Welt- und Europameisterschaften spalten ganze Länder in Fußballverrückte und die, die all das ablehnen. Dabei gibt es einen Unterschied zwischen Identität und Nationalismus – und das macht Vuvuzelas und Autoflaggen in Schwarz-Rot-Gold dann doch erträglicher.
Es ist Fußball-Weltmeisterschaft. Und das bedeutet auch immer: geschmückte Autos, Fahnen, die bei 130 Stundenkilometern Geräusche machen, wie sonst nur die Nachbarin, wenn sie die leere Bierkiste die Treppen nach unten zieht. Rückspiegel-Hüllen, die ab Tag 17 der WM im Rinnstein der Stadt liegen. Public Viewing mit schalem Bier und schlechter Musik. Und immer wieder die Frage: Dürfen wir eigentlich feiern, die Nationalmannschaft anfeuern – oder aber ist das schon Nationalismus?
Es gibt einen Unterschied zwischen nationaler Identität und Nationalismus; und in wohl keinem Land auf der Welt hat man mehr Angst, die schmale Grenze in Richtung Nationalismus zu übertreten, als in Deutschland. Einer Studie von Forschern der Universität Chicago zufolge schneiden die Deutschen im Patrioten-Ranking eher schlecht ab.
Und so spaltet sich das Land während fußballerischer Großereignisse in die, die ihr Auto schmücken, schwarz-rot-gelb-geringelte Hüte tragen und den Text der Hymne vor Beginn des Spiels immerhin versuchen, mitzusingen. Und dann gibt es die, die damit nichts anfangen können: weder mit dem Sport noch mit den Flaggen und Fähnchen, den Girlanden und die die Hände über dem Kopf zusammenschlagen über all die „Deutschfeierei“, das „Wir sind Deutschland“.
Die Wahrheit und das richtige Verhalten liegen – wie eigentlich immer – dazwischen. Und machen wir uns nichts vor: Das, was die Medien in Schwarz-rot-gold zeigen, ist nur die Essenz dessen, wie es wirklich ist. Eine Übertreibung.
Am Donnerstag, fünf Stunden vor Anpfiff der WM, vier Tage vor dem ersten Spiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, war an kaum einem Auto eines der Flatterfähnchen zu sehen. Erst vier Straßen vom Büro entfernt: ein Familien-Bulli mit einer Flagge. Einsam flatterte das Stück Stoff im Leipziger Frühlingswind. Am Freitag, in den Höfen am Brühl, stand ziemlich einsam ein Verkäufer im weißen Polo-Shirt mit dem DFB-Emblem an seinem Stand und versuchte, Hüte, Haarbänder und Ketten in den bereits bekannten Farben zu verkaufen; niemand blieb stehen, in 15 Minuten verkaufte er nichts.
Vielleicht liegt es daran, dass das Spiel von „Jogis Jungs“ (bei Erfolgen wahlweise auch: „unsere Jungs“) noch nicht anstand und wer interessiert sich schon für die WM, bevor man das erste Public Viewing hinter sich hat? Was für ein Glück, dass die späten Uhrzeiten in diesem Jahr immerhin schwere Sonnenbrände von Jubelarien in der Mittagshitze ausbleiben.
Spätestens dann aber, wenn das erste Spiel gewonnen, verloren oder aber mit nur einem Punkt beendet wurde, sind sie da, die Fahnen, die Trikots. Es ist entweder ein „Wir sind stolz auf euch, Jungs“ (Sieg), ein „Wir glauben an euch, Jungs“ (Niederlage) oder „Jetzt startet ihr aber bald durch, Jungs“ (Unentschieden), das damit gezeigt werden soll.
Identitäten, so erfährt man in beinahe jedem geisteswissenschaftlichen Studium, gibt es viele. Sie entstehen aus einem Wir-Gefühl und beinhaltet immer ein „die Anderen“. Wir sind Teil eines Paares, Freund oder Freundin, wir sind Fußballfan, begeisterte Köchin oder Koch. Wir sind Hundebesitzer oder Katzenbesitzer. Wir sind Hipster, wir sind nicht-Hipster.
Das Wir-Gefühl entsteht aus gemeinsamen Erinnerungen, Erfahrungen, Vorlieben und Abneigungen.
Das ist vor allem im Fußball leicht. Das Sommermärchen 2006, der Zettel von Jens Lehmann beim Elfmeterschießen, die tönenden Vuvuzelas 2010. Fußball-Deutschland hat eine Menge an gemeinsamer Erinnerung; vor allem positiver. Alle zwei Jahre zu den Europameisterschaften und den Weltmeisterschaften leben Millionen von Menschen ihre nationale Identität aus, ganz ohne Nationalismus.
Nationalismus lebt von der Abwertung des Anderen. Er hebt das Selbst über Andere. Deshalb ist ein Sieg im Sport für Nationalisten mehr als die freudige Bestätigung des Wir; es ist der Beweis dafür, dass andere unterlegen, sie besiegt worden sind – im Gegenzug werden Niederlagen als Kränkung und Schmähung empfunden. Zu einer nationalen Identität im Sport gehören Sieg und Niederlage (man denke an die Niederlage gegen die damalige Mannschaft der DDR und das Sparwasser-Tor oder aber die Schmach von Cordoba 1978), zum Nationalismus gehört nur der Sieg.
Sicherlich: Fußball bietet mit seinen Entscheidungen und seinen Gefühlen den idealen Nährboden für Nationalismus. Er hat aber auch die Möglichkeit, Grenzen niederzureißen und Probleme vergessen zu machen. Wenn in diesem Jahr das erste Mal Bosnien-Herzegowina bei einer WM antritt, hoffen nicht wenige, dass die Mannschaft – auch Drachen genannt – es schafft, die verschiedenen Teile des Landes zu vereinen und eine identitätstiftende Wirkung zu haben; ähnlich wie es die deutsche Mannschaft 1954 in Bern schaffte. Manche Historiker nennen den Sieg von damals die „Geburtsstunde der Bundesrepublik“, weil das erste Mal nach dem Krieg ein Wir-Gefühl in Deutschland eintrat und dies durchaus motivierend wirkte, die Probleme im Land und den Aufbau voranzutreiben.
Es ist Fußball-Weltmeisterschaft. Und das bedeutet eben auch Flaggen und Hüte in Schwarz-Rot-Gold. Es bedeutet keinen neu aufflammenden Nationalismus, gibt aber die Möglichkeit, über den Unterschied zwischen Nationalismus und nationaler Identität nachzudenken.
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Anmerkung zum Schluss: Ich bin Fan der englischen Nationalmannschaft, die deutsche Nationalmannschaft darf zwar gern gewinnen, aber nie gegen England und die Niederlande. Meine fußballerische Identität hat irgendwas mit Alan Shearer, ungläubigen Gedanken zum Thema „Torwart“ und Bier trinken im Schatten des St. James Parks in Newcastle zu tun.
Unsere heutige Gastautorin heißt Ulrike Bertus und lebt in Leipzig.


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