Mankind was not made to discover history underwater.

– Leonard Nimoy

 

Moi Moi, mein Lieber…

 

Qualle

Foto: Alexander Zull

Ich verweile hier in einer interaktiven Postkarte, wie du dir leicht vorstellen kannst. Weitläufige Strände, Dünen, Bohlenwege, bunt bemalte Strandkörbe, Muscheln, Heidekraut; all die pittoresken Häuschen, die Reetdächer, weißen Holzzäune, der Leuchtturm, die Kuchen. Du solltest dabei an öffentlich-rechtliche Vorabendserien denken, oder Autorinnen, deren Namen (und nur ihre Namen) als Chiffre für ein besonders einfaches, weil beliebig reproduzierbares und nicht weiter veränderungsbedürftiges Verständnis von Romantik und dem stehen, was gemeinhin mit dem merkwürdigen Adjektiv malerisch versehen wird.

Ich verzichte darauf, dir vom Strand zu berichten, davon, wie ich bleich und astartig durch eine Reihe von Urlaubsfotografien stapfe (Sonnenbrillen, Badekleidung, UV-Schutz, Sandspielzeug, Beachball, heranrollende Wellen, etc.), obwohl ich das en detail tun könnte, diese Erstarrung, der nichts mehr hinzuzufügen ist, die sich selbst genügt, gleichgültig, dass die Erinnerungen daran bald wieder zu Sand werden, oder eben Fotos, von denen man zuvor schon genau weiß wie sie später auszusehen haben und sich deshalb auch nie richtig für sie interessiert. Das (also die ironische Beschreibung davon) erscheint mir von abgeschliffener Sinnlosigkeit, von einem Zynismus, der schwer wie feuchter Schlamm ist (und wir hatten ja schon lange gesagt, dass uns das nirgendwo hinführt) also erzähle ich dir allenfalls noch von dem verlassenen Loch, um das zwei vergessene Schaufeln lagen, und das sich in nicht absehbarer Tiefe in Schwärze camouflierte. Aber zeugt es nicht von Lächerlichkeit (einem Raunen, das für sich genommen ja wiederum auch ein einziges Klischee ist) genau das zu erwähnen?

Ich habe jedenfalls keine Quallen gefunden, obwohl mir am Strand ein guter Gedanke gekommen ist, wie man selbst eine imitieren kann: Man muss lediglich die Stranddecke ausschütteln und über den Kopf stülpen, so dass die isolierende Silberbeschichtung nach außen hin die Sonne reflektiert; wenn dann noch der allgegenwärtige Wind die dabei entstehende Kuppel gleichmäßig in Bewegung setzt… nun, du kannst dir eine Vorstellung davon machen.

Keine Quallen also, dafür Kaninchen, putzige kleine Häschen, die irgendein debiler dänischer König vor langer Zeit zur Jagd hier ausgesetzt hat; sie hoppeln und mümmeln überall herum und sind vielleicht das subversivste Element auf der Insel, weil sie nach außen hin die verkitschte Kulissenhaftigkeit dieses Ortes auf einen Intensitätgrad treiben, der einem zweifellos die Gehirnwindungen frittieren kann, im Grunde genommen aber als Plage gelten. Jeden Morgen beim Blick aus dem Fenster beobachte ich ein etwas zerzaustes Exemplar, das arglos an einem Herz aus Gras frisst, welches wohl von irgendeinem Verliebten mit dem Rasenmäher auf die Wiese vor unserem Haus gemalt wurde.

Bei der Arbeit lassen sie sich allerdings nicht blicken, was ich aufrichtig bedaure. Lediglich eine konfuse Möwe ist einmal frontal und mit beträchtlicher Geschwindigkeit neben mir in einen Rosenbusch geflogen und danach desorientiert und zerfleddert auf dem Rasen herumgeirrt; zweifellos fragte sie sich, wie zum Teufel das gerade passieren konnte. Vielleicht aber auch etwas gänzlich anderes, wie Warum riechen die Ränder des Universums nach gelber Farbe?, oder ähnliches. Dann wäre sie wohl tatsächlich verrückt und völlig zurecht in diesem Busch gelandet. Ich sehe, ich schweife ab. Wir agieren im übrigen überwiegend mit Spaten (oder auch mit einem Presslufthammer, aber nur das eine Mal), und heben Gruben aus, unter anderem einen ominös tiefen Sandkasten, der nach Katzenkot roch und aus dem wir einige aufschlussreiche Dinge zutage förderten, darunter das veraltete Modell eines Gummilöwen von Schleich (ein Weibchen), ein abgebrochenes Messer und die dazugehörige Klinge (letztere in ca. 1,5 Metern Tiefe), und einen Stein, auf den jemand mit Edding das Wort Schnittlauch geschrieben hatte.

Überlegungen, man würde mit rein physischer Arbeit der Tonschicht der Wirklichkeit (um mal im landschaftsgärtnerischen Duktus zu bleiben) ein wenig näher rücken, sind erwartungsgemäß vollkommen haltlos, man bleibt zweifellos im Sand, der Mineralschicht oder schon der Grasnarbe stecken, es ist im Grunde genommen nur eine andere Form des gleichen aktiven Eskapismus, wie ihn die Reiserei in den ecuadorianischen Regenwald oder ein Couch-Surfing-Trip durch Osteuropa darstellen, bei der man versucht, Eindrücken hinterherzujagen, die irgendwie echter sind, als ob ein Entrinnen auf Zeit irgendwie möglich wäre, und die Erinnerung daran einen später gerade lange genug über Wasser hält. Nichtsdestotrotz kann man die Arbeit als eigenartig erholsam bezeichnen, es ist, als schaufle man sich langsam die zuckenden Gedanken aus dem Kopf, zuerst einstechen, mit dem Spaten, dann mit beiden Händen den Stiel umschließen und raus damit, auf den Haufen weiter drüben. Später sind sie natürlich wieder da, wie die Wurzeln der Blutulme, die ich beständig herausreißen muss. Trotzdem, immerhin.

Aber Schluss jetzt mit diesen gründaumigen und maritimen Analogien. Um nochmals auf die eigentliche Mission zurückzukommen: Erfreulicherweise war ich gestern (dieser Brief entsteht in mehreren Teilen, verzeih’ mir daher die Inkohärenz) doch noch erfolgreich. Wir brachen mit Weißwein und Stirnlampen auf. Unsere Koordinaten waren unzureichend und vage, die Qualle sollte irgendwo zwischen Toilettenhäuschen und den Ausläufern des FKK-Strands angespült worden sein, doch die Ausgangslage war nicht eben vielversprechend. Der Strand glich bei Nacht einer Mondlandschaft, und dort, wo heute Nachmittag noch das Wasser gewesen war, platzten jetzt die Bohnen verwesender Schlickalgen unter unseren Füßen. Wir sahen Installationen aus Meergras und Muschelsplitt, verfallene Metropolen aus Sand; einen Krebs, der eine schmutzige Feder umtanzt und mit seinen Scheren zu verzehren versucht.

Als wir die Qualle schließlich fanden, leuchtete sie wie ein Gletscherbonbon, das vor eine flackernde Leuchtstoffröhre gehalten wird. Die Fotos sind fantastisch, ich bringe sie zur Auswertung vorbei, sobald ich wieder ins Institut komme.

Das wäre es erst einmal, schätze ich, wir sehen uns die Tage. Ich hoffe, du bist wohlauf.

 

Sincerely,

M.

 

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