„John Gabriel Borkman“ gastierte am vergangenen Wochenende beim Theatertreffen in Berlin. © Berliner Festspiele

In Bildlichkeit erstickt: Von links zieht die Mutter, von rechts die Tante, sie zerren an den Ärmeln des wohl hässlichsten Pullovers der Welt und dehnen ihn bis kurz vorm Zerreißen. Sie kämpfen um den Sohn Erhart, gespielt von Jan-Peter Kampwirth, der apathisch zwischen den Frauen sitzt. Er hat sich eigentlich schon für eine Dritte entschieden. Die Mutter Gunhild (Julia Wieninger) im rosarotem Kleid beansprucht den eigenen Sohn für sich, er soll die Familienehre wiederherstellen. Am anderen Ende Ella (Lina Beckmann) in einem hellblauen Nachthemd, einem Traum aus Spitze, sie ist schwer krank und hofft auf den Beistand Erharts in den letzten Tagen ihres Lebens. Bildlicher hätte Karin Henkel den Grundkonflikt ihrer Inszenierung von Ibsens „John Gabriel Borkman“ gar nicht darstellen können. Tatsächlich schwankt der gebrochene und doch wüst kommandierende Borkman (Josef Ostendorf) nur am Rande durch die Inszenierung, die ursprünglich dem Deutschen Schauspielhaus in Hamburg entstammt.

Henkel streicht nicht nur die Textfassung auf sportliche 105 Minuten herunter, sie hebt auch die architektonische Trennung der Stockwerke in Ibsens Stück auf. Durch den Betrug des Vaters flüchten die Charaktere in den Untergrund, um hier auf bessere Zeiten zu hoffen. Die Familie findet sich in einem grüngräulichen Bunker wieder, dessen Treppe nirgendwo hinführt, dessen Fenster zugemauert sind – eine Architektur der Aussichtslosigkeit. Katrin Nottrodt verleiht der Bühne einen trügerischen Fluchtpunkt, die Treppenstufen sind in ihrer Asymmetrie ein Hindernis, nicht nur für die zitternde und zuckende Ella. Um der Tyrannei Borkmans, wenn schon nicht durch räumliche Trennung, Ausdruck zu verleihen, verstärkt ein akustisches Echo sein Stampfen. Der grollend dröhnende Klang als Zeichen für die Übermacht des Alten. Henkel liefert auch hier die Interpretation auf dem Silbertablett.

Motiv: Lina Beckmann

Für ihre Darstellung der Ella mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet: Lina Beckmann. © Marie Köhler

Anstatt das Stück zu aktualisieren, drehen sich die Figuren in einer scheinbar ewigen Exposition im Kreis, das Stück erstickt in Schuldzuweisungen. Amüsanter Lichtblick an diesem Abend des Theatertreffens ist Lina Beckmann. Stolpernd quält sie sich die Treppen der Katakomben hinunter, zittert, zupft und wackelt, dabei notorisch schwitzend und nach Luft lechzend. Im nächsten Moment rührt sie in einer pantomimisch erdachten Kaffeetasse oder bezirzt ihre frühere Liebe Borkman, indem sie in einem stöckelnden Ausdruckstanz alle Klischees der Verführung ertanzt. Wirbelnd und kreisend, bis der Slapstick in einem missglückten Spagat endet. Für ihre schauspielerische Leistung bekam Beckmann im Anschluss an die Aufführung im Haus der Berliner Festspiele den 3sat-Preis verliehen.

Nach so einer Tanzeinlage läuft Ella Blut aus der Nase, das sie hinter ihrer Maske zu kaschieren versucht. Die Masken, die fleischfarbenen, entstellenden Lappen, hinter denen sich die Charaktere zuweilen verstecken, verbleiben als willkürliches Requisit, ein inhaltlicher Zusammenhang, wann diese ein- oder abgesetzt werden, erschließt sich nicht. Das Stück endet, wo es angefangen hat: Borkman liegt auf dem Totenbett, am oberen Ende der Treppe aufgebahrt. Der Kreis schließt sich. Trotz der Kürze der Textfassung haben sich Längen eingeschlichen. Es ist halt nicht einfach mit Borkman – zum Zerreißen.

Noch bis zum 17. Mai sind beim Theatertreffen in Berlin die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen der letzten Saison zu sehen.