Ich male, aber ich male nicht soviel, wie ich malen sollte, weil ich friere.
– Chris Parker

LadenDer Himmel war seit Tagen mit demselben, zu oft gewaschenen Spannbetttuch verhangen. Es hing dort, aschgrau und faltenlos und so tief, dass ich glaubte, es würde meinen Hut streifen, wenn ich aus dem Hausgang heraus ins Freie treten würde. Die Luft war wie erwartet kalt und feucht. Erst gestern hatte ich aus dem Zugfenster geschaut und Kürbisse gesehen, die auf einem mit Erdkrumen, Schlamm und verfaulten Gräsern bedeckten Feld lagen. Kürbisse im Dezember, hatte ich mir gedacht und mich gefragt, wieso wir soviele Gedanken an Meteorologie verschwenden, obwohl die meisten von uns nicht das geringste davon verstehen. Wahrscheinlich, weil wir uns alle für gute Beobachter halten. Als ich die Humboldtstraße hinunterging, bemerkte ich, dass ich mir die Adresse nicht notiert hatte, erinnerte mich aber daran, dass ich lediglich einen rechten Winkel abzulaufen brauchte, um sie zu finden. Nach wenigen Schritten begann es leicht zu nieseln. Ein aufgequollenes Stück Zeitung haftete sich für eine Weile an meine Schuhe, bis es sich an einer Ampel von selbst wieder löste.

Nürnbergs Straßen (jene Seitenstraßen, in denen für gewöhnlich niemand stehenbleibt, der nicht dort wohnt) sind voller aufgegebener Geschäfte, kleinen Läden mit ein oder zwei Schaufenstern, und darüber die dunklen Umrisse eines lange abmontierten Schilds: Läden, die Motiven auf alten Postkarten gleichen, die nicht mehr hergestellt werden und in keinem drehbaren Regal mehr zu finden sind. Wenn man hineinschaut, kann man manchmal die abgedunkelten Verkaufsräume erkennen, in deren Ecken oft ein verstaubtes Plastikgewächs steht, oder leergeräumte Frischhaltetheken, auf denen noch immer die flache Schale liegt, in die einmal das Münzgeld gelegt wurde.

Das leere Ladengeschäft, in dem die Ausstellungseröffnung stattfand, war deutlich größer und der Innenraum mit schmucklosen Säulen gestützt. Die großen Schaufenster im Erdgeschoss führten ohne Unterbrechung um die Ecke des Hauses herum. Alles war hell ausgeleuchtet. Ich drückte erst gegen die ebenfalls gläserne Eingangstür, bevor ich daran zog (wie es eigentlich erforderlich war), aber das Ergebnis war einerlei: Sie war verschlossen, weshalb ich mich an einen Stromkasten lehnte und wartete (nebenbei zählte ich ein paar vorbeifahrende Autos, deren Zahl ich schließlich mit Drei multiplizierte, wobei das Ergebnis überraschenderweise mit der Zahl der Straßenlaternen korrelierte, die sich in meinem Blickfeld befanden). Einige Meter neben mir stand eine Frau mit blauer Brille und rauchte, während sie ihr Smartphone berührte und lautlos vor sich hin murmelte.

Später fanden sich außer mir noch zwei weitere Besucher vor dem ehemaligen Ladengeschäft ein, und die Frau mit der blauen Brille (die offenbar die Galeristin war) bat uns, ihr zu folgen, nachdem sie die Tür aufgeschlossen hatte. Wir gingen langsam und getrennt voneinander durch den Raum, der von einer unruhig zischelnden Gasheizung erwärmt wurde. Die Schuhe der Galeristin klackten auf den Bodenfliesen. An den fensterlosen, weiß gestrichenen Wänden hingen etwa zehn großformatige und von Rahmen aus verzwirbeltem Draht eingefasste Bilder, die von kleinen Leuchtern bestrahlt wurden. Es schien sich um so etwas wie Abbildungen von Inseln oder unbekannten Kontinenten zu handeln: Sie zeigten allesamt die Umrisse von Ländern (besser: von Landmasse) in den gleichen rostroten, bräunlichen Farbtönen, die sich mal dunkel verdichteten und mal verwässerten, so dass das Papier wie ein Knochen darunter hindurch schimmerte.

„Schauen Sie sich ruhig ausgiebig um“, sagte die Galeristin, die ihren Mantel abgelegt hatte und ein Lächeln lächelte, das die Enttäuschung nicht verbergen konnte. „Der Künstler sollte bald eintreffen, dann können wir anfangen.“ Einer der beiden Männer, die noch gekommen waren, nickte und wendete sich mit übertriebener Aufmerksamkeit wieder den Bildern zu. Mir fiel erst jetzt auf, dass er eine olivfarbene Militärjacke und zwei bunte Jogginghosen übereinander trug, sowie überhaupt einen ziemlich heruntergekommenen Eindruck machte.

Vor mir sah ich jetzt Halbinseln und Buchten. Zerklüftete Küstenlinien, wenn man so wollte, langgestreckte Landzungen, Binnenseen in unterschiedlichster Größe und selbst darauf noch winzige Eilande. Auf manchen Bildern waren mit Bleistift kleine Punkte und Pfeile aufgezeichnet, neben denen in verdrehten, kaum lesbaren Druckbuchstaben Dinge standen wie: Das ist dort, wo ich noch nie gewesen bin. Oder: Das ist dort, wo ich auch noch nie gewesen bin. Oder: Das ist dort, wo ich vielleicht bald sein werde. Oder: Das ist dort, wo man die toten Fische finden wird. Je genauer man die Bilder betrachtete, desto zahlreicher wurden die Mitteilungen (die eingezeichneten Gebirgsketten ähnelten), und ich hatte Mühe, sie genau zu entziffern: Das ist dort, wo nichts eine Farbe hat. Das ist dort, wo man mir das Bein abnehmen wird. Das ist dort, wo das Eisen aus dem Himmel fällt. Nach einer Weile schob ich ratlos meine Hände in die Taschen meines Mantels. Draußen war es längst dunkel geworden.

„So, meine Damen und Herren, wir würden dann anfangen.“ Die Galeristin hat ihre Hände vor der Hüfte gefaltet und wiederholte noch einmal, dass der Künstler sicher in Kürze eintreffen werde. Ich lehnte mich an eine der Säulen und spielte mit den Fetzen eines Tempotaschentuchs in meiner Tasche, während die Galeristin begann, Leuten irgendeines Museums oder Instituts und insbesondere der Sparkasse Nürnberg zu danken. Dann sagte sie, das Terra Incognita-Projekt des – im übrigen in Nürnberg geborenen – Künstlers (dessen Name Ulrich Drak lautete) sei in dieser Form einmalig, man würde sich freuen, etc., und nach einem langwierigen Exkurs über die Sichtbarmachung des Unbekannten erläuterte sie schließlich die Arbeitsweise, mit der die Bilder zustande gekommen waren: Offenbar handelte es sich um große Flecken ausgeschütteter Farbe, die der Künstler auf dem Papier hatte trocknen lassen, um sie danach sorgfältig mit Bleistift zu umranden; seine Vorstellung davon, wie neues Land geschaffen wurde.

„Was für eine Farbe soll denn das sein, die da verwendet wurde“, fragte der Mann mit den zwei Jogginghosen in breitem fränkischem Akzent. Ich hatte mittlerweile festgestellt, dass auch der zweite Mann ähnlich derangiert wirkte (seine fettigen Haare sprießten willkürlich aus den groben Maschen seiner Strickmütze), und die beiden sahen nicht nur äußerst heruntergekommen aus, sie rochen auch schlecht, was ich ebenfalls feststellen musste, trotzdem ich nicht unmittelbar hinter ihnen stand. „Ich fürchte, das kann ich Ihnen nicht beantworten.“ Die Galeristin machte einen verunsicherten Eindruck. „Ich schon, glaube ich“, sagte der Mann. Er hob setzte seine Zeigefinger unter dem rechten Ohr an und beschrieb über seine Kehle hinweg einen sauberen Bogen zum linken Ohr. Er schaute vielsagend zu dem anderen hinüber, doch der starrte nur entschlossen auf den Boden. „Aber nein, so ein Unsinn“, sagte die Galeristin nach kurzem Zögern und lächelte etwas gequält. „Aber warum fragen Sie den Künstler nicht selbst? Er wird sicher jeden Augenblick kommen.“

„Hast du gehört“, sagte die doppelte Jogginghose zu der Mütze. „Der Uli ist gleich da.“ Die Mütze nickte kaum merklich. „Wieso braucht er denn solange?“ Die Frage der doppelten Jogginghose war an die Galeristin gerichtet, die jetzt ihr Smartphone hervorgezogen hatte und nervös auf den Bildschirm schielte. „Das kann ich Ihnen auch nicht beantworten. Aber er kommt ganz bestimmt.“ „Gut“, sagte die doppelte Jogginghose. „Wir warten. Wir haben jede Menge Zeit.“

Er schlenderte zum Buffet herüber, das auf einem langen Tisch vor dem Schaufenster errichtet worden war und öffnete sich eine Flasche Zirndorfer mit den Zähnen. Dann langte er nach den gefüllten Blätterteighäppchen. „Nur zu, bedienen Sie sich“, sagte die Galeristin. Das Essen sei umsonst, die Getränke müsse man allerdings berechnen. Ihre Worte hallten ein wenig in dem nahezu leeren Raum. Ich inspizierte konzentriert einen der Landstriche, als ich spürte, wie sie meinen Blick suchte, um ein Gespräch beginnen zu können. Das ist dort, wo der Boden von unten nach oben gewendet wird, las ich auf einer großen roten Fläche, die eine Prärie sein musste. Die Mütze war mittlerweile dazu übergegangen, ihre Hände über der Gasheizung zu wärmen. Einen Moment lang rührte sich niemand und alles wurde still, nur die Heizung zischte noch immer ihre leise Beschwerde. Von außen mussten wir ausschauen wie die Entdecker eines bereits besiedelten Kontinents (der aus Glas und aus Licht war) oder die stummen Gestalten auf einem lange vergessenen Gemälde von Edward Hopper.

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