In Hamburg gibt es klare Regeln: Wer neu zuzieht, ist ein Quiddje. Und bleibt das. Eine Generation, zwei Generationen lang. Ich bin vor 13 Jahren hergezogen, ich bin noch ziemlich lange Quiddje. Ich bin kein Hamburger, kein Hanseat, wenn ich sage, dass ich mich hier wohlfühle, rümpfen die Ureinwohner ein wenig die Nase, sie fühlen sich kumpelig von der Seite angemacht, aber, gut, sie verstehen schon, dass man sich hier wohlfühlen kann. Nur mir steht es nicht zu, das zu sagen.
Seit 13 Jahren wohne ich in Hamburg, zunächst in Ottensen, dann länger in Bahrenfeld, nun auch schon seit einigen Jahren in der Neustadt. Auf St. Pauli wohnte ich nie. Und doch ist das Hamburg, in dem ich mich zu Hause fühle: St. Pauli. St. Pauli, 22392 Einwohner, Touristen-Hotspot, Klischeemaschine, Reeperbahn, geliebter und gehasster Fußballclub, Hafen, Hafenstraße, Gentrifizierunghölle. Elbe, Elbe, Elbe. St. Pauli war der erste Ort, an dem ich in Hamburg ausging, in die Tanzhalle (gibt es nicht mehr), ins Molotow (weiß niemand so recht, in welcher Form es das noch gibt), später dann in die Weltbühne (gibt es auch nicht mehr). Das Viertel ist gleichzeitig hart und soft, also, soft im Sinne von sentimental, die Leute sind hier vielleicht wirklich auf eine coole Art netter als anderswo. St. Pauli ist politisch eine sympathisch gegenkulturelle Ecke, also, nicht nur dass die CDU bei der Bürgerschaftswahl 2011 hier mit 5,8 Prozent zur Splitterpartei wurde, auch 2001 bei jener Schandwahl als die Schill-Partei hamburgweit knapp 20 Prozent erreichte, kamen die Wohlstandsnazis in St. Pauli gerade mal elf Prozent. Was elf Prozent zuviel sind, klar.
Ich naiver Quiddje glaube, auf St. Pauli noch das Hafenviertel zu spüren, das hier in Wahrheit längst nicht mehr existiert. Ich spüre eine Offenheit, die weiß, dass die Welt nicht an der nächsten Straßenecke zu Ende ist, die Schnacker, die Schweiger, die Trinker. Die schönen Frauen, die schönen Männer. Ich spüre eine Toleranz, die mit der allgegenwärtigen Sexarbeit ebenso zurechtzukommen weiß wie mit den Nichtsnutzen, den Alten, den Migranten, den Künstlern, den Rockern und sogar mit den Jungessellenabschieden, die jeden Samstagabend über den Kiez ziehen und wirklich sehr, sehr nerven. Aber, hey, eine Seitenstraße hinter der Reeperbahn steht eine Katholische Kirche, die St.-Joseph-Kirche, die halten wir seit 1718 aus, da halten wir auch ein paar besoffene Pinneberger am Samstag aus. St. Pauli ist der Ort, an dem mir klar wurde, dass es zumindest aus ästhetischer Sicht okay ist, alt zu werden, solange man dabei nur cool bleibt.
Und natürlich gehört zu St. Pauli auch die Erkenntnis, dass all das eine Idealisierung ist, eine Lüge. Dass die Kneipen sterben, dass die Clubs zumachen, dass die schraddeligen Läden verschwinden. (Andererseits: Ich sitze ja auch gerne in den Biocafés in der Clemens-Schultz-Straße, so isses nicht.) Dass der Stadtteil längst nicht mehr so tolerant ist, wie wir das gerne hätten, dass sich hier die Werber breit gemacht haben und die Eigentumswohnungsbesitzer, und dass längst nicht mehr so viele schräge, kaputte, alte, unpassende Menschen hier leben, wie es das Idealbild gerne hätte. Weil die Schrägen hier nämlich die Mieten nicht mehr bezahlen können: Es ist sauteuer geworden, alles. Das Gute: Ich weiß, dass auf St. Pauli die Gentrifizierung tobt, sie tobt ganz widerlich. Ich weiß aber auch, dass man sich drauf verlassen kann, dass es hier auch Gegenbewegungen gibt gegen die Gentrifizierung, Proteste, Demonstrationen, Aktionen.
Ich bin zu Hause auf St. Pauli, seit 13 Jahren. Und jetzt könnt ihr Hamburger euch indigniert abwenden, was erlaubt er sich? Fickt euch doch. Unhanseatisch, ich weiß.
Und jetzt weiter mit Musik.




