Heute ist es so weit. Knapp 200 Millionen Brasilianer werden Ballhinterherflitzern und Ballsportfans aus aller Welt begrüßen. Was hingegen weniger begrüßt wird, ist die Fußball-WM selbst. Denn nicht zuletzt durch diese WM und die Vergabe der WM 2022 nach Katar hat die FIFA eine maßlose Selbstverherrlichung gezeigt, die sich viele Menschen nicht mehr gefallen lassen. Und wo die Regierung von einer ungekannten Euphorie spricht, finden seit Monaten und Jahren flächendeckende Proteste gegen die WM und ihre Vorzeichen statt. Ich sprach mit Lizandra über die Stimmung im Land. Sie ist 20 Jahre alt und studiert aktuell in Manaus, der siebtgrößten Stadt des Landes und einer der Austragungsorte der WM 2014.
Hallo Liz, danke dass du dir die Zeit genommen hast, ein paar Fragen zur aktuellen Lage in Brasilien zu beantworten. Heute startet der Kampf um den WM-Pokal und der Kampf der FIFA um ein ausgezeichnetes Event. Wie ist die allgemeine Stimmung gerade – wird weiterhin protestiert?
Die brasilianische Bevölkerung ist unzufrieden mit der WM, besonders wegen der Ineffizienz der Infrastrukturprojekte und des „Urban Upgrading“. Menschen mit wenig Einkommen werden praktisch auf die Straße gesetzt. Deswegen dauern die Proteste weiterhin an, denn die ganzen Bauprojekte dienen kaum der Mehrheit der Bevölkerung.
Wie wurde denn seitens der Regierung für die WM geworben?
Die Regierung hat eine bessere Infrastruktur versprochen und mit dem Wachstum der Städte geworben. Nachdem aber beispielsweise der Preis für Bustickets in Sao Paulo um 20 Cent angehoben wurde, wurden die negativen Stimmen lauter und viele Bewohner fühlten sich betrogen.
Schaffen es diese negativen Stimmen in die Medien oder wird offene Kritik unterbunden?
Die brasilianischen Medien unterstützen die WM in allen möglichen Formen. Mit 24h-Übertragungen wird versucht, den Willen zum Jubeln wieder herzustellen und ein positives Bild zu vermitteln. Es gibt keine Kritik in der Öffentlichkeit, nur die unabhängigen Medien im Internet kritisieren das Event und bauen den Protest in ganz Brasilien auf.
In Deutschland wurde viel darüber berichtet, dass Favelas gestürmt und Menschen enteignet wurden – erhalten diese Familien Unterstützung seitens des Staates?
Zumindest im Staat Pernambuco, in deren Hauptstadt Recife WM-Spiele stattfinden werden, gab es keinerlei Hilfe seitens der Regierung. Noch nicht einmal Geld, um sich ein neues Heim zu kaufen. Dafür gibt es viele Gründe – vor allem politischer Natur, da im November die Wahlen für einen neuen Präsidenten stattfinden.
Für die WM wurden eigens brasilianische Gesetze außer Kraft gesetzt, wie das bisher geltende Alkoholverbot im Stadion. Wie kritisch wird dieses Anbiedern an die Wünsche der FIFA gesehen?
Historisch gesehen waren brasilianische Stadien schon immer Bühnen für den Konflikt zwischen Fans verfeindeter Mannschaften, der durch Alkohol besonders angeheizt wurde. Deshalb ist die Alkoholerlaubnis für die WM unvereinbar mit der brasilianischen Realität und ein weiteres Zeichen, wie egal die Bewohner des Gastgeberlandes der FIFA und der eigenen Regierung sind.
Wird der Protest nun an die aktiv angereisten Fans herangetragen oder besteht da ein Interessenskonflikt? Einerseits will man die Regierung nicht einfach unbeschadet damit durchkommen lassen, andererseits aber den Protest auch nicht auf dem Rücken der Fans austragen? Oder erhofft man sich von deren Seite mehr Protest?
Die brasilianische Regierung wird alles tun, um kein negatives Bild während der WM aufkommen zu lassen. Deswegen werden sicherlich kreative Wege gesucht, den Protest an die Öffentlichkeit zu tragen. Außerdem besteht die Hoffung, dass sich Menschen aus aller Welt an den Demonstrationen beteiligen und einen Boykott möglich machen. Die Protestler sehen sich aktuell weder als Gewinner noch als Verlierer und sehen die WM als Möglichkeit, der brasilianischen Bevölkerung eine Stimme zu geben und Änderungen bis in die hohen Politikerränge hineinzutragen.
Wird bei den Protesten schon auf die ebenfalls umstrittenen Olympischen Spiele hingewiesen, die 2016 in Rio de Janeiro stattfinden werden?
Die Proteste werden zwar schon kombiniert, richtig sichtbar werden sie aber erst nach dem Weltcup. Spätestens zu den Präsidentschaftswahlen, wenn die Regierung nicht mehr drumherum kommt, sich mit den Protesten zu beschäftigen.
Wie werden deine Freunde und du die WM nun erleben?
Wenn die Proteste bis nach Manaus getragen werden, werden meine Freunde und Ich daran teilnehmen. Aber aktuell glaube ich, dass es wichtig ist, vor allem die Proteste in Rio und São Paulo am Leben zu erhalten. Dort campen schon seit letztem Jahr Menschen, und wahrscheinlich wird Dilma Rousseff die CM (Anm.: Militärpolizei) nutzen, um etwas gegen diese und andere Menschen zu unternehmen, die das Land wirklich ändern wollen.
Vielen Dank für das Interview Lizandra!



