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„Wir reisen nicht nur an andere Orte, sondern vor allem reisen wir in andere Verfassungen der eigenen Seele” Werner Bergengruen

Ich sitze mit meiner Mutter und zwei ihrer Freundinnen in einer Eckkneipe. Zwischen den Rauchschwaden, es ist eine Raucherkneipe, sieht man allerlei Krimskrams von der Decke hängen. Seemanns-Memorabilia, Strandgut. Gestrandet sind auch die Menschen hier, so wie die Versicherungssachbearbeiterin in der Ecke, die uns vom Italiener hierher mitgeschnackt hat. „Das ist ein kultiger Laden, da läuft die beste Musik“. Zu der wankt sie nun hin und her, es fällt schwer, sie sich am nächsten Tag bei der Arbeit vorzustellen, auch wenn sie sagt „ich hab Gleitzeit”. Über ihre rechte Wange läuft eine Träne und sie verschwindet in Richtung Toilette.
An der Bar steht eine geschätzt Siebzigjährige und raucht, und ich freue mich für sie, dass sie hier ist und nicht alleine zuhause. Meinem Besuch gefällt es auch, es muss das Gefühl sein, ein Stück „echten“ Hamburgs zu erleben, und ich denke, ja, vielleicht ist Hamburg im Kern wirklich der Hafen, ein paar versiffte Kneipen und die Boutiquen am Jungfernstieg.

„Hier sieht es schon stadtmäßiger aus“ ist der erste Kommentar zur Innenstadt, ich scheine mir die kleinstädtische Anmutung der Hamburger Kieze nicht einzubilden. Ich bin hier am Jungfernstieg fast genauso fremd wie mein Besuch, es ist nicht mein Hamburg, durch das wir uns nun vorwärtsbummeln, -probieren und -shoppen. Die weißen Bodenkacheln, das erhabene Alsterhaus, die Alster gegenüber, das macht was her, aber was ins Auge sticht ist etwas Anderes. „Was hat der Mann denn an dem Bein“ fragt sie viel zu laut und starrt auf die entzündeten, geschwollenen Gliedmaßen eines Obdachlosen am Straßenrand und ich merke, wie abgestumpft mein Blick schon geworden ist nach Jahren Großstadt, ich schaue nicht mehr hin, und diesen Rat gebe ich ihr auch, ich sage: „Ich weiß es nicht, aber schau nicht hin“ und fühle mich schäbig, mit meiner Einkaufstüte in der Hand, auf dem Weg in das nächste Geschäft.
Ich kaufe aber nicht viel, ich merke, dass Konsum mir im Vergleich zu den Freundinnen meiner Mutter doch weniger bedeutet, ja, ich mag schöne Dinge, auch besitzen, aber lieber mal eins, dann ein anderes, diesen Konsumrausch, diese Lust am Einkaufen kenne ich nicht, sicherlich aus Geldgründen, aber zum ersten Mal auch einfach, weil ich merke, dass am Wasser sitzen, Fähre fahren, das Gesicht in die Sonne halten, überhaupt Natur, mir mehr Freude bringt und ich weiß nicht, ob es die Übersättigung mit Stadt ist, mit all diesen Möglichkeiten oder nur ein älter und bewusster werden.

Die Reeperbahn enttäuscht, das tut sie immer. Immer aus anderen Gründen. „In unserer Jugend war die Reeperbahn ein Symbol für große Freiheit. Da musste man einmal hin, da gab es etwas zu erleben.“ Dass von dieser Freiheit, gab es sie jemals, wenig geblieben ist, das merken auch die drei ganz schnell, auch wenn sie es schwer festmachen können. Hier herrscht ebenfalls das Kapital, wie am Jungfernstieg, nur in anderer Ausprägung.

Ich möchte sie mitnehmen in die freieren Ecken Hamburgs, und wir fahren an den Hafen und essen Fischbrötchen und dann an den Elbstrand und essen Käsekuchen und sie erzählen mir vom Leben und den Krisen und wie man trotzdem das Beste daraus macht. Schließlich packt die eine einen Flachmann aus und hält in die Runde: „Steirischer Whiskey“. Hat sie auf Reisen immer mit dabei „wegen dem ungewohnten Essen“. Ich lächle in mich hinein, nehme einen Schluck und fühle mich wohl in dieser Runde an geballter Lebensweisheit und ja, auch in dieser Stadt.

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