Neues vom Kriminalsofa (40)

tatortsofa

Einige von uns Flâneuren schauen gerne den Tatort. In einem kurzen Rückblick zeigen wir euch an jedem Nach-Tatort-Montag, was wir über den aktuellen Tatort denken, welche Gefühle wir beim Schauen hatten und ob es sich lohnt, noch einmal in die Mediathek zu schauen.

Die harten Fakten:

Titel: Eine Frage des Gewissens

Stadt: Stuttgart

ErmittlerInnen: Lannert & Bootz

Austrahlungsdatum: 23. November 2014

tl;dr

Falk: Polizeigewalt, Polizist unter Mordverdacht, meine ehemalige Unistadt Tübingen.

Johanna: Überfall im Supermarkt, Polizist auf Bewährung, “linksextreme” Hausbesetzer, Alkoholprobleme – gespickt mit ein wenig schwäbisch.

Mark: Zwei Fälle, die nichts miteinander zu tun haben, aber am Ende dann irgendwie doch.

Falk: Wir begrüßen bei dieser Gelegenheit unseren Mit-Tatort-Kommentator Mark auf dem Kriminalsofa.

Johanna: Hallo, Mark.

Mark: Ach, hallo! Gemütlich hier.

Überraschungsmoment

Johanna: Puh, so richtig überraschend war es dann doch nicht. Vielleicht, dass die Frau des Staatsanwalts die Alice erschossen hat. Aber das haben sie so schon langsam einfließen lassen – in einem Zeitraum von fünf Minuten schrieb nahezu jede_r auf Twitter “Die Ehefrau wars!”

Falk: Ich fand tatsächlich überraschend, wie das Drehbuch versucht hat, dem Anwalt noch am Zeug zu flicken. Dass das dann unglaublich ungeschickt passierte … Naja, das war beim SWR wiederum gar nicht überraschend.

Johanna: “Dem Anwalt noch am Zeug zu flicken” – sagt man das so im Schwabenländle?

Falk: Na toll, jetzt kann ich mein Geschreibsel nicht mal mehr ausbessern.

Mark: Kchkch.

Das hat gefehlt

Johanna: Raum für wirklich schöne schauspielerische Leistungen der tollen Nebendarstellerinnen.

Mark: Ja! Die Anwältin hat keinen einzigen bedeutenden Dialog sprechen dürfen.

Johanna: Wenigstens durfte sie sich umbringen.

Falk: Das war einfach kein Film, der Frauen irgendetwas Interessantes zugestand.

Das war zu viel

Falk: Das Overacting des Anwalts.

Johanna: Alkoholgefühlsduseleiproblematisierung.

Mark: Zu viel Klischeeszenen: Der einsame Polizist, der nach ein paar stillschweigend verdrückten Bieren dem Barkeeper einen Zehner auf dem Thresen hinterlässt. Der andere einsame Polizist, der bei Nacht voll der Gedanken und Zweifel über die Stadt blickt. Bäh.

Lieblingsdialog

Falk: “Schießen Sie los, Herr Lannert. Wenn Sie das nicht zu wörtlich nehmen.” Okay, war kein Krimi für spritzige Dialoge.

Johanna: Chrchrchr.

Mark: Meinen Lieblingssatz würde ich auch gerne häufiger sagen:

Johanna: Bootz: “Vorsicht, ich bin besoffen”. Ich hab nur keine Ahnung, was Lannert dazu gesagt hat. Und:

(Ok, der Dialog hat so nicht wirklich stattgefunden.)

Lieblingsszene

Falk: Als die Kommissare über die Neckarbrücke in die Tübinger Altstadt gefahren sind. Wobei das ein Fehler war: Das linke Wohnprojekt, in das sie gefahren sind, lag, wenn ich das richtig verstanden habe, in der Südstadt, und da kamen die beiden gerade her.

Johanna: Da hätte ich mir Musik gewünscht. Was aus dem Drive-Soundtrack. Aber mit Musik wurde ja sowieso gespart. Sehr schade. Aber das Set up für den Staatsanwalt fand ich schon recht amüsant.

Mark: Ich kenne mich mit und in Stuttgart null aus und fand die kurzen Kamerafahrten fein. Sightseeing für umme quasi, nett.

Falk: Tübingen. Das war in Tübingen und nicht in Stuttgart. Oder meinst du jetzt was anderes?

Mark: Ich meine die Bilder von Baustellen, Reihenhäusern und Hochhausfassaden.

Johanna: Die fand ich auch nett, das haben sie aber eigentlich nur am Anfang gemacht. Ansonsten war wenig Stuttgart, oder?

Mark: Ich habe jetzt auf jeden Fall Lust, mal vorbeizuschauen.

Falk: Du bekommst bei “Baustellen, Reihenhäusern und Hochhausfassaden” Lust, vorbeizuschauen?

Mark: Ich bin nun mal ein wenig merkwürdig, weshalb ihr mich hier auch so selten mit aufs Sofa lasst.

Dabei habe ich Gänsehaut bekommen

Mark: Leider gar nicht.

Falk: Ich bin da voll mit Mark.

Johanna: Da sind wir uns ja einig.

Fehler

Johanna: Der schwäbische Dialekt von Paula, oder? Eva Bay kommt ja aus Hamburg, und das merkte man dann auch. (Gibt es denn keine schwäbelnden Schauspielerinnen? Frage für die Authentizität.)

Falk: Ha, woisch, des kann mr nie so g’nau sage, ob da oine aus Tiabinga kommt oder vo dr Alb ra, überall schwätzted se a bissle underschiedlich. Aber mal ernsthaft: Der Kardinalfehler war doch, dass Lannert ermittelte, im Mordfall an einer Frau, die im Zweifel vor Gericht gegen ihn ausgesagt hätte.

Mark: Word! Ich hoffe doch mal stark, dass das deutsche Rechtssystem so nicht funktioniert.

Johanna: Und was mich auch noch genervt hat: Als der Staatsanwalt Bootz fragte, warum denn Lannert und nicht er geschossen habe und Bootz dann anfing, rumzudrucksen. Ich meine, hallo, er stand ja viel weiter weg. Reicht das nicht als Antwort? Fall geklärt, Tatort aus.

Top-Tweet

Johanna:

Falk:

Mark:

Bechdel-Test

Falk: Nicht bestanden. Der Stuttgarter Tatort ist und bleibt Jungsland.

Johanna: Männerland. Oder so. Auf jeden Fall durchgefallen – die einzige Konversation zwischen zwei Frauen war das Telefonat von Alice und Paula.

Falk: Und selbst das war gar keine echte Kommunikation, weil es ja nur über die Mailbox lief.

Mark: Außerdem ging es darin ja auch um einen Mann.

Das habe ich gelernt

Falk: Der Schritt vom linken Engagement zur Drogenszene und von dort zum gewalttätigen Raubüberfall ist ein sehr, sehr kurzer. Das sollten wir doch so lernen, lieber SWR, oder?

Mark: Man kann ein noch so belastendes Privat- und Berufsleben haben, egal: Am Ende wird fix der Müll rausgetragen, und dann ist alles wieder gut. Ach, wär’s doch bloß so einfach.

Johanna: Bei einer Vergewaltigung sind immer die Frauen Schuld. Achso, ne, das ist ja nichts Neues.

Das wünsche ich mir beim nächsten Mal

Johanna: Einen ebenso guten Tatort, der dann aber nicht so ein blödes Ende – wie Mark mit dem Müll so schön beschrieben hat – hat. Bitte einfach noch einen Knall (Peng, Peng oder wie auch immer) und dann den Abspann.

Falk: Ein Drehbuch, das sich traut, zwei Fälle auch mal nicht miteinander zu verbinden. Einen Polizisten, der ein schlechter Mensch ist. Eine Juristin, die ihren Job gut macht. Eine filmische Bildsprache, die mehr ist als das Abfilmen von Klischees. Ach, das wäre schön.

Mark: Bei der Sache mit dem schlechten Polizisten bin ich bei dir, Falk. Obwohl man ja als Zuschauer bei dieser Folge zwischendurch auch mal nicht auf der Seite von Lannert und Bootz sein konnte. Allerdings viel zu kurz.

Was ich auch noch loswerden wollte

Falk: Ich möchte wirklich nochmal drauf hinweisen, wie sehr mich störte, was für Bilder hier für die linke Szene gefunden wurden.

Johanna: Alles Linksextremist_innen, diese Hausbesetzer_innen. Pfui! Und Waffen haben die auch alle. Wir wissen ja, wie viele Menschen hier in Deutschland täglich durch Linksextremist_innen umgebracht werden.

Mark: Ich find’s ja immer gut, wenn der Tatort in amerikanischem Stil mit vielen Nahaufnahmen, wenig Tiefenschärfe und ineinander verschränkten Zeitebenen daherkommt. Das hatte der Stuttgart-Tatort, und das fand ich gut.

Gesamtnote

Falk: Ich gebe eine 4-. Wegen der Darstellung der Linken. Wegen der Ungeschicktheiten des Drehbuchs. Wegen der Frauenrollen. Weil ich die Anlage des Stuttgarter Teams grundsätzlich nicht mag. Noch schlechter werte ich allerdings nicht, weil es immer wieder kurze Aufrappler gab. Und wegen Tübingen.

Johanna: Huch, wir sind ja heute streng. Ich habe mich trotzdem recht gut unterhalten gefühlt und tendiere zu einer 2. Abzüge gibt es für das, was Falk sagt sowie die letzten fünf Minuten. Also eine 2-. Zudem habe ich eine kleine Schwäche für Richy Müller und seinen Porsche.

Mark: Ich siedle mich versöhnlich zwischen euch beiden an: 3-. Abzüge gibt’s für den merkwürdig konstruierten zweiten Vergewaltigungsstrang und das von Johanna bereits kritisierte lahme Alkohol-und-ach-das-Leben-ist-schon-schwer-Gewäsch. Pluspunkte für das, was ich oben über amerikanischen Stil sagte und weil ich mich gerade darüber freue, mal wieder mit euch auf dem Kriminalsofa gesessen zu haben.

Falk: Es war uns ein Vergnügen, dich hier bei uns gehabt zu haben. Noch Chips?

Mark: Die krümeln bei mir immer so. Aber ach, gib her, ich muss eh demnächst mal wieder durchsaugen.

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Les Flaneurs Verfasst von:

Ein Kommentar

  1. skFFm
    24. November 2014
    Antworten

    ich fand den gut. #teamstuttgart

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