
Kurz bevor die Hölle losbricht: der Himmel über dem Festivalgelände. Und dann spielt Agnes Obel. (Foto: Falk Schreiber)
Aus dem Plan, einen Les Flâneurs-Betriebsausflug zum Dockville zu machen, wurde dann zwar doch nichts, aber immerhin: Eine kleine Abordnung war beim sympathischsten Indiepopfestival des Sommers. Kathrin, Ninia und Falk sahen kluge, doofe, reizende Konzerte. Und erlebten alles in allem soviel, dass jetzt erstmal eine umfangreiche Nachbereitung Not tut.
Von wann bis wann dagewesen?
Falk: Samstag, 15 Uhr (JaKönigJa) bis Sonntag, 20 Uhr (Agnes Obel)
Kathrin: Freitag, 16:30 Uhr (Lone Wolf) bis Sonntag, 21:00 (DJ Koze)
Ninia: Freitag, 18:00 Uhr bis Samstag, 23:30 Uhr (Woodkid)
Fehlzeiten? Entschuldigung?
Falk: Freitag hatte ich Theaterkritiker-Verpflichtungen. Und Sonntag schwemmte der Wolkenbruch nach Obels Auftritt das Dockville als Ganzes in die Elbe.
Kathrin: Och, ich fand es gut so, wie es war, und will mich nicht entschuldigen, auch wenn ich die Nachtschicht diesmal ausgelassen habe.
Falk: Stimmt, niemand muss sich entschuldigen. Ist ja keine Pflichtveranstaltung, hier!
Ninia: Ich musste ja wieder zurück nach Hannover, und da das Wetter Sonntag Morgen so blöd war, meine Knie schmerzten und ich eine Mimose bin, bin ich schon früher heim gefahren.
Schönstes musikalisches Erlebnis?
Ninia: Leslie Clio war wie erwartet eines meiner Highlights – auch weil ich ohne Stress in der ersten Reihe tanzen konnte. Anonsten: Kitty, Daisy & Lewis.
Kathrin: Es war diesmal viel Gutes aber kaum Überwältigendes dabei. Nicht nur am Samstag. Am schönsten fand ich Mø, weil ich sie vorher nicht kannte und ich in der Dänin mit den souligen Elektrosongs eine neue Lieblingskünstlerin gefunden habe.
Falk: Totally Enormous Extinct Dinosaurs, die den musikalisch unbefriedigenden Samstag ganz überraschend mit hübsch ambitioniertem Elektropop retteten.
Schönstes nichtmusikalisches Erlebnis?
Falk: Als zu den letzten Takten von Agnes Obel der Himmel plötzlich alle Schleußen öffnete und so zu den konventionell melancholischen Pianoballaden ein gebührend apokalyptisches Finale inszeniert wurde.
Kathrin: Da gab es einige: Als bei den Foals plötzlich das große Containerschiff an der Bühne vorbeizog. Als Reptile Youth uns beim Maschinenraum in den Sonnenuntergang blicken ließen. Als ich im strahlenden Sonnenschein mit zwei tollen Frauen bei Fenster stand und die Welt einfach rosig war.
Falk: Alles, was du gerade sagst, ist: Falk, nun beiß dir mal schön in den Hintern, dass du Freitag nicht da warst!
Ninia: Falk, nun beiß dir mal schön in den Hintern, dass du Freitag nicht da warst. Das Containerschiff war schon toll. Und: Als wir es endlich geschafft hatten, alle Schlangen und Kontrollen am Eingang zu überleben und das erste Bier in der Hand hielten.
Größte Enttäuschung?
Falk: Dass niemand von den Dockville-Verantwortlichen mal im Vorfeld auf die Bühnenshow von Woodkid geschaut hat, um bei den ganzen Lichtdomen, dem Nebel, den symmetrieseligen Videos auszurufen: „Kinder, hat wirklich keiner Bauchschmerzen bei diesem Fascho-Kitsch?“
Ninia: Was Falk sagt! Woodkid fand ich auch sonst eher enttäuschend, hatte irgendwie mehr „Wow“-Gefühle in mir erwartet.
Kathrin: Ich hatte mir nach dem Hören der Single viel von Haim erwartet und war dann enttäuscht von den runtergespulten 90er-Rockismen. Der maue Sound tat sein übrigens, dass die Zwischentöne und Raffinessen verloren gingen.
Falk: Mir wurde ja erzählt, dass eine der Haim-Frauen auf eine unglaublich attraktive Weise praktisch nichts getragen habe.
Wann gedacht: “Mal ehrlich, langsam bin ich wirklich zu alt für sowas?”
Falk: Auf dem Weg von der Bushaltestelle zum Gelände, zwischen lauter mit billigstem Fußel betrunkenen Kids, die sich beim Supermarkt mit Nutella eingedeckt hatten.
Kathrin: Ich dachte eher: Zu alt wird man dafür nie. Klar, man geht es langsamer und ausgewählter an die Sache heran, aber wenn man zu alt für gute Musik, Sonnenschein und schöne Menschen ist, dann ist man auch zu alt fürs Leben selbst. Okay, die Strapazen könnten einen abhalten, später mal. Aber nicht die Sache an sich.
Ninia: Am Samstag Nachmittag habe ich das ständig gedacht – auch weil ich ganz genau wusste, dass ich den ganzen Quatsch der betrunkenen Kids vor zehn Jahren genau so super lustig fand. Für gute Musik wird man aber tatsächlich nie zu alt.
Und was hat diesen Gedanken dann wieder verscheucht?
Falk: Die Menschen, die dann tatsächlich auf dem Dockville waren, bunt und schräg und anders wie immer.
Ninia: Ich warte noch auf’s Verscheuchen.
Verpasste Acts, die man unbedingt sehen wollte?
Falk: Poliça. Mø. Kakkmaddafakka, okay, da kann ich jetzt nichts dafür.
Kathrin: Poliça (nasse Füße, maue Ausrede), Sizarr (zu spät gekommen, ebenfalls maue Ausrede)
Ninia: Agnes Obel.
Entdeckungen, die man so nicht erwartet hatte?
Falk: Roosevelt, Dope D.O.D. und Lemaitre, direkt hintereinander am Samstag im Maschinenraum.
Kathrin: Da geht es mir wie Falk: Ebenfalls Roosevelt und Lemaitre – wunderbar tanzbare Acts, guter Sound, super Stimmung.
Ninia: Ach ey, ich beneide euch! Immer diese Menschen, die neue, unfassbar gute Acts auf Festivals entdecken. Passiert mir fast nie, weil ich mir hauptsächlich Dinge angucke, von denen ich weiß, dass ich sie gut finde. Aber: Herr von Grau kannte ich noch nicht und fand ich toll.
Was müssen die OrganisatorInnen kommendes Jahr nun aber wirklich mal in den Griff bekommen?
Kathrin: Dass man beim Vorschot nicht den Sound vom Butterland hört. Ansonsten, finde ich, machen die ihren Job schon ganz gut.
Falk: Bandabsagen wünscht sich kein Veranstalter, aber dieses Jahr war es besonders schlimm. Ich meine, dass Kyla LaGrange zwei Tage vor dem Auftritt absagt, weil sie ins Studio will, ist doch wirklich dreist, oder?
Ninia: Den Einlass. War das Bändchen-Zelt nicht letztes Jahr doppelt so groß, oder irre ich mich?!
Falk: Hihi, das ständige Einlass-Gestänkere! Ab Samstag war da alles total locker, hatte also doch was für sich, dass ich einen Tag zu spät kam.
Und das Catering? Und die Toiletten? Und das übrige Publikum?
Falk: Mal ehrlich, die 08/15-Futterkrippen wie den komischen Fischbrötchenstand braucht doch keiner. Entsprechend herrschte dort auch gähnende Leere, während sich bei den Bio-Burgern und den extrem leckeren Pelmeni lange Schlangen stauten. Aber lernt da jemand draus? Nö. Und: Täusche ich mich, oder waren die Dixi-Klos dieses Jahr noch ekliger als früher?
Kathrin: Ich muss sagen, meine Kloerfahrungen waren dieses Jahr durchaus positiv – und das, obwohl ich zum ersten Mal nicht im privilegierten Pressebereich pinkeln konnte. Aber beim Essen bin ich voll bei dir: Elendslange Schlange vor dem Falafelstand, das sollte ein Zeichen sein, das vegetarische Nahrungsangebot zu erweitern. Was ich mochte: Den Lemonaid-Stand mit der leckeren Mate und die vielen anderen kleinen Stände. Es gab genügend zu entdecken, wenn man Muße hatte. Das Publikum fand ich dieses Jahr ganz toll, kaum alkomatöse Kinder und Schlammprolls. Das hippiesk-hipsterige des Dockville-Publikums mag ich ja, da könnt ihr sagen, was ihr wollt.
Falk: Ich sach’ doch gar nichts!
Ninia: Ich sah auch alkomatöse Kinder und Schlammprolls, aber die gehören ja irgendwie auch dazu. Die wollen doch bloß spielen. Toiletten: Hypereklig. Fand ich dieses Jahr auch extrem schlimm (mit 1,40 m kann man sich nämlich auch nicht einfach nicht hinsetzen!). Essen: Lecker! Und ich stand einfach immer an, wenn gerade nichts los war. Da hatte ich wohl Glück. Ansonsten: Die Menschen dort sind toll. Sie lobten mein Kleid, und ich mochte alle. Wie immer.


Ein Kommentar
Musik fürs Herz, Herzen im Himmel, himmlischer Regen | Carolin Neumann - Journalistin says:
Aug 31, 2013
[...] wunderbaren Flaneure haben mich inspiriert für meinen diesjährigen Rückblick auf Hamburgs [...]