommen, auch schön wäre es im Winter, dann sei der ganze Wald ein Märchenwald, mit Weihnachtsmarkt, aber ein richtig schöner Markt, „nicht so wie in Dessau, mit den ganzen Fidschis dort“. Ich fühlte mich sehr unwohl, und, mal ehrlich, da mochten noch so tolle Bands spielen, das ganze Umfeld passte mir nicht, und ich wollte auch keine tollen Bands mehr in einer Location hören, in der ansonsten die Onkelz spielten. Nie wieder fuhr ich aufs Melt, die tollen Bands hörte ich fortan in kleinen Hallen, die mir zusagten, und ging ansonsten jedes Jahr aufs Dockville. Aber das ist eine andere Geschichte.

Foto: Libertinus – flickr.com – unter Verwendung der CC-Lizenz

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