Jetzt ist es raus: Hamburg bewirbt sich – im Namen von GANZ Deutschland – für die Olympischen Spiele 2014. Nach einer kolossalen Werbeschlacht zwischen Hamburg und Berlin hat die Hansestadt gewonnen. Aber ob das so gut ist? Falk und Enrico haben für Hamburg und Berlin aufgeschrieben, was sie davon halten.
Falk (Hamburg):
Als nach Hamburg Zugezogener, als Quiddje, sollte man einiges unterlassen. Zum Beispiel sollte man keinen übertriebenen Lokalpatriotismus zeigen, „Hamburg, meine Perle“, „Schönsste Stadt der Welt“, da legen die Hanseaten die Stirn in Falten und finden einen prollig. Also bin ich Quiddje kein Lokalpatriot, hab’ ich außerdem auch gar nicht nötig. Allerdings: Ein bisschen freu’ ich mich dann doch, dass Hamburg deutsche Bewerberstadt für Olympia irgendwann wird, Hamburg, nicht Berlin. Weil Berlin ohnehin schon alles abbekommt, Brad Pitt, die dpa, Daniel Richter, alle zieht es in die Hauptstadt, und Hamburg kriegt derweil die Spreu, das ist unfair, immerhin haben wir hier, na, was haben wir? Die Elbe! Die Elbe habt ihr nicht in Berlin, dabei ist das so ein toller Fluss, und deswegen ist es nur fair, wenn Hamburg für Deutschland antritt! Und jetzt ist auch gut mit dem Lokalpatriotismus.
Macht Olympia, von mir aus, aber macht es nicht in meinem Vorgarten, und mein Vorgarten ist nunmal das Elbufer. Ich meine, ein Wettstreit der Nationen, was für eine schwachsinnige Idee ist das denn? Nationalistendreck, und wenn ich vor die Türe trete, hängt an meiner Fassade womöglich eine schwarzrotgoldene Fahne? Na, danke auch! Überhaupt, Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes, Aushebelung von Gemeinschaftsrechten, gewachsene Stadtkultur als Kulisse fürs Sponsorenschaulaufen – das ist doch der olympische Geist, das kennen wir von den bisherigen Spielen, das muss man hier nicht haben. Barcelona habe total profitiert von den Spielen 1992, hört man, aber angeblich habe vor allem die Immobilienbranche profitiert, und heute ist Barcelona eine der teuersten Städte im Euroraum, sollte man auch einrechnen, ne? Nein, ich bin gegen die Spiele in Hamburg, im Herbst gibt es eine Volksabstimmung, und an der darf ich teilnehmen, obwohl ich zugezogen bin. Ratet mal, was ich da abstimme?
Aber im Grunde ist das auch wumpe, was ich abstimme. Weil: Hamburg mag sich gegen Berlin durchgesetzt haben, aber viel wichtiger ist die internationale Konkurrenz, und die heißt Boston (haushoher Favorit, was ich zwar nicht verstehe, Boston ist ja angeblich die langweiligste Stadt der gesamten USA, aber gut), die heißt Rom (ewige Stadt), die heißt wahrscheinlich Paris und möglicherweise Istanbul. Da wird Hamburg untergehen, und das freut mich. Das freut mich fast so sehr wie es mich freute, dass Hamburg gegen Berlin gewonnen hat.
Enrico (Berlin):
Ich sah in den letzten Wochen oft Schlagzeilen, in denen die Worte Berlin, Hamburg und Olympia in Verbindung mit verschiedensten Füllwörtern auftauchten. Dazu den lächerlichen Versuch, im Stadtbild Stimmung für Olympia zu machen. LED-Schrift auf der Fassade des Fernsehturms, Plakatwerbung die mal wieder an das “Wir” appelliert etc. – das übliche Blablabla, dass darauf abzielt, eine Stimmung zu erzwingen. Meine Güte, am Beginn dieser ganzen Geschichte war das Interesse der Berliner an Olympia extrem gering und wurde mühevoll nach oben getrieben, aber wahres Interesse? Nein. Eher ein mitleidiges “Herrje, dann nehmt meine Stimme, solange ihr dann endlich Ruhe gebt.” Und wieso? Die meisten Leute haben schlicht andere Probleme, als sich mit der x-ten Sportveranstaltung im XXL-Format auseinanderzusetzen.
Deshalb bin ich froh, dass der kurze Spuk gleich wieder vorbei ist. Olympia ist ein kapitalistisches Monstrum, ebenso wie die Fußball-Weltmeisterschaft oder Wok-WM. Ohne Scherz, habe da mal ‘rein gestreamt und jede noch so kleine Eisfläche wurde über die Jahre mit Werbung zugebombt. Die Events von Stefan Raab sind sicher der feuchte Traum der Werbeabteilung von ProSieben. Aber zurück zu Olympia: Um den Sport geht es nur am Rande, nicht mal um Spaß, es geht vor allem um den Schein. Ein Schein, der daraus besteht, für hunderte Millionen Euro Sportanlagen ins Gelände zu pflanzen, die hochgerechnet 3x benutzt werden. Nachnutzungskonzepte sehen dann bspw. eine Verwendung als riesigen Blumentopf vor, nichts was man erst nehmen muss. Dazu ein undeutbares Gefühl von Internationalität und Weltrang, in dem sich die Gastgeberstadt dann suhlen darf, bevor es wieder ans Nutzlose-Stadien-verteil-Bingo geht. Es zeigt sich immer mehr, dass die Leute keinen Bock mehr auf diese Show haben. Und das ist gut so.
Von daher hoffe ich für meine nicht so heimliche Herzensstadt Hamburg, dass sie verlieren wird. Die Einwohner werden es der Stadt danken. Noch besser wäre nur, wenn auch die anderen Städte einfach mal “Nö” sagen und kurzfristigen Ruhm nicht gegen das langfristige Wohl ihrer Bürger und Bürgerinnen tauschen würden.
Fotorechte: flickr.com – chris grabert, unter Verwendung der CreativeCommons-Lizenz





