Jasmin MittagBei jedem Umzug miste ich aus. Jedes Mal wandert etwa ein Drittel meines Besitzes an neue Besitzer_innen oder in den Müll. Und trotzdem habe ich danach das Gefühl, immer noch zu viel zu haben. Zu viele Dinge, die in den Schubladen schlummern und nie benutzt werden. CDs behalte ich aus irgendwelchen Nostalgiegründen, aber nicht weil ich sie tatsächlich benutzen würde. Wann habe ich das letzte Mal eine CD in einen Player gesteckt? Ich kann mich nicht erinnern. Ein weiteres Schlachtfeld meiner Sammelleidenschaft: der Kleiderschrank. Ich besitze tatsächlich nur drei Paar Jeans. Dafür aber hunderte Strumpfhosen, die, ob kaputt oder nicht, immer wieder zurück in den Schrank wandern. Ich habe unzählige T-Shirts, weil ich eine Leidenschaft für besondere Oberteile habe. Die Hälfte der Kleidung in meinem Schrank ziehe ich nicht an. Dafür habe ich mir im letzten Jahr bereits eine Regel auferlegt: Für jedes Teil, das reinkommt, muss ein anderes gehen. Noch besser wäre natürlich, gar nicht erst viele neue Dinge zu kaufen. Oder vor dem Konsum einmal nachzudenken, warum ich dieses eine Teil eigentlich wirklich brauche. Wobei man hier lieber von „haben wollen“ als von „brauchen“ sprechen sollte.

Darüber haben auch ein paar engagierte Frauen in Hannover nachgedacht und zusammen ein Konzept für eine Nachhaltigkeitsveranstaltung erarbeitet. Diese haben sie vor zwei Wochen umgesetzt und ich war dabei.

Jasmin Mittag, Organisatorin des Projekts, erzählt: „Jede_r besitzt Dinge, die neuwertig sind und die er/sie nicht benutzt. In meinem Freundeskreis kam irgendwann die Idee auf, diese Dinge untereinander zu tauschen. Vielleicht kann meine Freundin mit dem Waffeleisen ja viel mehr anfangen als ich! Irgendwann haben wir uns gedacht, das könnte man auch in einem größeren Rahmen machen und uns dieses Konzept überlegt.“ Zwei Veranstaltungen – eine, die die Theorie zum Thema Nachhaltigkeit vermittelt und eine, die zum direkten Tauschen anregt – haben sie geplant und bei dem Wettbewerb heute@morgen eingereicht. Die fanden das so gut, dass sie die Veranstaltung gefördert haben.
„Think first before you buy“ heißt der Abend zur theoretischen Einführung. Peter Gnielczyk ist Leiter des Teams Verbraucherkompetenz des Verbraucherzentrale Bundesverbands und bezeichnet sich selbst als „Konsum-Pädagoge“. Er übernahm die Einführung in das Thema. Als erstes stellt er die Frage in den Raum, ob es den Begriff „nachhaltigen Konsum“ so überhaupt geben könne. Konsum in jeglicher Form sei für seine Begriffe nämlich nicht nachhaltig. Das hieße natürlich nicht, dass man gar nicht mehr konsumieren solle, aber eben nachdenken soll, bevor man etwas (nicht) kaufe. In der heutigen Gesellschaft ist Shoppen eine Art Freizeitbeschäftigung, manchmal auch Frustbewältigung. Ich sitze im Publikum und erkenne mich wieder. Immer, wenn ich besonders schlecht gelaunt bin, versuche ich durch Konsum meine Laune wieder zu heben. Oder, im Gegenteil, wenn ich etwas Tolles geleistet habe, belohne ich mich mit dem Kauf neuer Dinge. Das schüttet Hormone aus und macht mich glücklich – allerdings nicht für lange Zeit. Schon am nächsten Tag, so Gnielczyk, sei dieses Gefühl meist wieder verflogen.

Glück besteht nicht aus materiellen Dingen

„Konsum wird auch dadurch gefördert, dass Produkte identitätsstiftend wirken“, erklärt Gnielczyk und nennt als Beispiel bestimmte Emotion, die in der Werbung vermittelt werden. Wenn ich Produkt A kaufe, gehöre ich also zu einer besonders tollen Truppe. Klar, wer kennt das nicht? Besonders für Teenies ist diese Art der Identitätsgebung durch bestimmte Marken oder Produkte wichtig. In den 90ern waren das die Miss-Sixty-Jeans und Buffalo-Schuhe und heute sind es die Pullover von Hollister oder Obey.

Fragt man Menschen aber nach ihrer eigentlichen Vorstellung von Glück, kommen als Antwort eher Begriffe wie Familie, Gesundheit, Freunde und andere immaterielle Dinge, erzählt Gnielczyk.

Es gibt also noch Hoffnung! Wie diese Hoffnung aussehen kann, zeigen die Initiativen und Organisationen, die sich im Anschluss an Gnielczyks Vortrag vorstellen.

„Vernetzung mit Herz ist größer als Kommerz“

„Until we bleed“ ist das Kunstprojekt von drei Schülerinnen, die sich mit dem Thema Konsum beschäftigt haben. In Dauerschleife schieben zwei von Ihnen einen Einkaufswagen vollgepackt mit Klamotten einen Berg hoch. Immer wieder rutschen sie ab und versuchen es erneut. Bis sie irgendwann unter dem Berg an Klamotten zusammenbrechen.

„Vernetzung mit Herz ist größer als Kommerz“ ist der Leitspruch für das Wohnzimmer im Stadtteil Linden. Dabei handelt sich um einen kleinen Eckladen, in den Menschen kommen können, die sich abseits von Kneipen und Getränkekonsum unterhalten wollen. Wer möchte, kann im Wohnzimmer Veranstaltungen machen, Konzerte spielen oder Nachhilfe geben. Sechs Hannoveraner_innen haben das Wohnzimmer gegründet und kümmern sich ehrenamtlich um die Organisation. Das Wohnzimmer lebt von Spenden. Für alle, die die Initiative kennenlernen wollen: Am 26. April ist Tag der offenen Tür.

Das Ziel von Freicycle ist „Fahrräder für alle“. Nach einem Tag an der Ihme kamen Niclas und seine Freund_innen auf die Idee, dass es doch super wäre, wenn sie jetzt einfach mit irgendeinem Fahrrad heimfahren könnten, dies wieder abstellten und jemand anders würde es benutzen. Bei Niclas setzte sich die Idee im Kopf fest und so gründete er Freicycle. Zusammen mit einer Fahrradwerkstatt sammelt er gespendete Fahrräder, macht diese wieder fit und rüstet sie mit einem Sender aus. Zukünftig sollen die Nutzer_innen von Freicycle per App herausfinden können, wo ein freies Fahrrad steht. Die Fahrräder sind nicht angeschlossen und so für jeden verfügbar. Freicycle setzt auf das Verantwortungsbewusstsein der Nutzer_innen – die Fahrräder sollen natürlich weder geklaut noch zerstört werden.

Regionale Geldkreisläufe

Eine weitere Initiative in Hannover ist HannoFairGeld. Mit dem hannovereigenen Geld sollen das regionale Gewerbe gestärkt und Wirtschaftskreisläufe vor Ort gefördert werden. „Wir treffen uns immer Montags zum Gelddrucken“, erzählt der Vertreter vom HannoFairGeld Team. In kleinen Kreisläufen, zum Beispiel Wochenmärkten, lässt sich das Bezahlsystem mit einiger Vorarbeit schon realisieren. Zukünftig soll das auch in größeren Zusammenhängen möglich sein.

Eine der größten nachhaltigen Einrichtungen in Hannover ist fairKauf – das soziale Kaufhaus. fairKauf ist im Prinzip ein großer Second Hand Laden. Es erhält Spenden von Kleidung über Möbel bis zu Büchern und verkauft diese weiter. Außerdem ermöglicht es Langzeitarbeitslosen eine berufliche Qualifizierung in den Bereichen Handel, Logistik und Verwaltung. Mit Erfolg – fast alle der ehemaligen Mitarbeiter_innen werden im Anschluss von anderen Kaufhäusern der Stadt übernommen. Inzwischen steht das Kaufhaus komplett auf eigenen Beinen und finanziert sich selbst.

Ich war von allen Initiativen an dem Abend sehr begeistert und habe meine Stadt von einer ganz neuen Seite kennengelernt. Außerdem habe ich mich gleich anstecken lassen und im Anschluss meinen Kleiderschrank komplett ausgemistet – erstaunlich, wie viel Kleidung ich eigentlich nie trage und weitergeben kann. Das mit dem Weitergeben konnte ich dann zwei Tage später auf dem zweiten Teil der Veranstaltungsreihe gleich erledigen. Dann folgte nämlich der praktische Teil – ein Tauschmarkt für neuwertige Kleidung, Bücher und andere Dinge, die jede_r so zuhause hat. Die Besucher tauschten am Eingang ihr Hab und Gut gegen Marken und konnten diese Marken wiederum gegen andere Sachen eintauschen. Was nicht wieder mitgenommen wurde, ging am nächsten Tag direkt an fairKauf.

Ebenfalls dabei waren:

Netzwerk zur nachhaltigen Stadtgemeinschaft in Hannover: urbanfutures.de

Dies ist der Auftakt zu einer kleinen Reihe über Nachhaltigkeit bei LesFlâneurs – ihr kennt tolle Projekte in die Richtung oder habt Freund_innen, die wir dazu unbedingt interviewen sollten? Meldet euch bei uns!

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