"Gewalt ist keine Lösung/und taugt auch nicht als Strategie." (Die Sterne) Foto: Falk Schreiber

„Gewalt ist keine Lösung/und taugt auch nicht als Strategie.“ (Die Sterne) Foto: Falk Schreiber

Das Tolle an den neuen US-amerikanischen Fernsehserien ist ja, dass die Figuren schillern. Also, dass da niemand nur gut ist und niemand nur böse, sondern dass die Figuren die Rollen wechseln, gute Eigenschaften haben, schlechte Eigenschaften, die einen mehr, die anderen weniger, und zwischendurch macht jemand was völlig Irrationales. Das ist toll. Drehbuchautoren müssen sich da natürlich nicht nur um die Handlung kümmern, sondern auch um ziemlich komplizierte Charakteranlagen: Wie verhält sich A jetzt, was ist B für ein Typ? Dafür bietet sich an, dass man ganz zu Anfang mal eine Ausgangssituation bastelt: Wo steht wer? Wo bewegt er sich hin? Am Anfang hat man eine Art theatrale Installation, auf der sich nach der Pilotfolge die Handlung entwickelt.

Und wir bauen jetzt auch solch eine Installation. Die Serie heißt „Dangerzone“, sie ist ein Politthriller, und sie spielt um den Jahreswechsel 2013/14 in Hamburg-St. Pauli. Niemand ist nur gut, niemand ist nur böse. Und die folgenden Figuren(gruppen) treten auf.

Der Bad Guy

Klausmartin Kretschmer ist ein Phantom. Er hat keine Website, er gibt keine Interviews, eigenartig, für einen Immobilienkaufmann, der noch vor ein paar Jahren Hansdampf in allen Gassen war. Ich erinnere mich: An einen geschniegelten, jugendlich wirkenden Typen, der auf Vernissagen mit seiner nach landläufigen Maßstäben wunderschönen Freundin für die Kameras der Yellowpress posierte. Ich erinnere mich: An einen Typen, der uns durch das Gebäudeensemble Brandshof führte, der begeistert erzählte, wie er hier eine Künstlerkolonie ansiedeln wollte, der erzählte, von lebhaften Diskussionen mit den Künstlern im Gängeviertel. Kretschmer konnte einen begeistern, auch wenn man sich angesichts dieses wirbelnden Typen fragte: Was will der eigentlich?

Und jetzt ist Kretschmer verschwunden, alles, was man über ihn erfährt, sind Erzählungen. Fakt ist: Im März 2001 verkaufte der damalige Hamburger SPD-Senat das ehemalige Theater Rote Flora an Kretschmer. Die Ruine im Schanzenviertel war seit elfeinhalb Jahren besetzt, die SPD hatte Angst, dass die rechte Opposition die Besetzung zum Wahlkampfthema machen würde („Sozis lassen rechtsfreie Räume in der Stadt zu!“, man kennt solche Schlagzeilen) und überließ dem (vorgeblich der Sozialdemokratie nahestehenden) Kretschmer das Gebäude, zu einem Spottpreis von damals 370 000 Mark, allerdings unter der Auflage, am aktuellen Zustand nichts zu ändern. Für diesen Freundschaftsdienst, eine Immobilie zu übernehmen, mit der ein Investor bei Licht betrachtet rein gar nichts anfangen kann, erhielt Kretschmer Zugeständnisse der Stadt bei weiteren Unternehmungen, dem Gastrokomplex Riverkasematten oder dem Brandshof. Kretschmer war damals ein Freund, der der SPD aus einer Notlage half, eine Hand wusch die andere. Die Wahl verlor die SPD dennoch.

Und auch Kretschmer hatte wenig Glück. Angeblich stand er vor kurzem vor der Insolvenz, angeblich brauchte er dringend Geld. Und dieses Geld sollte durch den Verkauf der Roten Flora reinkommen, einen Verkauf, den Kretschmer laut Vertrag gar nicht tätigen durfte. Kretschmer musste also die Situation eskalieren lassen, alleine, damit Bewegung in die Sache kommt.

Das gebrannte Kind

Seit 2011 ist Olaf Scholz Bürgermeister von Hamburg, nach zehn Jahren CDU-Herrschaft wieder ein Sozialdemokrat. Innerhalb der SPD steht Scholz eher rechts, aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist: Scholz vergisst nicht, dass die CDU 2001 seiner Partei die Macht wegnahm, unter anderem mit dem Argument, dass die SPD Kriminellen in Hamburg freie Hand lasse, befeuert von der lokalen Presse. So etwas darf nicht noch einmal passieren, weswegen Scholz panisch darauf achtet, dass rechts von ihm kein Machtvakuum entsteht. Scholz ist ein gebranntes Kind, er will auf keinen Fall, dass die Presse sich gegen ihn wendet (und Presse, das heißt in Hamburg: Hamburger Abendblatt und Morgenpost).

Die Ideologen

Das Hamburger Abendblatt war immer eine eher rechts einzuordnende typische Lokalzeitung, ein bisschen Politik, ein bisschen Sport, viel Gefühliges aus der Nachbarschaft. Die Morgenpost war immer eine eher links einzuordnende Boulevardzeitung, ein bisschen Kriminalität, ein bisschen Ressentiment, viel Sport. Im Zweifel trafen sich beide Haltungen in der Mitte.

Aber gerade das Abendblatt hat auch eine hässliche Seite: 2001 machte die Springerzeitung richtig Politik und schrieb den Rechtspopulisten Ronald Schill zum Innensenator, auch wenn kurz darauf wieder ins rechtsliberale Fahrwasser der provinziellen Langeweile eingeschwenkt wurde. Trotzdem, wenn man nicht aufpasst, kann dieser träge Köter mit einem Schlag zubeißen. In der Diskussion um Rote Flora und Proteste biss er: Von Anfang an vertrat das Hamburger Abendblatt eine Position der harten Hand, von Anfang an ging es darum, staatliches Gewalt zu rechtfertigen. Von Anfang an war das Hamburger Abendblatt mehr politischer Akteur als Beobachter. (Die Konkurrenzzeitung Hamburger Morgenpost positionierte sich im Übrigen ähnlich, nur mit einem klareren Zug ins Boulevardeske. Zur Verdeutlichung: Der Journalist Jan Freitag kündigte seinen Job als Freier bei der Morgenpost wegen deren Positionierung.)

Die Mitläufer

Manche behaupten, die Gewerkschaft der Polizei (GdP) habe ideologisch reagiert, als ihre Vorsitzenden Schusswaffeneinsatz gegen Demonstranten forderten, als von vornherein klargestellt wurde, dass der Feind links stehe. Aber das stimmt nicht, die GdP macht nur das, was man von einer Gewerkschaft erwartet: Sie ist eine Lobbygruppe, sie versucht, bessere Arbeitsbedingungen für ihre Mitglieder rauszuschlagen. In diesem Fall heißt das: bessere Bezahlung, bessere personelle Ausstattung. Das machte sie, in dem sie ein Bedrohungsszenario aufbaute: Die Polizei schützt die Stadt vor den „linken Chaoten“, ein Drecksjob, der nicht einmal annähernd gewürdigt wird.

Man kann sagen, was man will: Die Strategie war erfolgreich. Bis heute ist nicht klar, ob Kretschmer (siehe Der eine Profiteur) nicht entsetzlich Schiffbruch mit seinen Spielchen erleiden wird, die Polizei aber bekam nicht nur Solidaritätsbekundungen seitens der Politik, sondern auch finanzielle Anerkennung.

Das Kanonenfutter

Die Polizisten, die von der Polizeiführung zwischen die Fronten geschickt wurden. Chancenlos, ohne echte Position, am Ende die Dummen.

Die Überrollten

Die Besetzer der Roten Flora, die Lampedusa-Refugees, die Bewohner der Esso-Häuser. Also die, um die es eigentlich gehen sollte, und die gar nicht merken, wie sie in einem Machtspielchen über das Spielfeld geschoben werden. Die Zeit hat ein böses Interview geführt mit zwei der Flora-Besetzern, am Ende stehen die Interviewten da als Kinder, die nicht einmal im Ansatz kapieren, was da um sie herum passiert, politisch, ideologisch, wirtschaftlich. Eine Lösung gibt es für sie keine, man wird ohne sie weiterdenken müssen.

Und diese Figurengruppen lassen wir jetzt einfach mal aufeinander los, in einem Gelände namens Gefahrengebiet, Dangerzone, in einem Gelände, das so metaphorisch ist wie die Insel in „Lost“. Was genau passiert, ist erstmal nicht absehbar, vielleicht schlagen sich alle die Köpfe ein, vielleicht gibt es ein Happy End, vielleicht versandet alles nach und nach in langweiligstem Alltag. Aber erstmal wird es spannend, versprochen. Welcome to the Dangerzone.

Share Button