Tauben, sagen Sie? Über Tauben spreche ich nicht.

– Vladimir Nabokov

Erdferkel

Kapisches Erdferkel, Orycteropus capensis Gm. S. 147, unbekannter Künstler, aus: Brehms Tierleben, 1927.

Wir neigen dazu, die Tiere als unsere Verbündeten zu betrachten. Vor allem in jenen Momenten, in denen uns die absurde Komplexität zwischenmenschlicher Verflechtungen einmal mehr zum Verzweifeln bringt. Oder die Idiotie der Welt vor unseren müden Augen als Eilmeldung auf dem Laptopbildschirm aktualisiert wird. Es hilft dann, einen Hasen zu beobachten, der arglos ein wenig Gras frisst und dabei einen Eindruck vorbehaltloser Freundlichkeit vermittelt. Die melancholische Eleganz eines Schneeleoparden zu bewundern, während er einsam an kargen Berghängen entlangwandert. Ein Pferd zu grüßen, das daraufhin aufblickt und höflich schnaubt. Manchmal reicht bereits eine einfache Information, etwa, dass Leguane ihre Rivalen mit sehr bedächtigem, langsamem Kopfnicken vertreiben, um sich beruhigt zu wissen, dass wenigstens irgendjemand etwas Elementares begriffen zu haben scheint.

Ich war mir dessen jedenfalls erneut sicher, als ich vor einigen Tagen auf einer Bank in der Sonne las und sich für eine halbe Stunde ein großer Falter auf meiner Schulter niederließ. Als er sich abrupt entfernte und ich ihm mit einem Tippen an den Hut gerade noch meine Solidarität zusichern konnte, registrierte ich plötzlich, dass die Sonne hinter dem Dickicht aus Bäumen verschwunden war und sich um meine Bank eine Schar Tauben versammelt hatte, deren Zahl stetig zunahm. Ich empfand das insofern als irritierend, als dass ich keine Brotkrumen oder ähnliches verstreut hatte (für gewöhnlich kann ich mir es nicht leisten, Brot zu verstreuen), und dennoch, da waren sie, raschelten unruhig mit den Flügeln, wölbten ihre grauviolett befiederten Brustkörbe und gaben diese Geräusche von sich, die in etwa so klangen, wie ich in der fünften Klasse Blockflöte spielte, also irgendwie schuhuend und für Beiwohnende zweifellos unangenehm.

Während ich darüber nachdachte, ob die Taube es verdiente, bald in das Lexikon der zurecht ausgestorbenen Tierarten aufgenommen zu werden, das ich einmal während meiner Zeit als Reinigungskraft im Klassenzimmer einer Grundschule gefunden hatte (und eigentlich rundheraus ablehnte), stob die Schar um mich herum plötzlich kollektiv in einer Wolke zum Himmel auf, was mich derart aus der Fassung brachte, dass ich mein Buch fallen ließ und in der Folge etwas Zeit brauchte, um mich wieder zu sammeln. Dann wischte ich ein paar verirrte Federn von meinem Mantel und ging, nicht ohne mir erneut besagtes Lexikon in Erinnerung zu rufen.

Derart sensibilisiert beobachtete ich in den folgenden Tagen mit zunehmendem Unbehagen das Verhalten der Nürnberger Tauben, die ganze Plätze kolonialisiert zu haben schienen, sich ziellos wie Plastiktüten durch die Luft wehen ließen und nicht selten sogar aus U-Bahn-Tunneln herausflogen. In der Yormas-Filiale im Hauptbahnhof scheuchte ein Biersuchender neben dem Tiefkühlschrank gleich zwei Exemplare auf, die daraufhin minutenlang unterhalb der Decke kreisten und Federn ließen, ehe sie sich auf dem Regal mit den Spirituosen niederließen. Wahlplakate waren parteiübergreifend mit ihrem Kot beschmutzt. Neben einem Mülleimer in der Pillenreuther Straße fand ich dann einen abgetrennten Taubenfuß mit einer seltsamen Plakette darum; in der Nähe eines Gebüschs unmittelbar vor dem Bahnhofseingang einen weiteren. Ich überlegte, die Plakette (die mit der vorherigen offensichtlich identisch war) näher in Augenschein zu nehmen, sagte mir aber dann, nein, dass machst du jetzt wirklich nicht.

Mittlerweile hielt ich schon einen gewissen paranoiden Sicherheitsabstand, wenn eine Taube auch nur Anstalten machte, in meiner unmittelbaren Nähe ungestüm aufzuflattern. Man kann nun allerdings nicht behaupten, dass ich unterwegs die ganze Zeit nur an Tauben dachte, weshalb ich – als ich mich vergangenen Sonntag auf einen Sockel an der Sankt Sebaldus Kirche setzte und in dem (leider schlechten) Gedichtband blätterte, den ich zuvor erworben hatte –, auch den Tauben dort keine große Aufmerksamkeit beimaß. Erst als eine Touristin einige Meter von mir entfernt ihren mutmaßlichen Mann anstupste und mit dem Finger auf sie zeigte, schaute ich auf: Die Tauben hatten sich über den gesamten Kirchplatz verteilt. Erst konnte ich nichts auffälliges daran feststellen, bis mir klar wurde, dass sie alle den mehr oder weniger gleichen Abstand zueinander hielten – etwa einen Meter – und sich wenig bis gar nicht bewegten, nur charakteristisch mit dem Kopf nickten, als lauschten sie einem defekten Metronom.

Ich weiß nicht warum, aber nachdem ich das gesehen hatte, kam mir die Idee, einen Blick in die Kirche zu werfen. Sonnenlicht flutete durch die Buntglasfenster, es war still und roch, wie es in Kirchen immer roch: nach Weihrauch und verbrannten Fußmatten. Als ich am Taufbecken vorbeischlenderte und der Form halber meinen Hut abnahm, stand dort eine ältere Frau und fischte etwas aus dem Becken; sie machte den Eindruck, als würde sie für das Pfarrbüro arbeiten und gelegentlich christliche Broschüren in der Fußgängerzone verteilen. Ich trat etwas näher heran und fragte freundlich, ob manche Touristen da etwa Geld hineinwerfen würden. Sie schüttelte zerknirscht den Kopf und sagte mit starkem fränkischem Akzent, es sei nur eine dieser Marken für Einkaufswägen, was schon eine Sauerei sei, aber vor knapp einer Woche hätte der Pfarrer sogar einen Taubenfuß im Becken unseres Herrn gefunden. Verständlicherweise zuckte ich innerlich ein wenig zusammen. Schließlich erkundigte ich mich, ob an dem Fuß eine Plakette befestigt gewesen wäre, doch sie sah mich nur misstrauisch an und bekreuzigte sich, aber das galt wohl nicht mir.

Auf dem Heimweg ging ich einmal um das Gebüsch vor dem Bahnhof herum, um den abgerissenen Fuß nun doch einmal näher zu inspizieren, aber er war offenbar bereits entfernt worden, was verwunderlich war, weil sich sonst niemand um den Müll kümmerte, der dort herumlag; eine tote Ratte war einmal mehrere Wochen dort gelegen. Zu meinem Unmut hatte sich nun auch neben der Telefonzelle vor meiner Haustür ein weiterer Trupp Tauben eingefunden und eine Art lebendige Federkrause um die Zelle gebildet. Unweit davon entfernt saß ein zauseliger Hund, der von seinem Besitzer vor dem neuen Second-Hand-Shop nebenan angeleint worden war. Er taxierte die Tauben düster und knurrte leise. Ich riss mich zusammen, machte dann einen Sprung auf die Tauben zu, die hektisch, in zwei unförmigen Knäueln davonflatterten.

Der Hund schaute mich an, seine Zunge hing ihm aus dem Mund, er hechelte. Ich nickte ihm verschwörerisch zu. Ich glaube, wir verstanden uns.