
Die Chance, CDU-Wählern zu begegnen, ist auf dem Land definitiv höher als in der Großstadt. (Originalfoto wahrscheinlich: E. Schreiber)
Nils nimmt mich beiseite. Er hat meine Texte gelesen und sieht da ein Muster am Werk: Die Texte seien vorhersehbar, ständig handelten sie davon, dass das Leben in der Großstadt wunderbar sei und das Leben in der Provinz das Letzte. Ich widerspreche, immerhin komme ich selbst aus der Provinz, aber Nils lässt das nicht gelten. Jeder meiner Texte sage: „Ja, ich komme aus dem schlimmen Ulm, aber unter unmenschlichen Anstrengungen habe ich es geschafft, da wegzukommen. Und nie wieder will ich dahin zurück.“ Ich glaube, Nils hat unrecht, aber natürlich mache ich mir Gedanken. Ist da vielleicht was dran, sagen meine Texte etwas, das ich nicht geschrieben habe?
Die Texte sagen: Ja, ich lebe gerne in der Stadt. Nein, ich will nicht auf dem Land leben. Dabei bin ich gerne auf dem Land, ich mag es da, wenn es nachts dunkel ist, richtig dunkel, ich mag die Waldränder, ich mag die Wiesen, ich mag die Seen und die Moore. Ich war immer glücklich auf dem Land, zuletzt in der Göhrde, in Mecklenburg, in der Rhön. Ich mag den Stadtstolz kleinerer und größerer Provinzstädtchen, Goslar, Toledo, Stirling, ja, auch Ulm. Ich bin dort glücklich, ich atme durch, und dann fahre ich wieder weg. Nils hat recht, ich möchte nicht dort leben.
Und weswegen ich nicht dort leben möchte, das hat einen ganz lächerlichen Grund.
Ich möchte nicht in einem Umfeld leben, in dem eine nennenswerte Anzahl Menschen CDU wählt. Das ist lächerlich, zumal wenn man in einer Stadt lebt, in der eine SPD-Regierung die CDU auf weiten Politikfeldern rechts überholt, das ist vor allem auch dann lächerlich, wenn man in einer Stadt lebt, in der die nicht nur konservative sondern stockrechte Schill-Partei einst knapp 20 Prozent der Wählerstimmen auf sich vereinigte. Ich weiß, dass das lächerlich ist, aber das ist auch keine politische Frage, das ist eine alltagskulturelle Frage, eine Frage, die man nicht mit dem Kopf beantwortet, sondern mit dem Bauch. Ich möchte nicht Leute auf einer Party kennenlernen, und nach einer halben Stunde Gespräch zeigt sich, dass diese Leute CDU wählen – und die Chance, dass das passiert, ist auf dem Land definitiv höher als in der Großstadt (die größte Stadt mit CDU-Bürgermeisterin taucht bezüglich der Einwohnerzahl gerade mal auf Platz elf in Deutschland auf, Dresden). Call me ridicule.
Isabel schrieb unlängst, dass sie in einer Blase leben würde, in der bestimmte Haltungen nicht vorkommen.
Ich lebe in einer glücklichen Blase. In meinem beruflichen wie meinem privaten Umfeld lieben Menschen einander mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass ich immer gar nicht glauben kann, dass es in anderen Blasen wie dem Fußball, der CDU oder den Kirchen nicht selbstverständlich ist. Da dürfen Menschen nur unter bestimmten Bedingungen lieben und begehren.
Solch eine Blase muss kritisiert werden. Man macht sich da etwas vor, man schiebt Probleme zur Seite, und irgendwann wird sich das rächen. Einerseits. Aber diese Blase ist auch ein Schutz, man setzt sich nicht mit bestimmten Haltungen auseinander, weil sie einen fertigmachen, die Homophobie, der Fremdenhass, die Islamfeindlichkeit, die Religiosität, all die Engstirnigkeiten, mit denen man auf dem Land zweifellos konfrontiert wird.
Die Blase ist das einzige, was wir haben.





Ein Kommentar
twschneider says:
Sep 30, 2014
Genau das.