Foto: Gianmarco Bresadola

Leonce und Lena feiern Hochzeit und die neue Spielzeit an der Berliner Schaubühne. (Foto: Gianmarco Bresadola)

Flucht in die Disco: Leonce fährt auf der Drehbühne gelangweilt seine Runden, sein Vater singt mit elektronisch verzerrter Stimme er sei „Der König von Scheißegal“, und Valerio ist schon beim ersten Auftritt „leicht“ betrunken. Zu den Klängen des Discjockeys, der mit seiner metallisch glänzenden Kopfbedeckung eine Hommage an Daft Punk feiert, kommt die Party in der Schaubühne erst richtig in Schwung. Es gilt, das Lustspiel „Leonce und Lena“ von Georg Büchner aufzuführen. Patrick Wengenroth mimt dabei Regisseur und königlichen Vater zugleich. Natürlich lässt sich ein solcher Klassiker nicht ohne Ballast der Vergangenheit inszenieren, denn das Publikum ist müde, lustlos und hat alles gesehen. Oder? Wengenroth versucht wachzurütteln – mit lauter Musik, Discobeleuchtung und Stroboskopeffekt. Während Leonce (Ulrich Hoppe) sich melancholisch seufzend über die Bühne schleppt, gibt sein Gegenstück Lena (Iris Becher) das naiv dahinstarrende Dummchen, das von Kopf bis Fuß in Glitzer eingehüllt ist. Am Ende schenkt sie Leonce ihr Lebkuchenherz. Die übrigen Rollen verkörpert Jule Böwe mit facettenreicher Leichtigkeit.

Über ihnen blinken die Discolichter, die an durchgetanzte Nächte erinnern. Auch das Bühnenbild von Mascha Mazur ist eine Erinnerung. Die abgeschrägte Metallkonstruktion mit der Drehscheibe in der Mitte, das kleine Häuschen ganz oben, aus dem es tönt: „Jetzt dabei sein! Wer hat noch nicht, wer will noch mal?“ Das klingt nach Jahrmarkt und Zuckerwatte, nach ungeduldigem Warten vor Fahrgeschäften und aufgeregter Vorfreude. Doch keine Zeit für Melancholie. König Wengenroth hat seine eigene Erklärung: ein schräges Stück brauche schließlich auch eine schräge Bühne. Dann stimmt er „How much ist the fish“ an und weckt damit manch weniger schöne Erinnerung.

Die überhöhten, in verzweifeltem Humor erstickenden Figuren versuchen vergeblich, sich von der Aussichtslosigkeit ihres Seins abzulenken. Sie vergehen in endlosen Wortspielen, schwelgen im 90er-Jahre Trash und geben sich abstrusen Albernheiten hin. Der Aufbruch „Gen-italien“ und Wengenroth, der am Ende seine „Regie-rung“ abgibt, sind nur zwei Höhepunkte des Abends. Was fehlt der bunten Collage noch zur Vollendung? Richtig, ein Tierkostüm. Leonce gibt den Kermit im Froschanzug und singt dazu „It’s not easy being green“. Mittlerweile ist der Einsatz von Tierkostümen auf Berliner Bühnen ja beinahe obligatorisch geworden. Aber warum nur? Während manch einer noch über Unverständnis oder Erinnerungen grübelt, endet das Stück abrupt. Es hinterlässt ein paar Lacher und einen Batzen Konfetti.

Foto: Gianmarco Bresadola

Jule Böwe als Rosetta auf dem Liebeskarussell. (Foto: Gianmarco Bresadola)

“Leonce und Lena” ist wieder am 19. und 20.9. sowie am 6., 7., 10. und 12.10. in der Schaubühne, Berlin, zu sehen.