Sieht aus nach üblem Darkwave, ist aber nur Eva Jantschitsch beziehungsweise Gustav. (Foto: Falk Schreiber)

Sieht aus nach üblem Darkwave, ist aber nur Eva Jantschitsch beziehungsweise Gustav. (Foto: Falk Schreiber)

Mein viertes Gustav-Konzert. Das erste: in der HfBK, im großen Hörsaal, einer Baustelle, der Hörsaal wird gerade renoviert. Ein Solokonzert, Eva Jantschitsch hinter einem Tisch voller Computer, Sampler, Effektgeräte, trinkend, singend, tanzend. Um am Ende, nach der Zugabe „Rettet die Wale“, über ein Baugerüst abzugehen, während die Elektronik einen unendlichen Streicherloop einspielt, auf ein Baugerüst, von dem es keinen Ausweg gibt, also endet das Konzert damit, dass die Sängerin in schwindelerregender Höhe sitzt und wartet, dass das Publikum den Saal verlässt, aber niemand geht, weil, der Loop läuft ja weiter. Das zweite: zwischen zwei Lesungen beim Ham.Lit-Literaturfestival, als die Worte plötzlich zu tanzen beginnen. Es ist wohl so, dass Jantschitsch derzeit wirklich die beste deutschsprachige Texterin ist, na gut, in der Popmusik, und „Soldatin oder Veteran“ ist wahrscheinlich der beste deutschsprachige Songtext, ever: „Sprichst du von Aufbruch oder von Untergang?/Zäumst du von hinten oder gehst du’s gern von vorne an?/Wenn du träumst, träumst du dich als widerständiges Subjekt?/Hältst du die Art der Fragestellung für zu unkonkret?“ Das dritte: beim Dockville-Festival, nachmittags, es regnet leicht, und dann der Schock: Jantschitsch ist schwanger. Der Schock, ich meine, ich war immer der Meinung, Jantschitschs Interesse beziehe sich primär aufs eigene Geschlecht, und, ja, ich weiß, es gibt Wege, auch dann schwanger zu werden, aber schlimmer noch, weswegen denke ich das denn? Weil ich aus Texten etwas herauslese über die Persönlichkeit der Texterin, als ob ich noch nie poststrukturalistisch an Texte rangegangen wäre, als ob ich noch hermeneutisch (Igitt!) interpretieren würde? (Vor allem, weil ich falsch hingehört habe, „Lasst den Kindern ihre Neigung/oder treibt sie früher ab“ hörte ich in „Rettet die Wale“, dabei lautet die Zeile „Lasst den Kindern ihre Meinung“. Mensch!)

Und jetzt das vierte. Im sympathischsten aber leider auch kleinsten, beengtesten Club der Stadt, im Pudel. Die letzte Veröffentlichung des Wiener Projekts Gustav, außer Jantschitsch sind das live Oliver Stotz (Gitarre) und Elise Mory (Keyboards), ist auch schon fünf Jahre her, „Verlass die Stadt“, wahrscheinlich eine der besten CDs in meinem Besitz, ohnehin erst die zweite, das Debüt „Rettet die Wale“ ist schon von 2004. Seither: nichts. Jantschitsch macht viel Theatermusik, in Düsseldorf, in München, in Wien, man findet es eigentlich ganz schön, dass da eine Quersubventionierung stattzufinden scheint, das Staatstheater finanziert ein sympathisches, subversives, kleines Indiepopprojekt (und außerdem: Wenn schon so ultracoole Nasen wie Jantschitsch das Theater halbwegs okay finden, dann dürfte meine Vorliebe für diese Kunst auch nicht allzu verwerflich sein!), aber dann lautet ein Text „Wär’s nicht so traurig, fing ich an zu lachen/Es gibt kein richtiges Leben im falschen Hasen.“ Da hat Jantschitsch recht, es bringt nichts, das Geld von einem System zu nehmen, das man ablehnt, man wird vielleicht nicht korrumpiert, aber man wird unglücklich. Das Geld nicht zu nehmen, ist aber auch keine Alternative, es ist ein Kreuz.

Und außerdem sind da ja auch noch Stotz und Mory, die Hired Hands im Schatten. Jantschitsch stellt schon klar: Das hier ist keine Band, das ist ein Projekt, das sich um die Sängerin dreht. Eine ist der Chef, will sagen: Die Sängerin ist eine Rampensau, die es insbesondere bei den schnelleren Songs genießt, zu explodieren, äh, zu eskalieren. Aber es gibt kein richtiges Leben im falschen Hasen, eine performative Situation ist eine problematische Situation, eine hierarchisch aufgebaute Situation, da können die Songs Hierarchien noch so analytisch anspruchsvoll reflektieren. Und man muss ja auch zugeben: Das funktioniert. Großartig. Die Songs zerfasern aufs Reizendste, ein Rhythmus pluckert, das Piano tupft einzelne Akkorde, die Gitarre spielt ein paar Noisepassagen, die Samples führen ganz woanders hin, und dann kommt die Sängerin und fängt all das wieder ein, was nur auseinander streben möchte. Ich bin quasi von den ersten Takten an verzaubert von Jantschitsch, und Stotz und Mory scheint es wenig auszumachen, dass das gesamte Publikum die Sängerin anhimmelt. Den Boss.

Und sie spielt. Viele neue Songs, soweit ich weiß noch nirgendwo veröffentlicht: eine Musikerin ohne Archivaufnahmen, eigenartig. Klassiker, jedem würde man wünschen, ein Hit zu werden, auch wenn solche Songs in diesem System keine Hits werden, nie: „Genua“, „Neulich im Kanal“, „Alles renkt sich wieder ein“. „Sleep now in the Fire“, eine Coverversion der US-amerikanischen Crossover-Band Rage against the Machine, die Älteren kennen sie vielleicht noch, einer Band mit hohem Uncoolnesspotenzial aber immerhin dem richtigen Bewusstsein. Und als Zugabe, wie jedes Mal, „Rettet die Wale“. „Rettet die Wale/Und stürzt das System/Und trennt euren Müll/Denn viel Mist ist nicht schön.“ Ich bin verzückt.

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