Christin UND Grüne: Katrin Göring-Eckardt ist gleich eine doppelte Problemgruppe. (Foto: Falk Schreiber)

Christin UND Grüne: Katrin Göring-Eckardt ist gleich eine doppelte Problemgruppe. (Foto: Falk Schreiber)

Erstens: Das hier ist ein Meinungstext. Dieser Text stellt die Meinung eines Autors dar, keine Kollektivmeinung von Les Flâneurs, Mitstreiterinnen und Mistreiter sollen für diesen Text nicht zur Verantwortung gezogen werden. Man muss vorsichtig sein, bei solchen Themen.

Zweitens: Ich persönlich bin kein Freund der Partei Bündnis 90/Die Grünen. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass ich in Hamburg lebe, der Stadt des grünen Sündenfalls, der Stadt, in der die Grünen eine Koalition mit einer weit rechts stehenden CDU eingegangen sind, eine Koalition, die gerade im Sozialbereich die Übel vorantrieb, an denen Hamburg noch für Jahrzehnte kranken wird: Spaltung der Stadt in Arm und Reich, Gentrifizierung, Antiintellektualität. Außerdem haben die Grünen eine rechte Vergangenheit die sich an Gründungsmitgliedern wie August Haußleiter und Herbert Gruhl festmacht, eine Vergangenheit, die man ihnen heute nicht mehr vorwerfen möchte, deren Aufarbeitung allerdings noch auf sich warten lässt.

Was die Grünen gerade durchaus aufarbeiten, sind diverse andere Verwirrungen aus der Vergangenheit. Anscheinend war es so, dass es in den Anfangstagen der Partei Versuche von organisierten Pädophilen gab, die Grünen programmatisch zu unterwandern, konkret ging es darum, das Schutzalter für Sex zwischen Erwachsenen und Kindern herabzusetzen. Soweit man das bis jetzt sagen kann, waren diese Versuche erfolglos, auch wenn manche Autoren das bezweifeln, auch wenn manche Autoren behaupten, dass das eben keine Unterwanderung gewesen sei, sondern im Gegenteil Pädophilie grundsätzlich in der grünen Weltsicht angelegt sei – Christian Füller hatte voriges Wochenende einen entsprechenden Artikel (PDF-Link) für die taz geschrieben, der dann freilich von der Chefredaktion abgelehnt worden war, was zunächst von der Blogosphäre und dann von den Konkurrenzmedien rechts wie links begeistert aufgenommen wurde: Zensur werde bei den Linksliberalen geübt, undsoweiter. Ich kann wenig dazu sagen, die ganzen Diskussionen damals konnte ich noch gar nicht mitbekommen, da war ich viel zu klein für.

Was ich allerdings mitbekam, war das Milieu, in dem die Grünen entstanden. Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger, in der baden-württembergischen Provinz: Das war genau das Milieu, in dem ich aufgewachsen bin. Und aus der Kenntnis dieses Milieus heraus kann ich sagen, dass ich natürlich die Forderung von straffreiem Sex mit Kindern nicht teile, aber: Ich verstehe, wie man zu solch einer Forderung kommen konnte. Sexualität, zumal kindliche Sexualität, war damals etwas zutiefst Tabuisiertes, das gab es einfach nicht. Genauso wenig wie Homosexualität, Fetischismus, Polyamory, nur mal so als Beispiele. Kindererziehung war, jenseits der Familie, nahezu zu 100 Prozent in christlicher Hand, in ihrer Freizeit gingen Kinder in die Kinderkirche, zu den Pfadfindern, auf Konfirmandenfreizeit, und natürlich bekamen sie bei dieser Gelegenheit auch die entsprechende Sexualmoral mitgegeben, sofern sie nicht in sexueller Hinsicht noch ganz andere Dinge mitbekamen (die Leiter von christlichen Jugendgruppen sind da ja gewissermaßen spezialisiert, no offense). Weiter: Es war klar, dass man in einen christlichen Kindergarten ging, in der Schule war konfessioneller Religionsunterricht verpflichtend, und, nein, das war nicht auf dem Dorf, das war in einer Großstadt.

Man kann es einer Partei, die Probleme mit der christlichen Sexualmoral (an der, wie gesagt, hier kein Vorbeikommen war) hatte, nicht verdenken, dass sie diese Moral über den Haufen zu werfen versuchte. Sex vor oder außerhalb der Ehe ist kein Problem! Homosexualität ist kein Problem! Sex mit Kindern ist kein Problem … ups? Darf ich den damals Beteiligten vorwerfen, dass ihnen die Maßstäbe verrutscht sind, dass sie nicht kapierten, wie sie über den Tisch gezogen wurden, beim Umschmeißen tatsächlich problematischer Dogmen? Und es ist ja wirklich keine einfache Diskussion: Selbst heute ist es so, dass sich eine 18-Jährige strafbar macht, wenn sie mit ihrem 15-jährigen Freund schläft, auch wenn der gesunde Menschenverstand einem sagt, dass so etwas nichts mit Pädophilie zu tun hat. Und nur zur Erinnerung: Damals, als die Grünen gegründet wurden, sagte einem der gesunde Menschenverstand, dass ein Kuss zwischen zwei Unverheirateten Sünde sei. Vielleicht ist gesunder Menschenverstand ohnehin der falsche Ratgeber bei diesen Diskussionen, aber, um ehrlich zu sein: Wäre ich um 1980 ein grüner Abgeordneter gewesen, der ein Papier diskutiert, in dem die Abschaffung des Schutzalters beim Sex gefordert wird – ich weiß nicht, wie ich entschieden hätte, gerade mit Blick auf die Meinungsführer, die damals die Sexualmoral definierten.

Das heißt nicht, dass ich Pädophilie in irgendeiner Weise für akzeptabel halte. Das heißt auch nicht, dass ich in Zukunft die Grünen wählen werde, sicher nicht: Diese Partei hat dazu noch zu viel Dreck am Stecken. Aber der Dreck, der gerade diskutiert wird, hat damit nichts zu tun.

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