Wird sich alles ergeben. Eine Zeile, so kurz, und doch überkam mich eine merkwürdige Freude. Sie stand da ganz alleine als Beschreibung des WG-Lebens. Andere brachten meine Maus zum Scrollen mit ihrer Beschreibung, hier las ich nur eine. Ich war irritiert… und froh… und tippte. Wenige Tage und ein kurzes Gespräch später hatte ich das Zimmer. Nach einem Dutzend Mails und drei Besichtigungen – was eine ziemlich gute Bilanz für die WG-Suche in Berlin ist. Dies beinhaltet nicht die gut 100 Angebote, die ich angeschaut habe. Manch einer schreibt 50 Anfragen und muss ohne Antwort auskommen. Nun könnte man denken: Hm, war vielleicht nicht nett genug. Es wäre schön, wenn die endlose Suche auf rein charakterliche Mängel zurückzuführen wäre, aber so einfach ist es nicht. Denn in Berlin ist der Wohlfühl-Wahnsinn ausgebrochen, der jedwede Menschlichkeit durch gemeinschaftliche Plüschigkeit ersetzt.
Wird sich alles ergeben. Daran solltet ihr denken, wenn ihr ein WG-Zimmer anbietet. Menschen müssen erlebt werden. Da kann die Websuche noch so gut filtern und aussortieren, am Ende steht immer das Wagnis, mit fremden Menschen die Wohnung zu teilen. Aber wie sieht es mit eurer Glaubwürdigkeit aus, wenn ihr einerseits locker und fröhlich die Welt umarmt und fremde Menschen ins Herz schließt, das eigene Zuhause aber gut verriegelt und mit WG-Castings und Sonderaufgaben Stress verbreitet, geeignete MitbewohnerInnen finden zu können? Ja, Stress. Euch mag es unheimlich viel Spaß machen, selbstgemalte Bilder von WG-Bewerbern zu verlangen und anzuschauen, aber ist euch mal in den Sinn gekommen, dass niemand aus purem Spaß an der Freude nach einer Wohnung sucht? Dass da Menschen mehrere Mails pro Tag verschicken – den Kalender und das Auszugsdatum im Blick – und versuchen, meistens nett und freundlich auf euer Zimmerangebot einzugehen? Selbst wenn zum hundertsten Mal über den Bildschirm flimmert, dass ihr keine Zweck-, aber auch keine Party-WG seid? Lasst diesen Blödsinn! Ladet ein paar Leute ein, nehmt euch Zeit und erlebt diese Menschen. Selbst dann wird das Zusammenleben noch neue Überraschungen bringen. Wenn sie positiv sind – schön, wenn sie negativ sind – trennt euch einfach wieder. Aber hört auf, Menschen nur nach ihrem Spaßfaktor zu beurteilen. Wenn Laber-Limbo in der Gemeinschaftsküche die Hauptaktivität eures Lebens ist, seid ihr vielleicht diejenigen, die sich Gedanken machen sollten.
Wird sich alles ergeben. Hey liebe WG-Suchenden. Ich weiß, es ist ziemlich schwer ein Zimmer zu finden, aber tut euch selbst einen Gefallen. Begebt euch nicht in die Abwärtsspirale aus Selbstvermarktung, die am Ende zur Selbstaufgabe führt. Sonst wird aus einem „Ich will so bleiben wie ich bin“ bei der ersten ein „Ich will so sein wie ihr mich wollt“ bei der x-ten Besichtigung. Schreibt Leuten eine böse Mail, wenn ihr Angebot Müll ist – das befreit ungemein. Selbst wenn es nicht gegen euch gerichtet ist. Ich las kurz vor Ende meiner Suche die Anzeige eines ekelhaften Sexisten, der sich die Not anderer zum Vorteil machen wollte und nur eine weibliche Mitbewohnerin suchte. Mit vielsagenden Satzteilen wie verhandelbare Miete, je nachdem was man so zu bieten habe und dass er sich auf viele Bilder freue. Sind Sie es, Mr. Grey? Es gibt mehr als die Wahl zwischen Plüschigkeit und Plüsch-Handschellen da draussen, das wisst ihr. Gründet zur Not selbst eine WG oder erweitert den Suchradius. Flâneur Michael hat gestern wunderbare Gründe geliefert, wieso es sich lohnt mal über den Ringbahn-Rand zu schauen – egal ob in Berlin oder Hamburg. Viele blicken verwundert auf wenn sie davon hören, aber es gibt wirklich ein Leben außerhalb der allgemeinen Trendbezirke.
Wird sich alles ergeben. So wird es immer sein. Ab November werde ich wieder in Charlottenburg wohnen, dort, wo vor fast genau zehn Jahren mein Berlin begonnen hat. Zehn Jahre lang habe ich immer mit Menschen zusammen gewohnt. Menschen, die ich vorher nicht kannte, gut kannte, oder nur gut zu kennen glaubte. Es waren zehn Jahre voller Überraschungen und Enttäuschungen, ungefilterte Erfahrungen, die ich nicht mehr missen möchte. Sie zeigten mir, dass ich am Ende des Tages immer nur das wusste, was ich zu wissen glaubte. Ich bin gespannt auf neues Wissen, auf ein neues Miteinander und auf das Kennenlernen einer Unbekannten. Zeit für die Wagnis-Gemeinschaft.
Titelbild unter CreativeCommons-Lizenz: wg – flickr.com – monsieurlam





