Und am Ende singen wir, wie jedes Jahr. Am Ende des Internationalen Sommerfestivals im Hamburger Kulturzentrum Kampnagel veranstalten Jan Dvorak und Matthias von Hartz ihr Orchesterkaraoke, Popsongs der Liga „Geht doch eigentlich“ bis „Grauenvoll“, veredelt von den Jungen Symphonikern Hamburg, und binnen kürzester Zeit singt die bis auf den letzten Platz ausverkaufte große Kampnagel-Halle aus vollem Halse mit. Was bei Stones-Gassenhauern ein wenig nach Kegelclub-Atmosphäre klingt und bei Deichkinds „Bück dich hoch“ plötzlich nach dann doch noch funktionierender Kritik. Hey, wir sind hier in der freien Kulturszene, Selbstausbeutung, Überstunden, Burnout Galore!
Die Orchesterkaraoke jedenfalls ist dieses Jahr der perfekte Schlusspunkt für mein Sommerfestival. Weil das Festival für mich praktisch ausschließlich aus Musik bestand, genauer: aus Musiktheater. Kanadische Popmusiker, die die Grenzen des Musiktheaters erweiterten, eher altbacken wie Chilly Gonzales mit „The Shadow“ (ich habe auf der Nachtkritik darüber geschrieben), ganz reizend wie Socalled mit „The Season“ (habe ich hier beschrieben), ein wenig zu technikverliebt wie Kid Koala mit „Nufonia must fall“ (wieder Nachtkritik). Und dann natürlich die wunderwunderbare Cosima von Bonin, die Phantom Ghost für ihr szenisches Konzert „Retrospectres“ ein ganz tolles bespielbares Bühnenbild baute, mit Kuschelmuscheln, die von leicht bekleideten Schönheiten durch den Raum geschaukelt wurden, und Dirk von Lowtzow strich sich durchs apartgraue Haar, so bezaubernd! Außerdem: Peaches, mit einem Solokonzert. Ja, Panik. Die Sterne, die eine Gala inszenierten. Musiktheater, doch.
Was ulkig ist, ist doch Musiktheater eigentlich das Subgenre, das mich am Theater am allerwenigsten interessiert (wobei man natürlich auch diskutieren kann, ob das, was ich da großzügig als „Musiktheater“ bezeichne, nicht doch irgendetwas anderes ist). Klar, ich habe auch noch andere Genres gesehen, die hochgelobte Installation „Situation Rooms“ von Rimini Protokoll, die praktisch alle Besucher wahnsinnig anfasste und mich im Grunde nur wegen ihrer logistischen Perfektion begeisterte. Oder Rabih Mroués stilles „Riding on a cloud“, das am gleichen Abend durch Socalleds spektakuläres Puppenmusical „The Season“ überlagert wurde. Was ich praktisch nicht gesehen habe: Tanz. Dabei wäre gerade der mir wichtig gewesen. Tja. Das schöne, kleine Kinderstück „The Bee Treasure“ der Tanzinitiative Hamburg: zählt nicht wirklich. Und „Noise and Darkness“ von der japanischen Radikaltheatergruppe Miss Revolutionary Idol Berserker beinhaltete zwar choreographische Elemente, man könnte es zum Tanz zählen. Es gab aber auch musikalische Elemente, es könnte also auch Musik sein. Ach, Musik.
Vielleicht ist diese Genreverwirrung ja die große Qualität des von András Siebold sympathieheischend kuratierten Sommerfestivals: Man subsummiert es unter Musiktheater, weil man verzweifelt versucht, irgendein Label zu finden, und weil Musiktheater durch seine gesamtkunstwerkhafte Anmutung diese Labelüberschreitung halbwegs abbildet – aber im Grunde passt das nicht. Im Grunde müsste man von einem Festival sprechen, das konsequent alle Genrezuschreibungen verneint. (Was das Sommerfestival für mich als Journalisten schwierig macht – ich bekomme Kritiken zu den Premieren kaum an Medien verkauft, weil die sich nur schwer vorstellen können, was sie erwartet.) Spaß jedenfalls macht es: großes, lustvolles Theater, das unkonventionell ist und das selbst im Scheitern (Chilly Gonzales’ „The Shadow“ etwa war, das muss man einfach sagen, ein Schuss in den Ofen) kreative Funken sprüht.
Einiges habe ich nicht gesehen, aus Zeitgründen, das finde ich gerade im Rückblick schade: Dries Verhoevens viel diskutierte Installation „Ceci n’est pas“. Die Fortsetzung von Juan Dominguez’ Antitheatersoap „Clean Room“. Michael Clarks „Animal/Vegetable/Mineral“ (ich liebe Clark, eigentlich). Ich habe den tollen Festival-Avant-Garden nicht genutzt, erst hatte ich keine Lust, dann war das Wetter schlecht, und dann war das Festival schon vorbei. So schade.
Aber ich habe mitgesungen. Im Chor. „Ruby Tuesday“ von den Stones, wie jedes Jahr. „Goodbye, Ruby Tuesday/Who could hang a name on you?/When you change with every new day/Still I’m gonna miss you.“ Schön war das.







