Eine einsame Bank. Gebüsch. Ein Sumpf. Und ein Steg, der zur Bank führt: im Loki-Schmidt-Garten (Foto: Falk Schreiber)

Gebüsch. Ein Sumpf. Und ein Steg, der zur Bank führt: im Loki-Schmidt-Garten (Foto: Falk Schreiber)

Die Großveranstaltungen sind vorbei. Die Internationale Gartenschau und die Internationale Bauausstellung lenkten ein Jahr lang den Blick auf Wilhelmsburg, jene von 50000 Menschen bewohnte Insel in der Elbe, mitten in Hamburg, ein Labor für den Stadtumbau, das exemplarisch zeigen sollte, wie man das „Problem“ aus dem innerstädtischen Problemviertel ausgliedert, um ein Quartier neu zu entdecken: als Zentrum einer Metropole, die derzeit vor allem unter massivem Mangel an Wohnraum leidet. Sowohl die Bauausstellung als auch die Gartenschau wurden (auch hier auf Les Flâneurs) viel kritisiert – ein Verdrängungsprozess werde durch die Bauausstellung in Wilhelmsburg in Gang gebracht, hieß es, zwar werde das Viertel aufgewertet, aber auf Kosten der derzeitigen Bewohner, die sich das in Zukunft schicke Wilhelmsburg nicht mehr leisten könnten. Und die Gartenschau sei eine heillos überteuerte Blümchenparade mit jämmerlichem ästhetischen Anspruch. Und jetzt ist es vorbei.

Wenn man heute, wenige Wochen nach Ende der Bauausstellung das Gespräch auf Wilhelmsburg bringt, wenn man durch Wilhelmsburg spaziert, fällt auf: Ja, tatsächlich findet eine Verdrängung statt. Allerdings keinesfalls in jenem verheerenden Umfang wie im Prenzlauer Berg oder im Münchner Glockenbachviertel, wo ein Überleben mit durchschnittlichem Einkommen schlicht nicht mehr möglich ist. Es ist aber schon so, dass der Partysmalltalk in Hamburg mittlerweile Richtungen annimmt, die noch vor fünf Jahren undenkbar waren:

„Und wo wohnst du?“ „St. Pauli. Aber jetzt, wo Dörte schwanger ist, überlegen wir, umzuziehen, das wird doch zu eng, zu dritt.“ „Ach. Wohin denn?“ „Wir haben uns ein paar Sachen in Wilhelmsburg angeschaut, das hat was. Und bezahlbar ist es auch noch.“

Will man da was gegen sagen? Nein. Es gibt keinen Grund, es abzulehnen, wenn Kiezbewohner über die Elbe ziehen, und, ja, die Mieten steigen zwar auch in Wilhelmsburg, aber sie steigen moderat und liegen immer noch weit unter dem Hamburger Durchschnitt. Was hier passiert, ist eine Art liebe Gentrifizierung: Altbauten werden nach und nach aufgehübscht, es machen immer mehr Cafés auf mit Namen wie „Kaffeeliebe“ und „Mittenmang“, Cafés mit selbstgebackenem Biokuchen, fair gehandeltem Espresso und Frisuren bei Bedienungen und Gästen, die mehr sind als „im Nacken ausrasiert“. Nichts will man dagegen sagen, aber, doch, eine Verdrängung findet statt: In der noch halbwegs bezahlbaren Vier-Zimmer-Wohnung, in die die jungen Familie aus St. Pauli ziehen will, wohnte zuvor jemand anders. Wo wohnt der jetzt?

Ein Pluspunkt der Bauausstellung ist, dass solche Fragen nicht unter den Tisch fielen. Die IBA Hamburg war die erste große Bauausstellung, die die Gefahren und Chancen der Gentrifizierung mitdachte und auch problematisierte, aus dieser Problematisierung sind erfolgreiche IBA-Projekte wie das Bildungszentrum „Tor zur Welt“ oder das Kleingewerbegebiet „Weltquartier“ entstanden. Das Problem mit solchen funktionierenden Konzepten: Man bekommt kaum etwas von ihnen mit. Unter einer „Bauausstellung“ stellt man sich in erster Linie eine Leistungsschau avantgardistischer Architektur vor, die gab es in Wilhlemsburg aber nur in Ansätzen (alles andere wäre an diesem Ort auch verfehlt gewesen): etwas prätentiös rumstehende Wohnhäuser wie die „Waterhouses“, die heute schon von gestern wirken.

Was ebenfalls nicht funktioniert, ist der Plan, Wilhelmsburg zu einem kulturellen Hotspot zu machen. Die Atelierräume Veringhöfe etwa harren noch ihrer Belebung, auch wenn Fertigstellungstermin der vergangene Oktober war. Und parallel beziehungsweise quer zu den Strukturen der IBA entstandene Initiativen wie die Soulkitchenhalle oder das Rialto-Kino mussten wieder schließen – die einen, weil sie der Hafenwirtschaft als subversiver Faktor im Weg waren, die anderen, weil eine dauerhafte Bespielung des alten Stadtteilkinos Investitionen erfordert hätte, die sich privatwirtschaftlich nicht stemmen ließen. Eine der größten Chancen der Stadtentwicklung, Entwicklung über gute Bedingungen für Kunstproduktion herzustellen, kommt nicht wirklich vom Fleck.

Ebenfalls nicht vom Fleck kommt die Zersplitterung des Stadtteils. Im Westen ist Wilhelmsburg geprägt von den hübschen Altbauquartieren des Reiherstiegviertels, die einem Aufwertungsprozess unterworfen sind, im Osten von ländlichen Gebieten und der riesigen Plattenbauzone Kirchdorf-Süd. Und dazwischen: Bahntrassen, Autobahnen, der städtebauliche Sündenfall Wilhelmsburger Reichstraße, eine vierspurige Schnellstraße, die längst hätte verlegt werden sollen. Außerdem liegt hier das Gelände der Internationalen Gartenschau, einer Ausstellung, die nicht zuletzt auf Les Flâneurs heftige Kritik einstecken musste. Mittlerweile sind die Flächen durchzogen von Bauzäunen und Durchgangsverbotsschildern, die von den zahlreichen Spaziergängern fröhlich ignoriert werden – auf lange Sicht soll hier der „Inselpark“ entstehen, ein großer Stadtpark, der als Verbindungsachse der beiden getrennten Stadtteile Kirchdorf-Süd und Reiherstiegviertel dienen soll. Derzeit ist das Gelände allerdings eine Mischung aus Baustelle, verwilderter Grünfläche und halb vergessener, halb verwunschener Märchenzone. Eigenartig: Sobald das Aufgeregte, der Nepp und der in seiner Blödheit unerträgliche philosophische Überbau der Gartenschau fehlt, entsteht liebenswerter Charme. Der „Loki-Schmidt-Garten“ etwa, auf halb verwitterten Infotafeln noch als naturbelassene Hommage an die Ex-Kanzlergattin verkitscht, ist mittlerweile: eine einsame Bank. Gebüsch. Ein Sumpf. Und ein Steg, der zur Bank führt.

Die Stadt wuchert, die Stadt entwickelt sich, und Loki Schmidt ist plötzlich so was von egal. Vielleicht wäre das ja eine Aufgabe, an der sich die Qualität der städtischen Entwicklung von Wilhelmsburg beweisen könnte: einfach mal machen lassen. Und allerhöchstens den Markt, wo er Profite wittert, in seine Schranken weisen.

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