Andere merken, dass sie älter werden, wenn mit dem Körper was nicht mehr so funktioniert, wie es soll. Wenn man nicht mehr so viel tragen kann, wenn es beim Sport nicht so läuft, oder bei der Potenz. Andere merken, dass sie älter werden, wenn sie nichts merken, wenn die Erinnerung nachlässt. Und noch mal andere merken, dass sie älter werden, wenn sie plötzlich mit den Kleinen spielen wollen, wenn sie plötzlich einen Sexualpartner haben, der 20 Jahre jünger ist als sie selbst.
Ich merke, dass ich älter werde, weil ich was merke.
Weil ich merke, dass meine Wohnsituation anders aussieht als noch vor ein paar Jahren. Geordneter. Ich fühle mich plötzlich unwohl in Wohnungen, bei denen irgendwelche Poster an der Wand hängen, ohne Sinn für Farbkombination und Ästhetik, weil ich plötzlich denke, dass Bilder (Bilder!) wichtig sind. Leerstellen: sind nichts mehr, das gefüllt werden muss, sondern sind Strukturelemente im Leben. Ach, Leben. Das ist endlich, muss man feststellen. Ich esse auch nicht mehr, was mir vor die Lippen kommt, ich esse gern, ich esse möglichst Bio, und ich habe große Sympathien für fleischfreie Ernährung. Ich rauche nicht mehr. Das hat sich unmerklich irgendwohin entwickelt, in eine Gesetztheit, die ich mir nicht ausgesucht habe, die mir aber auch nicht unsympathisch ist.
Beispiel.
Ich lese die (sehr empfehlenswerte) Graphic Novel „Die Schönheit des Scheiterns“ von Andreas Eikenroth. Eikenroth ist im Hauptberuf Bühnentechniker am Stadttheater Gießen, er lebt in der Stadt, in der ich einen maßgeblichen Teil meiner Studienzeit verbracht habe, und er bewegt sich in den Häusern, in denen ich mich auch aufhielt, in diesen schönen, siffigen, verrauchten, großen Altbau-WGs (und er ist, das sollte man vielleicht auch erwähnen, sechs Jahre älter als ich). Ich lese diese Geschichte aus meinem Leben, ich kenne all das, was Eikenroth da beschreibt, und ich weiß, dass ich da nie mehr zurück kann. In diese bierschwangeren Kneipen, zu diesem schlechten Essen (die Gaststätte „Zum Bahndamm“, ach, das war schön!), in die Wohnungen, bei denen man nie genau weiß, ob die Frau am Küchentisch jetzt die neue Mitbewohnerin ist oder nur der One Night Stand der Mitbewohnerin, deren Namen man gerade vergessen hat, auf diese Uni-Kulturfeste, bei denen unglaublich schlechte Bands auftraten. Ich habe irgendwie nicht mehr die Zeit, mir schlechte Bands anzuhören. Und irgendwie habe ich auch nicht mehr das Leben, in dem man gegen Mitternacht an Türen klingelt, einen Kasten Bier unterm Arm, weil man unbedingt jetzt noch den Einstand der neuen Mitbewohnerin feiern möchte. Ach.
Älter werden heißt für mich: Ich merke, dass ich jetzt woanders bin. Aber erinnern kann ich mich noch. Und sentimental wie ich bin, passiert diese Erinnerung: unter Tränen.


