When I hear of Schrödinger’s cat, I reach for my gun.

– Stephen Hawking

Foto: Alexander Zull

Wieder ein Nachmittag. Ich saß am Schreibtisch und las gerade Beckett, und wenn der Tag eine Karteikarte gewesen wäre, sähe ich wenig Gründe, sie heute noch einmal herauszuziehen, weil mir der Inhalt in groben Umrissen bekannt ist, und lediglich die Anzahl der Worte darauf variiert. Das wäre allerdings nur so, würde ich die getigerte Katze unterschlagen, die draußen auf der Mauer, vielleicht fünfzehn Meter von meinem Fenster entfernt, hockte und aufmerksam etwas beobachtete. Und zwar, soviel sei im Voraus gesagt, keinesfalls mich, wie ich am Schreibtisch saß und gerade Beckett las.

Ich werde die Situation also etwas ausgiebiger schildern müssen: Vor meinem Fenster befindet sich eine mit gleichmäßigen Streifen aus Dachpappe bedeckte Doppelgarage, über die hinweg ich ein kleines, spitzwinkliges Stück Garten einsehen kann, an dessen Ende ein abgeflachter Komposthaufen voll Unrat und ein wenig Kinderspielzeug liegt. Das Gärtchen wird durch eine schmale, etwa zwei Meter hohe Mauer vom übrigen Innenhof unseres Gebäudekomplexes getrennt, und manchmal (sowie an diesem ungewöhnlich warmen Januartag) hoppeln dort zwei Kaninchen herum, die einem kleinen Mädchen gehören.

Diese Kaninchen waren verständlicherweise aus physiognomischen Gründen nicht imstande, die Bedrohung, die über ihnen lauerte zu erkennen und daraufhin adäquate Fluchtmaßnahmen einzuleiten, und das war insofern gar nicht mal so wichtig, als dass es ohnehin keine Fluchtmöglichkeiten aus dem räumlich stark begrenzten, abgeriegelten Gartenstück gab, denn nicht umsonst ließen die Eltern des kleinen Mädchens sie (die Kaninchen) dort frei herumlaufen. Ohne Frage nötigte mir die Situation eine angemessene Reaktion ab, denn es schien mir völlig inakzeptabel, tatenlos dem sinnlosen Tod (die Katze selbst war durchaus wohlgenährt, um nicht zu sagen: fett) zweier Kaninchen zuzusehen, deren Überreste womöglich auch noch von dem kleinen Mädchen gefunden werden konnten, dass sie (die Kaninchen) sicher sehr mochte und von dem Fund zweifellos traumatisiert gewesen wäre.

Im Folgenden werde ich mögliche Leser an meinen verschiedenen Überlegungen teilhaben lassen, die mir bezüglich der Lösung des Dilemmas (und deren Konsequenzen) in jenem Moment durch den Kopf gingen (unter Berücksichtigung, dass die Katze zuvor weder auf mein Pfeifen und Zischen reagierte, noch ein Wurfgeschoss aus zusammengeknülltem Papier [in Ermangelung besserer Alternativen, und außerdem mag ich ja Katzen] sein Ziel gefunden hatte):

 

Lösung 1: Handeln

Mithilfe eines spiegelnden Gegenstandes könnte das Sonnenlicht gebündelt und die Katze auf diese Weise geblendet werden, so dass sie in einigen flinken Sätzen über die Garage verschwindet und keine Bedrohung für die Hasen mehr darstellt.

Konsequenz a: Um diese Tageszeit fällt nicht mehr ausreichend Sonnenlicht in den Innenhof des Wohnkomplexes, obwohl der Himmel ohne Frage noch sehr blau ist. Das ganze Unterfangen wäre also von vorneherein zum Scheitern verurteilt, und damit überaus unnötig, überhaupt erst nach einem spiegelnden Gegenstand zu suchen und ihn zum Fenster zu bringen.

Konsequenz a': Vom Lichtstrahl sichtlich gestört, tritt die Katze unumwunden den Rückzug an.

Konsequenz a“: Die Katze könnte den Lichtreflex auf ihrem Fell zunächst nicht bemerken, und als sie ihn schließlich registriert, kommt sie zu dem Schluss, dass sie das nicht im Mindesten interessiert und wendet sich wieder konzentriert den beiden Kaninchen zu, die noch immer arglos zwischen Blumenkübeln, welkem Gras und dem Komposthaufen herumhoppeln.

Konsequenz a“': Die Katze erschrickt fürchterlich, wobei sie von der Mauer stürzt und nun erst recht bei den beiden Kaninchen vorstellig wird. Die Lage für die Hasen würde sich insofern zuspitzen, als dass auch die Katze von dort nicht mehr wegkommen kann, was die Situation für alle Beteiligten unangenehm macht, in erster Linie aber für die Kaninchen und nicht für die Katze.

Konsequenz a““: Die Katze geht in Flammen auf und nimmt für einen Moment die Farbe herbstlicher Laubbäume an.

 

Lösung 2: Passivität

Da die Möglichkeiten des unmittelbaren Eingreifens nicht sonderlich erfolgversprechend sind und mir auf die Schnelle nichts mehr einfallen will, warte ich in der Hoffnung ab, die Situation könnte sich aus sich selbst heraus nur zum Positiven hin entwickeln.

Konsequenz b: Die Katze lauert weiterhin, sieht aber keine Chance, von der hohen Mauer in den Garten zu gelangen. Nachdem eine geraume Zeit verstrichen ist, wird ihr das Ganze sichtbar zu blöd, und sie schleicht unverrichteter Dinge wieder davon.

Konsequenz b': Ein leerer Blumentopf, der schon seit Tagen ungünstig auf einem Balkongeländer des Gebäudeflügels auf der rechten Seite platziert ist, löst sich infolge einer komplexen Ursache/Wirkungs-Relation und zerspringt mit großem Lärm im Hof. Die Katze sucht entsetzt das Weite.

Konsequenz b“: Über eine Mülltonne außerhalb meines Sichtfelds gelingt es der Katze schließlich doch, in den Garten einzudringen, aber im Grunde ist ihr gar nicht danach, Kaninchen zu erlegen (wofür auch ihr Körpergewicht spräche), und nach kürzester Zeit kehrt sie wieder auf die Mauer zurück und verschwindet ohne große Hast. Die beiden Kaninchen tauchen später offensichtlich ungerührt und unbeschadet wieder auf.

Konsequenz b“': Bestätigt die insgeheim gehegte Vermutung, dass so etwas wie positive Kontingenz ein Widerspruch in sich ist und enthält explizite Grausamkeiten, die nicht weiter erläutert werden müssen, da sie augenscheinlich offensichtlich sind.

 

Fragen:

Für welche dieser Optionen habe ich mich wohl entschieden?

Welcher Ausgang ist am wahrscheinlichsten, und habe ich ihn in jenem Moment einkalkuliert?

Hätte es eine angemessene Reaktion gegeben, die mit großer Wahrscheinlichkeit einen positiven Ausgang herbeigeführt hätte?

Bonusfrage für Kenner:

Wie hätte Hegel sich der Sache angenommen, der bekanntlich einen Kater mit Namen Logos besaß?

Und natürlich:

Wie ist all das am Ende wohl tatsächlich ausgegangen?