© Reinhard Werner / Burgtheater

Das Gesicht einer Überlebenden: Lucia Heilman in
“Die letzten Zeugen”. (Foto: Reinhard Werner / Burgtheater)

Es ist so ein Gefühl unserer Generation: „Das kennen wir schon, wir wissen, dass es schlecht ist, dass so etwas nie wieder passieren darf.“ Wir wurden im Geschichtsunterricht immer wieder mit den gleichen Bildern konfrontiert und verloren mit der Zeit das Gefühl des Schreckens. Die Daten sind auswendig gelernt, die Zahlen abgeschrieben. All das kommt uns weit weg vor. Wir sind abgestumpft.

Mit dieser Einstellung sind wohl viele der jungen Menschen in die Aufführung von „Die letzten Zeugen“ im Rahmen des Berliner Theatertreffens gegangen. Wir begegnen ihnen mit Distanz: Die Zeugen sitzen am hinteren Rand der Bühne, blicken ins Publikum und in die Kamera, die ihr Gesicht übergroß auf die durchsichtige Leinwand vor ihnen projiziert. Davor die Fotografie einer Parkbank mit der Aufschrift „Nicht für Juden“. Es ist ein Bild aus der Erinnerung von Lucia Heilman. Als Mädchen stand sie vor einer solchen Bank in ihrem Lieblingspark und verstand es nicht. Sie konnte sich nicht erklären, warum die Männer so viel Aufwand betrieben hatten, um auf jeden einzelne Bank diesen Satz zu schreiben. Doron Rabinovici und Matthias Hartmann lassen die vier Schauspieler des Wiener Burgtheaters die Erinnerungen ablesen, nicht spielen. Die Zeiten überlagern sich wie die Bilder der Vergangenheit. Es bleibt stets präsent, dass es nicht um Fiktion, sondern um das Erzählen der Geschichten geht. Geschichten, die von unerklärlichem Grauen zeugen. Von unterirdischen Verstecken, von dem Weg ins Konzentrationslager, vom verzweifelten Versuch zu Überleben. Plötzlich ist das alles nah, persönlich, fassbar. Heilman wird später sagen, dass die zwei Stunden der Aufführung die schrecklichsten seien, dass es fürchterlich ist, die schlimmste Zeit ihres Lebens noch einmal durchleben zu müssen.

© Reinhard Werner / Burgtheater

Foto: Reinhard Werner / Burgtheater

Hier wiederzugeben, was genau geschah, würde den Zeugen nicht gerecht werden. Es hätte nicht die selbe eindringliche Wirkung. Die Nähe, die persönliche Perspektive und die Angst sind an ihre Sprache, an ihre Worte geknüpft. Wir teilen ihr Unverständnis gegenüber den Geschehnissen, die unserer Zeit entrückt und doch erschreckend aktuell sind. Wie kann es sein, dass Nachbarn plötzlich Mörder sind? Was muss passieren, damit Leben, Eigentum und Rechte nichts mehr wert sind? Und wieso hilft niemand? Heilman stellt die Frage, warum von Millionen Österreichern nur 88 Mutige den Verfolgten Schutz boten. Wie viele wären es heute?

Die Inszenierung verzichtet auf die bekannten Bilder, bettet die Texte der Zeugen behutsam in einen theatralen Rahmen, ohne sie zu überstrahlen. Der Augenblick, wenn die Zeugen hinter der Leinwand hervortreten und sich an das Publikum wenden, ist ein so ehrlicher aufreibender Moment, dass ein kitschverhangenes Wort wie „rührend“ es bei weitem nicht trifft. Wir müssen ihnen zuhören. Solange es noch geht. Sie bezeugen mit ihrer Anwesenheit die Wahrheit der Geschichte. So eindringlich und aufwühlend wie es kein Geschichtsbuch vermag. Dass uns die Zeit davon rennt, zeigt ein leer gebliebener Stuhl. Er gehörte Ceija Stojka, die vor der Premiere in Wien verstarb. Anfangs waren nur einige wenige Aufführungen am Burgtheater geplant. Doch immer mehr Menschen wollten den Zeugen Gehör schenken. Der Abend mahnt, ohne den obligatorischen Zeigefinger zu erheben. Nach der Aufführung im Theatersaal folgen Publikumsgespräche im Foyer. Sie verorten das Gesehene im Jetzt. Wie geht man heute damit um? Fragen sie sich, fragen wir uns.

Am Ende steht der Applaus für die Zeugen, nicht für Hartmann. Er selbst nutzte die Preisverleihung im Anschluss an die Aufführung zur Selbstinszenierung. Ein unpassender Schachzug, dem wir hier keine Aufmerksamkeit schenken wollen. Die weitere Diskussion um den entlassenen Burgtheaterdirektor sei an dieser Stelle ausgeklammert. Konzentrieren wir uns auf die Kunst.

Share Button