Als Jonah im Innern des Wals saß, mögen tausend Gedanken durch seinen Kopf geschossen sein. Aber in erster Linie hat er gelauscht, da bin ich ganz sicher: die Ohren aufgesperrt und gelauscht, ob es so etwas wie Musik im Innern eines Wals gibt.
– Pete Seeger
Man kann, wenn man denn will, in diesen Tagen wieder kluge Dinge über Musik lesen, auch wenn es einmal mehr Wehklagen wie Laken an der Wäscheleine sind. Es wird einmal mehr gefragt, wo eigentlich das „Keine Macht für Niemand“ der Gegenwart sei, ob denn niemand etwas sagen will, ob niemand mehr Lust darauf hat, und ob die wenigen Sachen, die da sind, grundsätzlich nicht mehr erreichen können und wollen als die üblichen Distinktionsbedürftigen, die in verrauchten Bars gerne über ihre Troubles im Speziellen und die Welt im Allgemeinen philosophieren, bis zum Ende der Nacht hin beides eins geworden ist.
Stattdessen scheint einfach alles egal geworden zu sein, irgendwie zumindest. Und wenn alles egal geworden ist, braucht es auch niemanden mehr, der sich Parolen dazu ausdenkt. Hatten wir alles schon, sagen dann diejenigen, die es noch interessiert, wenn es doch jemand tut, aber wir können ja trotzdem dazu tanzen. Die anderen lauschen sentimentalen Aufrufen, sich doch Erinnerungen zu beschaffen, über die man später – in einer merkwürdigen Puppenwelt, im Schaukelstuhl –, nachdenken kann, und infolge dieser Logik ist auch der Anspruch an Musik kaum noch mehr als der, bloß nostalgisch zu sein. Was in der Zwischenzeit mit der Welt geschieht, ist dann allenfalls ein Seufzen wert über das, was mit der Welt geschieht, während die Pläne, sich in ihr einzurichten, vorangetrieben werden. Die Sounds, die diesen Zwiespalt larmoyant unterstreichen, gibt es zu genüge, und sie können beliebig reproduziert werden.
Plötzlich ist dann auch der deutsche Schlager wieder drin, wie üblich hochironisch im Umgang, klar, mit süffisantem Hihihi und allem, aber der Wunsch nach nach Einfachheit und reduzierter Komplexität, der darin enthalten ist, ist nicht Teil eines postmodernes Spielchens, sondern nur das unausgesprochene Bedürfnis nach der Puppenwelt, und die braucht keine wachsame, schon gar keine wütende Musik. Vielleicht, denke ich und beäuge die Schwärze hinter dem U-Bahn-Fenster, ist diese heimliche Hinwendung an eine imaginäre Vergangenheit, die ein bisschen nach fünfziger Jahren riecht, ein gutes Zeichen. Vielleicht kehren die Songs und die wirklich klugen, die ermutigenden, selbstermächtigenden Parolen bald wieder zurück. Vielleicht, wenn all diejenigen, die sich für die Zukunft ein Leben in angemessenem Wohlstand und Sicherheit wünschen, mit lediglich einer gesunden Mindestbeteiligung am kapitalistischen Idiotenspiel bemerken, dass genau das nicht möglich ist, vielleicht nicht einmal in Germany, man stelle sich das mal vor. Vielleicht braucht es diesen kritischen Punkt, damit auch die Musik wieder ein Gefühl von Bedeutung erzeugt, und Haken in die Gegenwart schlägt, um sie nicht so unendlich billig davonkommen zu lassen.
Meanwhile, bis dahin, stellt sich mir die Frage, wie wohl der Soundtrack all dieser Vielleichts klingen könnte, des diffusen Waberns, ich würde des Auflösungsprozesses sagen, wenn ich mir denn sicher wäre, das sich wirklich etwas auflösen wird, und dass es in dieser Hinsicht irgendwelche Gewissheiten gäbe.
Während ich also – nachdem ich aus der U-Bahn gestiegen bin und durch den Bahnhof schleiche –,versuche, ein wenig Ordnung in die oben formulierten Gedanken zu bringen (wobei: wozu?), fängt mich, kurz vor dem Ausgang, jener Kerl ab, den ich vor ein paar Wochen an der selben Stelle schon einmal getroffen habe: Er trug damals eine ultramarinblaue Jacke, hatte faltige, dunkle Haut und Rastazöpfe, einen Bart, in den sich graue Inseln mischten, sowie einen Goldzahn, der matt blinkte. Er begann in einem Kompott aus englischer und deutscher Sprache, und etwas, von dem ich nicht die geringste Ahnung hatte, worum es sich handeln konnte, auf mich einzureden; am Ende drückte er mir eine selbstgebrannte CD in einer grünen Papierhülle in die Hand, für die er fünf Euro haben wollte.
Ich schüttelte den Kopf und ging ein paar Schritte weiter, da sagte er eindringlich: „C’mon, man, it’s music. It’s from the heart.“ Er fasste sich an die Brust und ich bin stehengeblieben. Nun kommt er also erneut auf mich zu, er sieht genau gleich aus wie beim letzten Mal, selbst die Perlen, die er sich in die Haare geflochten hat, sind dieselben. Ich gebe zu, dass ich ihn und seine CD völlig vergessen habe. Nur dunkel steigt die Erinnerung des Nachmittags in mir hoch, als ich Kaffee aufgekocht und die Scheibe abgespielt hatte. Ein amorphes Rauschen war darauf zu hören gewesen, knackende Laute, Wortfetzen, dann ein endloses Sirren wie schwingender Draht. Als ich später die Kaffeetasse ausspülte, hatte ich leichten Kopfschmerz verspürt.
Jetzt weiß, wo er sich erkundigt, wie ich seine Aufnahme gefunden habe, weiß ich nicht mehr, ob ich das alles womöglich nur geträumt habe oder nicht, ob ich die CD überhaupt aus ihrer Papierhülle herausgeholt habe. Ich sage also „great“, oder etwas ähnliches, und er klopft mir auf die Schulter. „Music, man“, sagt er und grinst. „I mean, what else do we have have?“
„Ja“, antworte ich. „Ja.“ Mir fällt auf, dass an der Stelle, wo zuvor sein Goldzahn geblinkt hatte, nur noch eine schwarze Lücke klafft.




