Das Licht der Nacht auf dem Laugavegur

Ninia BiniasEs ist das Licht. Dieses Licht ist so faszinierend und so anders, dass man gar nicht anders kann als sich sofort für diese Insel zu begeistern. Ich wollte das gar nicht. Ich wollte nicht zurückkommen und denken, dass ich sofort wieder dorthin muss. Dass es das erste Land ist, in dem ich schon nach wenigen Tagen so etwas wie Heimat-Gefühle entwickele. Heima. Aber ich wollte auch nicht so gerne hinterm Steuer sitzen und dann fahre ich stundenlang den Mietwagen durch Mondlandschaften, halte für Ponys, die die Straße kreuzen, parke fast unter Wasserfällen und schaue in die Ferne – vor und hinter mir kilometerweit kein anderes Auto. Die Luft so klar, dass meine Nase beim Atmen fast schmerzt. Und die Quellen so heiß, dass ich beim Reinsteigen das Gefühl von völliger Weichwerdung habe.

Island hast du immer im Herzen

Abends laufen wir die Laugavegur rauf und runter. Wir gehen in diesen einen Club, den Hallgrimur Helgason in seinem Roman „101 Reykjavík“ beschreibt. Im Hotelzimmer quäle ich mich durch die ersten Seiten, nur um irgendwann festzustellen, dass das einer der überschätztesten Geschichten aller Zeiten ist. Ich friere lieber selbst in dieser einen Straße, in der Samstagnacht die Schneeketten der Jeeps die Gespräche vor den Kneipen unterbrechen. „Oh hi, ihr kommt aus Deutschland?“, sagt das Mädchen mit der Zigarette in der Hand auf Englisch und dreht sich zu ihren Freunden. „Hej“, ruft sie, „die Zwei kommen aus Deutschland, wir reden jetzt nur noch Englisch, damit sie uns zuhören können.“ Wir müssen Fragen beantworten. Warum wir ausgerechnet nach Island gekommen sind und ob Berlin wirklich so ist, wie sie immer alle sagen. Wie lange wir bleiben werden und was wir schon gesehen haben. Sie erzählen uns von Plänen. Davon, dass sie auf jeden Fall weggehen werden, wenn sie mit dem Studium fertig sind oder schon, wenn sie damit anfangen wollen. Davon, dass sie drei Jobs gleichzeitig machen und der Samstagabend die einzige Zeit ist, in der sie frei haben. Und davon, dass sie wieder kommen werden, wenn sie so weit sind. Wenn sie eine Familie gründen und alt werden wollen. „Island hast du immer im Herzen, du kommst nie davon los“, sagen sie.

Das Leuchten am Himmel

Ninia Binias

In der nächsten Nacht sitzen wir in einem Reisebus. Unsere Begleitung für diesen Abend ist die fröhlichste Frau der Welt. Sie sitzt ganz vorne im Bus und erzählt von Elfen und Trollen. Danach erklärt sie Wunder der Natur. Dafür sind wir hier. Für Wunder der Natur. Wir wollen Nordlichter sehen. Und die fünfunddreißig anderen Menschen im Bus wollen auch die Nordlichter sehen. Alle sind gut ausgerüstet. Mit Tee und Mützen und dicken Jacken. Mit Canons und Nikons und Leicas und dem passenden Stativ. Wir fahren stundenlang über die Insel und halten am dunkelsten Punkt. Dort steigen wir alle aus und warten. Wir frieren und warten. Die ersten geben schnell auf. Sie sitzen im Bus und warten auf das „Oh“ und „Ah“ der anderen, so dass es sich lohnen könnte, wieder in die Kälte zu gehen. Drei Stunden lang gibt es nichts zu sehen. Deshalb fahren wir wieder nach Hause. Durchgefroren bis in die Haarspitzen und das alles ganz umsonst.

In der nächsten Nacht fahren wir wieder mit. Und dieses Mal lohnt es sich. Als ich, so warm eingepackt, dass ich mich kaum bewegen kann, irgendwo im Nichts stehe und diese grüne Leuchten am Himmel sehe, ist mir alles andere egal. Ich mache ein Foto und das reicht, um dieses Gefühl für immer zu behalten.

Heima

Im Supermarkt spricht der Kassierer Isländisch mit mir. Ich lächele und antworte die einzigen zwei Worte, die ich schon kann: „Já, takk.“ Ja, danke. Am Flughafen fordert mich die Bodenpersonal-Frau auf Isländisch auf, meinen Gürtel abzulegen. Ich lächele. Ich lächele, weil ich mir vorstelle, sie hielten mich für eine Isländerin. Weil ich mich selbst gern für eine Isländerin halten würde. Eine Isländerin, die nur mal kurz verschwindet und bald wieder zurückkommt. Nach Hause. In die Heima.

Share Button
Ninia Binias Verfasst von:

Ninia lebt in Hannover und ist Autorin, Moderatorin und Online Communication Managerin.

Ein Kommentar

  1. 20. November 2013
    Antworten

    Hach, direkt aus dem Herzen geschrieben, was ich nicht geschafft habe. Takk, Ninia!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *