20 Millionen neue Bilder werden täglich auf Instagram hochgeladen. Wer möchte, kann sich Fotos von Sonnenuntergängen aus aller Welt, die schönsten #spiralstaircases und Selfies amerikanischer Rich Kids anschauen. Oder schlicht das Leben seiner Freunde verfolgen. Ich mag das Entdecken fremder Lebenswelten, den Blick ins Private bei anderen. Aber Instagram ist im Kern keine Plattform für Fotokunst, sondern ein soziales Netzwerk mit visuellem Schwerpunkt. Das heißt aber nicht, dass dort nicht auch ambitionierte Fotografen zu finden sind.

Ein Beispiel dafür ist das Projekt “This ain’t art school” der Kunsthistorikerin Anika Meier und ihrer Mitstreiter. Auf Instagram ist sie als @gert_pauly aktiv und fotografiert Hunde, Fassaden und Straßenszenen. Im Sommer nahm sie am Instameet in Berlin teil und merkte, dass ihr etwas fehlt: “200 Leute aus ganz Europa waren angereist und es war sehr lustig. Aber irgendwann ging es nur mehr darum, sich gegenseitig zu fotografieren. Darüber hinaus gibt es auf Instagram gewisse Themen, die überstrapaziert werden: Wendeltreppen, Leute fotografieren sich von oben im Sand oder im Laub, gewisse Hashtags … ich nenne das immer Community Photography.” Im Bus nach Hause fiel ihr ein Interview von Hans Ulrich Obrist mit dem Fotografen Juergen Teller im System Magazin in die Hände. Juergen Teller erzählte von den fotografischen Hausaufgaben, die er seinen Kunststudenten in Nürnberg mitgibt. Das wäre doch auch etwas für Instagram, dachte sich Anika, und rief gemeinsam mit @lindaberlin zum #juergentellerassignment auf.

@lindaberlin and I are currently working on a little photo project titled #juergentellerassignment. Juergen Teller recently talked with @hansulrichobrist in an interview for @systemmagazine about the various assignments he had given his students at the Academy of Fine Arts in Nuremberg. Linda and I thought it’d be fun to fulfill these tasks here on instagram. Please take 1 photo of your house (or inside your home) 2 photos of the street where you live 2 photos of animals 1 self-portrait 1 photo of a forest 1 funny photo 2 photos of your favourite food 1 photo with another camera (Teller said, take an iPhone photo but since we only shoot with our phones please take a photo with another camera. Either post this or if you say, only iPhone photos in my gallery, take a photo of the photo. #meta) 1 photo of your parents, a friend, an important person in your life That’s pretty much what Juergen Teller wanted his students to do. We’ve just left the nudes out and cut down on numbers. His students had to take around 40 photos. Please post your twelve photos (in no particular order) between the 1st and 17th of August and use the hashtag #juergentellerassignment. Don’t forget to tell your followers what the hashtag and the little project is all about when you post your first photo.

Ein von @thisaintartschool gepostetes Foto am

Die Regeln sind simpel: Die Aufgaben im angegebenen Zeitraum erledigen, keine alten Bilder posten, mit Smartphone fotografieren und den Hashtag nicht vergessen. Es scheint, als hätten viele nur auf so neue Herausforderungen gewartet: Über 200 Leute nahmen teil und posteten über 2.000 Bilder mit dem Hashtag #juergentellerassignment. Dabei gibt es nichts zu gewinnen – außer lobenswerter Erwähnungen und Reposts der Organisatoren und neuer Erfahrungen.

Letzere sind auch entscheidender Antrieb von Hertje Brodersen. Als (@hypercatalecta) war sie von Anfang an dabei – erst als Teilnehmerin und seit der zweiten Runde, dem #henricartierbressonassignment, das vom 1. bis 31. Oktober lief, auch als Mitorganisatorin neben Anika und dem Maler Jorg Sengers. Ihre Spezialität sind eigentlich Bilder von Stühlen, die sie unter dem Hashtag #misplacedchairgallery sammelt. Aber “This aint art school” bewegt sie und andere dazu, Neues auszuprobieren: “Wir merken am Nutzerfeedback, dass viele ihre Komfortzone verlassen. Die Leute gehen raus und sprechen jemanden in ihrer Nachbarschaft an, mit dem sie sonst nie gesprochen hätten. Oder man geht mal an andere Orte und kommt aus seinem Instagram-Trott heraus”. Dabei posten die Teilnehmer neben den Bildern oft auch die Geschichte der Protagonisten und verleihen dem Werk eine zusätzliche Bedeutungsebene.

Auch Anika gefällt an “This aint artschool” vor allem das Abweichen vom Normalzustand: “Ich finde es schön, dass man nicht immer dieselben Themen wiederholt oder das fotografiert, was einem vor die Füße fällt. Man muss sich Gedanken um seine Fotos machen. Beim Candida-Höfer-Assignment musste man beispielsweise erstmal interessante Locations recherchieren.”

Auf Ideen für ihre Assignments kommen Anika, Hertje und Jorg durch Vorschläge der Teilnehmer, aber auch eigene Vorlieben. Zudem spielt die Machbarkeit eine Rolle: Gerade im Winter war beispielsweise Candida Höfer mit ihren Fotoserien von öffentlichen Räumen wie Bibliotheken oder Museen besser als Assignementinspiration geeignet als ein sonnenverliebter Outdoor-Fotograf. Mit den Aufgaben vermittelt das Team dann auch ein wenig Historie zu den Fotografen und gräbt gerne mal weniger bekannte Fakten aus. So wurden die Teilnehmer im Rahmen des #henribressoncartierassignments dazu aufgefordert, Enten zu fotografieren, da der für seine Schwarzweißfotografie bekannte Künstler seine neuen Kameralinsen auf diese Weise testete.

Bei all der Ambition sehen die beiden sich aber nicht als Künstler, wie Hertje erzählt: “Es hat viel mit Selbstwahrnehmung zu tun, ob etwas Kunst ist oder nicht. Ich sehe mich zum Beispiel nicht als Künstlerin. Das Ziel für mich ist, einen anderen Blick zu bekommen und zu, was andere aus den Aufgaben machen.” Anika ergänzt: “Manche fühlen sich zum Künstler berufen, weil sie auf der “Suggested User”-Liste von Instagram landen und nette Kommentare zu ihren Wendeltreppenfotos bekommen. Man muss gucken, was am Ende bleibt.” Mit “This ain’t art school” wollen sie aber sehr wohl den Raum zwischen Kunst, Dokumentation und Alltag ausloten.

Für den Betrachter der eingereichten Bilder bleibt am Ende eine virtuelle Galerie mit Fotografien unterschiedlicher Qualität, die aus der üblichen Instagram-Bildsprache herausfallen und oft ihre ganz eigene Geschichte erzählen. Falls ihr Lust bekommen habt, mitzumachen: Bis 10. Januar läuft das aktuelle Assignment namens “Family Portrait” – ihr könnt euch ja denken, worum es geht.

Viel Spaß beim Fotografieren!

Ein von @thisaintartschool gepostetes Foto am

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