When I look at my thumbs, I know they can be trusted.
– Marshall McLuhan
Es ist ja seit geraumer Zeit klar, dass die Transformation vom selbstbestimmten Subjekt zum bloßen Abnehmer von Waren und Dienstleistungen bald ihre Vollendung erreichen wird, und das ist ja auch richtig so, weil, die Wirtschaft, usw, usf.. Wenn also freundliche Algorithmen die Welt für uns sehr einfach machen, und uns selbst die Entscheidung, uns entscheiden zu müssen durch ein passendes Produktangebot (etwa durch Ratgeber: Wie treffe ich die richtigen Entscheidungen, Piper, 2012, 19,99 Euro) erleichtern, dann ist davon auszugehen, dass sich niemand ernsthaft darüber beschweren wird – denn Unvorhersehbarkeit, Zufall und Langeweile scheinen für die meisten von uns inzwischen eine Zumutung geworden zu sein, und der eigene Anspruch auf Kontrolle sich dementsprechend auszuweiten.
Da man auf diesen Service also offenbar ungern verzichten mag, und das – frei nach den Worten irgendeines Imperator-Anwärters von Google – mit sich bringt, besser gar nicht erst zu versuchen, irgendetwas zu verheimlichen, muss das spätkapitalistische Fasersubjekt (das man sich als eine Art Durchlauferhitzer von Bildern, Haltungen und flüchtigen Interessen vorstellen muss) stärker noch als früher darauf achten, jene ureigenen Neurosen vor dem digitalen Kraken zu verbergen, bei denen es nun wirklich keine Produktempfehlung haben will, etwa das Bohren in der Nase zu Nahrungszwecken oder das heimliche Aufbewahren abgeschnittener Zehennägel in Einmachgläsern.
Schenkt man einer soziologischen Studie der Universität Jena innerhalb eines Sammelbands aus der Universitätsbibliothek glauben, den ein faulerer Student als ich irgendwohin geklemmt hat, wo er offensichtlich nicht hingehört, dann möchte ein statistisch relevanter Teil der Menschen in modernen westlichen Gesellschaften bislang nur ungern damit herausrücken, dass sie ihre eigenen Körperteile häufig mit Namen versehen und nicht selten mit ihnen sprechen.
Ein gutes Viertel der männlichen deutschen Bevölkerung benennt demnach eines oder mehrere seiner Körperteile nach bekannten Gestalten der Populärkultur (also Superhelden, Actionstars, Videospielfiguren oder diversen Charakteren aus beliebten TV-Serien), Tieren oder Persönlichkeiten der Zeitgeschichte; betroffene Körperteile sind insbesondere der Daumen, der Bauchnabel und die Ohren, seltener der Penis, was nicht wenige überraschen mag. Beim weiblichen Bevölkerungsanteil liegt die Zahl etwas niedriger (12%), die Mechanismen der Namensgebung sind allerdings dieselben, mit der einen Ausnahme, das Persönlichkeiten der Zeitgeschichte weniger Berücksichtigung finden, dafür die Namen verstorbener Haustiere oder diejenigen von Lehrkräften aus der Grundschulzeit. Statt des Daumens rückt hier öfter einmal der kleine Finger in den Vordergrund und die Vagina wird sehr viel häufiger benannt, als dies bei ihrem männlichen Pendant der Fall ist.
Bei den Männern ist der beliebteste Name für den eigenen Daumen (die Studie stammt aus dem Jahr 2012) Joe. Beim Bauchnabel sind es Homer und Sauron; die Ohren werden dagegen meist mit bekannten Dopplungen versehen (Siegfried und Roy, Simon & Garfunkel, Luke und Leia oder auch: Tim und Struppi). Der geläufigste Name für den Penis lautet Ned Stark (für Freudianer sind hier Bezüge zur heimlichen Kastrationsangst offensichtlich). Frauen nennen ihre Daumen (oder kleinen Finger) dagegen bevorzugt Sammy und den Bauchnabel Lucy oder Katniss (die Benennung der Ohren ist mehr oder minder identisch mit der der Männer; ein ähnliches duales Namensgebungsverfahren gilt für die Brüste), bei der Vagina belegen Janet, Frank und ein schlichtes M die Spitzenplätze.
Das Körperteil, mit dem noch dazu rege gesprochen wird, scheint jedoch der Daumen zu sein, dem in passenden (folglich: privaten) Momenten Probleme mit dem Partner oder dem Job, wichtige Entscheidungen oder Beschreibungen des Tagesverlaufs mitgeteilt werden (der bevorzugte Ort dafür ist, wenn man der Studie glauben schenkt, die Toilette), und es ist doch einigermaßen erhellend, dass der eigene (analoge) Körper hier als letzter Rückzugsort zur Kommunikation mit sich selbst geblieben ist; also einer Kommunikation, deren Inhalt nicht geteilt werden will, was man von den ursprünglichen Orten für eine solche Art der Eigenreflexion, etwa dem Tagebuch, so schon lange nicht mehr behaupten kann.
Wer sich ein bisschen im Netz umschaut erkennt allerdings, dass digitaler Exhibitionismus, Aussicht auf Austausch unter Gleichgesinnten und der eigene (aus Unsicherheit resultierende) Drang nach Selbstvergewisserung auch vor dieser, ähem, Bastion längst nicht mehr halt machen: Foren, in denen Menschen mit Namen wie Herb1982x3 und aufwendig gestalteten Daumenprofilbildern sich über ihre Gefährten unterhalten, gibt es bereits. Es ist also nicht weiter schwierig, sich vorzustellen, wie die kapitalistische Totalitätslogik auch hier nach und nach durchgesetzt wird: etwa, in dem am Bildschirmrand auf Amazon verlinkt wird, wo Accessoires wie kleine, gestrickte Daumenmützchen, Mini-Perücken und passende, individuelle Kleidung (falls gewünscht mit korrektem Ökolabel versehen) angeboten werden; dementsprechend könnten auch Selfies mit hübsch herausgeputzten Daumen auf Facebook oder ansprechende Schwarz-Weiß-Fotoserien mit Daumen auf Instagram bald in der beständigen Informationsschlacke mitgespült werden, und somit die gewollte Bestätigung, existent zu sein, garantieren.
Und weil das alles recht logisch und zwingend erscheint (Wieso sollte man schließlich den Daumen, der einem so hilft, mit sich selbst klarzukommen, auf der Toilette verstecken? Und ihn nicht allen zeigen, die sich dafür interessieren?), können all diejenigen, die dem kommenden Hype gerne einen Schritt voraus sein wollen, ja schon einmal anfangen, sich Namen für ihre Daumen auszudenken und überlegen, wie sie in Szene zu setzen sind. Und die Geschäftstüchtigeren unter ihnen, die sollten wirklich schnellstens mit dem Stricken beginnen.



