Ein bisschen New-York-Gefühl in Berlin: Hochhäuser am Potsdamer Platz. (Foto: Katharina Röben)

Die Debatte ist nicht neu: Darf Berlin sich Weltstadt nennen? Wie beliebt ist die Hauptstadt und wie stolz darf sie darauf sein? Schon im Februar vergangenen Jahres verkündete ein Artikel des amerikanischen Blogs Gawker „Berlin is over“, hierzulande griffen Medien wie der Tagesspiegel oder die taz die Diskussion auf. Michael Sontheimer nahm sich jetzt das neue Ausstellungskonzept für das in vier Jahren eröffnende Berliner Stadtschloss als Anlass, die Debatte über die Hauptstadt erneut anzuheizen. „Welt.Stadt.Berlin“ soll die Schau heißen, die Bürgermeister Michael Müller auf der eigentlich für die Berliner Zentral- und Landesbibliothek reservierten Fläche plant. In einem Artikel für Spiegel Online stellt Sontheimer die Frage, ob der Titel Weltstadt überhaupt gerechtfertigt sei.

Natürlich möchte keiner eine überhebliche, großkotzige Selbstdarstellung. Was genau mit einer „großen Inszenierung“ und „expressiver Ausstellungsarchitektur“ gemeint ist, wird sich zeigen. Doch die Bescheidenheit, die Sontheimer einfordert, ist nur in Maßen gerechtfertigt. Seine Argumentation basiert auf der Aussage, Berlin sei nie Weltstadt gewesen, so wie London oder New York. Ein Vergleich bei dem Berlin ins Hintertreffen gerät. Berlin ist anders – lange nicht so groß wie die angeführten Beispiele, jedoch auf politischer und kultureller Ebene keineswegs unwichtig. Sontheimer ist nicht der erste, der eine solche Argumentation anführt, schon Süddeutsche Zeitung, ZEIT, Hamburger Abendblatt, Deutsche Welle und Focus Online bemühten sich um einen Beitrag zur Weltstadt-Frage.

Sein Kommentar geht historisch vor. Er durchstreift die Geschichte der Stadt, erzählt von niedrigem Ausländeranteil in den 20er-Jahren und dem Auto-pro-Kopf-Verhältnis in den 30ern. Der historische Exkurs scheint schlüssig, es ist jedoch fraglich, inwiefern die Auto-Quote Aussagen über den heutigen kosmopolitischen Charakter der Stadt zulässt.

Laut Sontheimer haben sich Müller und Tim Renner, Berliner Staatssekretär für Kultur, mit Größenwahn angesteckt. Müller, der erst seit knapp vier Monaten Bürgermeister ist, sagte in einem Interview: „Es wird zu meinen Schwerpunkten gehören, den Dialog von Politik und Stadtgesellschaft neu zu gestalten.“ Ja, was will die Stadtgesellschaft eigentlich? Wer die Kommentare prominenter Unterstützer für das Projekt sucht, geht auf der Homepage des Fördervereins Berliner Schloss schlichtweg leer aus. Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag des stern sind die Berliner wenig begeistert. Ein Herzensprojekt ist es nicht, leidenschaftlicher Protest blieb aus. Vielleicht liegt es auch an der Distanz zu dem Projekt. Kein Kiez ist betroffen, das Stadtschloss liegt in einem der touristischsten Viertel der Stadt. Für die Sehenswürdigkeitensuchenden wird die Ausstellung in erster Linie konzipiert, die, und da hat Sontheimer völlig Recht, genügend Raum braucht und kritische Töne nicht aussparen darf. Jeglichen Stolz auf die Stadt zu zerreden ist keine Lösung. Das Problem ist nicht die Stadt selbst, wie es im ersten Moment scheint, sondern die Notwendigkeit dieser Ausstellung. Eine Debatte, die über eine Statusfrage hinausgeht.