Annika Hintz ist für das Dockville-Booking verantwortlich (Foto: Conrad Hübbe)

Annika Hintz ist für das Dockville-Booking verantwortlich (Foto: Conrad Hübbe)

Wie sieht eigentlich so typischer Arbeitstag als Bookerin fürs Dockville aus? Bleibt neben dieser Tätigkeit noch Zeit für andere Projekte?

Annika Hintz: Ganz typisch an der Booking-Arbeit ist natürlich – neben dem abendlichen Konzerte ansehen – am PC zu sitzen. Man empfängt eine Unmenge an Mails, und man verschickt gleichermaßen eine Unmenge an Mails: Anfragen, Angebote, Absagen, grundsätzliche Fragen, sowie natürlich gewisse Detailfragen. Dazu kommen Telefonate als auch natürlich ein großer Teil an Recherchearbeit und Musikhören. Es gilt eine Menge zu beachten und mit zu bedenken. Der Bookingprozess ist also weit mehr, als nur ein Paar Bands für drei Tage Festival zu buchen, sondern vielmehr ein jahresübergreifender Prozess, der auch mit ständigem Netzwerken zu tun hat. Natürlich macht das Dockville hier mit seinen sechs bis sieben Bühnen und drei Tagen am Stück am meisten Arbeit. Zudem buche ich jedoch seit drei Jahren auch das Spektrum Festival, welches zwei Wochen vor dem Dockville stattfindet. Das Spektrum kombiniert Hip-Hop/Rap und Elektro. Durch die Umstrukturierung im Team sind für mich in diesem Jahr auch die Artville Veranstaltungen neu dazugekommen: das Richtfest, die Sonnenfeste, der Vogelball, das Symfotronik, das Butterland, sowie das Manifest. Früher haben wir vermehrt Konzerte in Hamburger Klubs veranstaltet, durch die Menge an Formaten fällt dies leider flach.

Das Spektrum (Foto: Moritz Schreyer)

Das Spektrum (Foto: Moritz Schreyer)

Was macht dir am meisten Spaß an dem Job? 

Annika Hintz: Ich bin eher zufällig in ziemlich jungen Jahren, ganz einfach durch die Liebe zur Musik an den Job geraten. Es war toll, die Faszination der Musik und das dazugehörige Geschäft nach und nach zu erlernen und zu sehen, was sich dabei entwickelt. Nicht nur das Format entwickelt sich, auch die Bands entwickeln sich selbst. Ich habe dutzende Erinnerungen daran, wie und wann ich eine Band entdeckte und sie dann ihren Weg ging. Es ist toll, diesen Prozess mitzuerleben und gewissermaßen vielleicht auch einen Teil dazu beigetragen zu haben. Das ist fast, als würde man seinen eigenen Kindern beim Wachsen zusehen. Ich glaube, das ist auch nach sieben Jahren weiterhin mein Antrieb und somit Spaß an der Arbeit.

Das ist fast, als würde man seinen eigenen Kindern beim Wachsen zusehen

Wo stößt du an Grenzen?

Annika Hintz: Grenzen gilt es ja, wie im Leben auch, zu überwinden. Man muss das Ganze mit einem gewissen Maß an träumerischem Realismus betrachten. Ansonsten wäre das Dockville nicht das, was es jetzt ist. Träumerischer Realismus meint vor allem, dass es gilt auch Dinge zu versuchen, die erst einmal unrealistisch erscheinen, den Versuch aber Wert sein mögen. Ich denke hier zum Beispiel an MGMT, die im Jahre 2009 nur über enorme Umwege zu bekommen waren und dann exklusiv beim Dockville spielten. Eine Grenze ist oft auch die Geduld oder aber wenn viele Absagen kommen und man sich neu strukturieren muss. Oft lohnt es sich am Ende aber doch, weil in diesen Situationen Gedanken kommen, auf die man sonst nicht gekommen wäre – und Geduld mussten wir schon sehr oft mitbringen. Jedoch jedes Mal mit dem Resultat, dass sich die Geduld mehr als ausgezahlt hat.

Wie gehst du vor, um neue Bands zu entdecken?

Annika Hintz: Es gibt unzählige Möglichkeiten, Bands zu entdecken. Das kann aktiv aber auch eher passiv geschehen. Ich kann zum Beispiel in keinen Laden gehen oder Radio hören, ohne das zu bewerten, was da gerade läuft. Auch schnappt man gerne auf, was Freunde und Bekannte einem berichten. Um aktiv auf die Suche zu gehen, ist das Internet optimal, aber auch immer mehr undurchschaubar. Es gib hier ja mittlerweile unzählige Portale. Sinn macht es auch, bei dem einen oder anderen (Showcase-)Festival vorbeizuschauen oder aber auf den Seiten von unterschiedlichen Klubs zu schauen, was so ansteht. Es arbeitet also so gesagt die ganze Zeit über in mir.

Das Dockville hat ein sehr diverses Line-up – unterschiedlichste Musikstile, bekannte wie unbekannte Acts – habt ihr einen Grundsatz, mit dem ihr an das Booking herangeht? Wer passt zum Dockville und wer nicht?

Annika Hintz: Das ist schwer zu beantworten. Beim Dockville ist es tatsächlich oft eine recht subjektive Herangehensweise ans Booking. Da kann ich dann vielmehr intuitiv sagen, ob es passt oder nicht. Es macht so natürlich Spaß, wenn man sich nicht ständig fragen muss „passt das?“, sondern ganz einfach natürlich sagen kann: „ja, das passt!“. Großartig ist da auch die Zusammenarbeit mit meinem Booking-Partner und Geschäftsführer Enno Arndt. Wir ergänzen uns in diesem Zusammenspiel einfach perfekt. Grundsätzlich sehe ich das Dockville Line-up zwar als divers an, aber doch in sich geschlossen: Das Line-up bildet eine ganze Welt. Auch kann man Musiksparten nicht mehr so leicht wie früher abgrenzen und bestimmte Gruppen, die nur eine Musikrichtung hören, gibt es heute kaum noch. Ich glaube, das Dockville entspricht so dem Zeitgeist besonders gut. Es macht uns auch Spaß, hier möglichst noch einen Schritt voraus zu denken.

Foto: Pablo Heimplatz

Nächtliche Stimmung beim Dockville 2013 (Foto: Pablo Heimplatz)

Immer wieder sagen Leute, die das Dockville-Line-up sehen: Da kenne ich ja die Hälfte der Bands nicht. Trotzdem habt ihr es geschafft, euch zu etablieren. Was ist ausschlaggebend dafür gewesen?

Annika Hintz: Vielleicht war es gerade das, dass die Leute die Bands nicht kannten und dann ein Jahr später das Line-up sahen und dachten: „Verrückt, dass das Dockville die Bands damals schon hatte!“. Wahrscheinlich ist so mit der Zeit das Vertrauen in uns gestiegen, dass wir wirklich wissen, was wir da tun und das Publikum schon ganz früh an neue Bands herangeführt werden kann.

Was ist schon ein kleiner Act, wenn er für viele Menschen, die zum Dockville gehen der heimliche Headliner ist?

Warum müssen auch kleine Acts bei euch unterschreiben, drei Monate um das Festival nicht in Hamburg aufzutreten?

Annika Hintz: Wie schon vorangestellt, sind beim Dockville vor allem auch die kleinen Acts ausschlaggebend. Was ist schon ein kleiner Act, wenn er für viele Menschen, die zum Dockville gehen der heimliche Headliner ist? Was ist, wenn er sich über die Monate bis zum Dockville großartig entwickelt? Wir möchten, dass unser Line-up möglichst einzigartig ist. Deshalb diese Klausel, die im Übrigen durchaus normal in diesem Geschäft ist. Ich kenne kaum ein Festival, die keinen Gebietsschutz im Vertrag stehen hat.

Was ist der schlimmste Ausfall, den ihr bisher zu beklagen hattet? Und hat man als Booker, so wie Journalisten den Papstnachruf, immer schon eine Ersatzband in der Schublade für solche Fälle?

Annika Hintz: Die Ausfälle von XXYYXX und King Krule waren schon sehr bedauerlich, am schwierigsten jedoch war vor allem die enorm kurzfristige Absage von Kakkmaddafakka zwei Tage vor Festivalbeginn. Hier hilft am Ende wahrscheinlich einfach nur Glück oder aber das nötige Vitamin B: eine Rundmail half, und, schwupp, zwei Mails und ein Telefonat später hatten FM Belfast bestätigt. Im Übrigen nur, weil alle Bandmitglieder Babysitter für das Wochenende finden konnten. Auch wenn es in jedem Jahr Absagen gab, muss ich sagen, dass 2013 so das Jahr der Absagen schlechthin war. Daraus ziehe ich jedoch die Erkenntnis, noch besser vorbereitet zu sein, also tatsächlich immer so vorauszuplanen, dass ich möglichst Ersatzbands „in der Schublade“ habe. Dieses Jahr war dies beispielsweise bei Baths der Fall: sie haben ihre Europatour ganz einfach ersatzlos gestrichen. Glücklicherweise wusste ich, dass Glass Animals noch verfügbar waren, so dass Baths in kürzester Zeit ersetzt werden konnten. Es macht so auch Sinn, Bands, die gerne noch spielen würden, nicht direkt komplett abzusagen, sondern die Agenten in Kenntnis zu setzen, dass, wenn es einen Ausfall gibt, ich gerne auf diese oder jene Band zurückgreifen würde.

Über welches Booking hast du dich in deiner Karriere am meisten gefreut?

Annika Hintz: Das kann ich so nicht pauschal sagen, weil es mehrere gibt. Ungemein gefreut habe ich mich über Foals, weil es mehrere Jahre gedauert hat, dass es einfach mal passte. Das Warten hat sich hier enorm gelohnt. Ebenfalls erinnere ich noch sehr gut, wie Kakkmaddafakka 2010 das erste Mal beim Dockville um circa 14 Uhr – Nachmittags – spielten, als mehr oder weniger komplett unbekannte Band, und doch das Publikum so sehr überzeugten, dass das Publikum forderte, dass sie unbedingt wiederkommen mussten. Wir alle wissen, was daraus wurde. Auch an Daughter erinnere ich mich mehr als gerne zurück und würde mich freuen, wenn sie in den nächsten Jahren mal wieder unser Gast wären. Auch Phänomene wie The Whitest Boy Alive, Purity Ring, Disclosure, Metronomy, Crystal Fighters, SBTRKT, The 1975 (damals noch unter dem Namen „The Slowdown“), Future Islands, Agnes Obel oder Milky Chance, die alle in ganz frühen Stadien ihrer Karriere spielten, werde ich nie vergessen.

HEI_93-2047

Die Crystal Fighters beim Dockville (Foto: Pablo Heimplatz)

Wen würdest du gerne einmal buchen, bei dem es bisher nicht geklappt hat?

Annika Hintz: Das verrate ich hier an dieser Stelle lieber mal nicht. Nicht, dass uns mal wieder jemand zuvorkommt, der hier luschert. Also, lieber überraschen lassen.

Was sind deine Geheimtipps beim diesjährigen Festival?

Annika Hintz: Geheimtipps finde ich beim Dockville ein schwieriges Wort, weil unser Publikum sehr gut informiert ist, auch in Sachen „kleiner Bands“. Ich würde aber sagen Dream Koala, Pional, HVOB, Jungle, Shlohmo, Bear’s Den, Yung Lean und Lucius sollte man sich nicht entgehen lassen. Allerdings könnte ich hier nun wirklich jeden Act hervorheben, weil wirklich alle sehenswert sind.

Wichtig für mich wäre hier jedoch der ganz große Wunsch, nicht umziehen zu müssen.

Was ist deine langfristige Vision fürs Dockville?

Annika Hintz: Ich würde mich ganz einfach freuen, wenn es so gut weiterläuft, wie momentan. Es ist eine ganz besondere Ehre, so tolle Acts einem so grandiosem Publikum präsentieren zu können. Da spielt viel hinein, wo ich mich an dieser Stelle auch einmal an alle im Team richte als auch an unsere Partner: das macht Spaß so! Wichtig für mich wäre hier jedoch der ganz große Wunsch, nicht umziehen zu müssen.

Share Button