Es gibt Filme, die lassen mich zurück in einem Zustand des vollkommenen Aus-der-Welt-gefallen-Seins. Da sitze ich dann in meinem Kinosessel, der Abspann ist schon lange vorbei, um mich herum herrscht aufgeregtes Gewusel, und ich starre immer noch vor mich hin, bin noch nicht einmal dazu gekommen, mir die Tränen aus dem Gesicht zu wischen. Atmen. Klarkommen. Was war das jetzt?, denkt es in meinem Kopf. Und dann: Was für einen Rotz habe ich mir eigentlich in den letzten Wochen und Monaten angeschaut, wo es doch auch solche Filme gibt?
Wobei es im Falle von Feo Aladags „Die Fremde“ gar nicht so sehr der Film und seine Handlung, sondern vornehmlich Hauptdarstellerin Sibel Kekilli ist, die so grandios aufspielt, dass man versinken kann in dieser Geschichte. Es ist die Geschichte einer jungen Türkin, die den kleinen Sohn und ihre Koffer packt und vor dem gewalttätigen Ehemann zur Familie nach Deutschland flieht, wo sie sich Verständnis und Trost erhofft – und stattdessen auf Ablehnung, Überforderung und die Angst vor Ehrverlust stößt. Es ist eine Geschichte, die eigentlich nur stereotyp sein kann; Türken und ihre Ehre, man weiß ja, wie das endet. Und dann ist alles anders.
Dann schaut man Kekilli zu, wie sie kämpft und leidet, wie sie weint, immer und immer wieder, nicht jämmerlich, sondern ihre Verzweiflung laut herausschreiend, wie sie sich erniedrigt, wie sie eine Dummheit nach der anderen begeht. Und man kann sie so gut verstehen, und dann liegt sie am Boden, mehr geht eigentlich nicht, und sie lässt sich noch mal treten, noch mal und noch mal, und man kann sie so gut verstehen. Und wieder weint sie, natürlich, sie muss weinen, man selber weint ja auch. Und dann plötzlich der Abspann und das Gewusel und die Tränen im Gesicht. Atmen.
Vor wenigen Tagen habe ich „Die Fremde“ noch mal gesehen, zuhause, im Kulturfernsehen. Es ist auch beim zweiten Mal nicht anders, ich hätte es wissen müssen. Es wird auch beim dritten Mal so sein, beim vierten. Immer wieder werde ich bei diesem Film vergessen, dass ich einen Film schaue, ich werde einen Menschen durch sein persönliches Drama begleiten, ich werde mitleiden. Deshalb werde ich mir „Die Fremde“ noch mal anschauen, irgendwann, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Damit ich nicht vergesse, was Film auch sein kann und was das Wunderbare an Kultur ist.
Als Schutz vor dem ganzen anderen Rotz da draußen, quasi.



