Alles außer Schlager und Klassik ist Nigger-Jazz. Deswegen spielt ja auch ein queerer Performancekünstler wie Neal Medlyn auf Kampnagel. (Foto: Neal Medlyn)

Alles außer Schlager und Klassik ist N*-Jazz. Deswegen spielte ja auch ein queerer Performancekünstler wie Neal Medlyn beim Live Art Festival auf Kampnagel. (Foto: Neal Medlyn)

Ich schätze den Kollegen Jan Freitag ganz außerordentlich. Und ich schätze Hamburg-Mittendrin, ein hyperlokales Magazin, das einen klugen, kritischen Lokaljournalismus pflegt, Lokaljournaliamus für den Bezirk Hamburg-Mitte, meine Hood, die ansonsten medial sehr stiefmütterlich behandelt wird. Jedenfalls schrieb Freitag vor einer Woche eine Kolumne namens „Königin der Löwen“, in der er zu Recht mit dem kulturellen Stadtmarketing des liebenswerten Elbmetropölchens abrechnet. Besagtes unvorstellbar ödes Stadtmarketing wirbt nämlich ausschließlich mit Hamburg als Musicalstandort, Hamburg als, zum Beispiel, Standort für eine durchaus aufregende Clubszene kommt nicht vor, und, ja, das ist ein Skandal. „Auf der staatstragenden Website www.hamburg.de etwa wird vom Junggesellinnenabschied über die Luxuslinerdurchfahrt bis hin zum Pauschaltourismus schon auf der Startseite gepriesen, was der Ballermannisierung der Vorschub leistet“, schreibt Freitag. „Von einem der Dutzenden Konzerte jeder Nacht dagegen steht dort ebenso wenig auch nur die kleinste Silbe wie vom weltbewegenden Kunstprojekt Gängeviertel oder der bedeutenden Gründerzeitarchitektur (…).“ Und jeden Satz könnte ich unterschreiben. Hamburg verkauft sich zu billig, zu stillos, zu uninteressant, und schuld ist eine Clique Stadtmarketingfachleute, die kein bisschen Verständnis haben für das, was Stadt ausmacht.

Und dann schreibt Freitag ein paar Sätze, die machen seine ganze Argumentation kaputt. Sätze, über die man nicht mehr sagen kann, okay Argumentation ein bisschen verunglückt. Oder, okay, übers Ziel hinausgeschossen. Freitag schreibt Sätze, die seinen ganzen Artikel entwerten, nein, nicht nur entwerten: Sie sorgen dafür, dass sein ganzer Artikel Müll wird. Weil sie eine Entsolidarisierung betreiben, an einem Punkt, an dem Solidarität dringend nötig wäre. Freitag schreibt über die Hamburger Kultursenatorin, Barbara Kisseler.

Hamburgs zuständige Kultursenatorin heißt schließlich Barbara Kisseler, wuchs in einer Ära auf, als außer Schlager oder Klassik alles “Nigger-Jazz” mit germanisch hartem „ZZ“ hieß und die kreuzbraven Beatles fürs Bürgertum Ausgeburten der Gammlerhölle waren. Off-Art dürfte sich für diesen Schlag Kulturverweserin in einem Countertenor an der Staatsoper erschöpfen. Und von der Liste jener Konzerte, mit der drei israelische Städte gerade um auswärtige Besucher werben, kennt Kisseler wohl bestenfalls Paul Anka.

Ich bin kein Claqueur des Staates; insbesondere der derzeit regierende SPD-Senat, dem die parteilose Kisseler angehört, bekommt oft genug von mir auf die Mütze. Aber was Freitag da behauptet, ist nicht nur unverschämt, es untergräbt auch die Allianzen, die die von Kisseler mitverantwortete Hochkultur mit der Subkultur eingegangen ist. „Off-Art dürfte sich für diesen Schlag Kulturverweserin in einem Countertenor an der Staatsoper erschöpfen“, behauptet der kulturpolitische Überflieger Freitag, der ganz sicher nicht dabei war, als Kisseler im Rahmen des Kunsthasserstammtischs der aber so was von off-artigen Noroomgallery einst eine Stegreifrede hielt, zwischen Currywurst und Fassbier. Kulturverweserin, pah! Eine Behauptung, die umso lächerlicher wirkt, wenn man sich in Erinnerung ruft, wie vor rund 20 Jahren die Hochkultur die Tore öffnete in Richtung Hafenstraße, als der damalige Schauspielhaus-Intendant Frank Baumbauer auf die Idee kam, dass man einen mehr als obskuren Clubbetreiber namens Schorsch Kamerun doch vielleicht mal am Schauspielhaus inszenieren lassen könnte. Das ist die Hochkultur Hamburgs, das ist die Kultur, für die Leute wie Kisseler stehen. Könnte man eigentlich auch mal drüber schreiben.

Weil diese Hochkultur nämlich das Gegenmodell ist zum „König der Löwen“. Hochkultur ist ein Tritt gegen die Eventisierung des Hamburger Kulturlebens, ein Mittelfinger gegen Musicals und Junggesellenabschiede und Harley Days, ein Rülpser für Hamburg Marketing. Hochkultur, das ist, wenn Studio Braun im Thalia Theater inszenieren. Hochkultur ist die von Punk und Gegenkultur beeinflusste Kunstsammlung Harald Falckenbergs in Harburg. Hochkultur ist das radikal queer und transgressiv gedachte Live Art Festival auf Kampnagel. Alles Veranstaltungen, auf denen mir Barbara Kisseler schon über den Weg lief.

Jan Freitag, dem kulturpolitischen Schnellmerker von Hamburg Mittendrin, begegnete ich dort allerdings noch nie. Komisch, oder?

Disclaimer: Der Autor ist als Jurymitglied beratend für die Kulturbehörde tätig. Das ist allerdings unabhängig von der jeweiligen Behördenleitung.

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