Ich verstehe sehr gut, was die Frau da macht, um mich zu kriegen. Die Mittel der Karen Marie Ørsted, kurz MØ, aus Odense auf Fünen: Elektropop, Skandinavienpop, Jungmädchenaggression. Ich hätte sie auf jünger als 25 geschätzt, vielleicht wegen der Rotzigkeit ihrer Performance, vielleicht wegen ihres Pseudonyms, Dänisch für Jungfrau, vielleicht wegen dieses Spiels: jungfräulicher Name, ganz und gar nicht jungfräuliches Verhalten, ein gefundenes Fressen für dirty old men. MØ.
Der erste Gedanke: Es gibt coolere Aktionen als bei einem Auftritt im Hamburger uebel & gefährlich ein FC St. Pauli-Shirt zu tragen. Der zweite Gedanke: Es gibt aber auch deutlich uncoolere Aktionen, ich meine, die Frau kommt aus Dänemark, die hätte auch ein HSV-Shirt kaufen können. Nein, das ist schon in Ordnung, die hat sich Gedanken gemacht, was geht und was nicht. Und dann die Musik. Was auf der CD „No Mythologies to follow“ noch als eher ruhiger, sanfter Elektropop daherkommt, bratzt hier gehörig durch die Halle, laut und lärmig, die Sängerin stürzt sich über die Rampe ins Publikum, „Holler! Holler! Holler!“, während die dreiköpfige Band einen ziemlich geil getakteten Sound abliefert, unterstützt durch diverse Loops, Samples und Tapes. Sehr auf die Zwölf, mir zu sehr, mal ehrlich: Im Club hätte ich das als kalkulierten Exzess abgelehnt, aber hier ist es so, dass MØ, Frau MØ, augenscheinlich Spaß an der Sache zu haben scheint, am Ausklinken. Sie singt und grölt und ist spätestens nach dem zweiten Publikumsausflug schwer derangiert. Ja, das ist Schweiß.
Im Hintergrund derweil Visuals. Schwarzweiß, alles in allem sehr, sehr großartig. Holen das Publikum ab: beim Fetisch, beim Blutstropfen, der dekorativ aus einer Nase läuft, bei spooky Kuscheltierchen, bei leicht geöffneten Frauenlippen, geschminkten Lippen. Es ist alles so einfach.
Das Publikum: viele Männer, ja, auch viel ältere Männer. Presse. Plattenfirmen. MØ ist nächstes dickes Ding, das merkt man: Hier sind professionelle Auskenner im Saal. Irgendwie will das alles indie sein, aber: „No Mythologies to follow“ ist ganz und gar kein indie, sondern erschienen bei Sony. Das was da auf der Bühne passiert, ist ein extrem professionelles Spiel mit Zeichen, aber es bricht die Professionalität genau an der Stelle ab, an der das Spiel ins Abgefuckte kippen würde. Wie Frau Ørsted derangiert von der Bühne herabschwitzt, das zeigt: MØ ist heiß, aber ein Star ist sie nicht, ist sie zum Glück nicht. Ja, warum nicht die Infrastruktur von Sony nutzen, warum nicht mal mit doofen, abgeschmackten Fetischsignalen posieren, wenn es doch Spaß macht, wenn die Inhalte, die transportiert werden, doch die eigenen sind? Unter dem Radar bleiben, das Spiel mitspielen, bis zu einem bestimmten Punkt, und dann widerspenstig sein. Die Schwierigkeit wäre dann nur noch, diesen Punkt nicht zu verpassen.
Ich verstehe sehr gut, was MØ macht, um mich zu kriegen. Ich verstehe, dass ich hier manipuliert werde. Die Manipulation sehen und sie zuzulassen. Manipuliert werden und man selbst bleiben. Freiwillig in die Bottom-Position zu wechseln, für kurze Zeit. Kunst. Lust.



2 Kommentare
kid37 says:
Apr 26, 2014
Ehrlich? Früher kam C&A-Werbung so daher. Nur, daß die um einen Leuchtturm herum spielte, nicht auf einem Schrottplatz. Wrecking Yard – ohne Balls. (Sieht aus wie Telekom-Werbung für irgendwas in Berlin.) “…warum nicht mal mit doofen, abgeschmackten Fetischsignalen posieren…” Wie sagte Kim Gordon über Miley Cyrus: “Sie ist bloß das Symptom. Nicht die Krankheit.” (Verzeihen’s das in-die-Suppe-spucken, vielleicht war das auf dem Konzert wirklich super.)
Falk Schreiber says:
Apr 26, 2014
War es. Aber ich verstehe die Skepsis schon.