Wir müssen den Mut zum Verbrauchen aufrecht erhalten.
– Ludwig Erhard
Dass die Versprechen der Moderne (Wachstum-Fortschritt-Wohlstand-Glück) ein Kaugummi sind, auf dem bereits zu lange herum gekaut wurde, der schon grau geworden ist, und nur noch in verklärten Erinnerungen nach etwas Pfefferminze schmeckt, ja, das es höchste Zeit wäre, ihn auszuspucken, nun, das hätte ich bereits im pubertierenden Alter erkennen können. Aber damals habe ich recht zwanglos Zeit mit Die Sims 2 totgeschlagen, meist zur Zerstreuung, ohne die Forderung, das Ganze müsse zu einem anderen Nutzen gebracht werden, als einige ereignislose Nachmittage schneller, und vor allem unterhaltsamer verstreichen zu lassen.
Jetzt, wieder zuhause, im alten Zimmer, am alten Schreibtisch, sickerte die enorme pädagogische Bedeutung des Spiels nach und nach in mein Bewusstsein, ein wenig wie der Platzregen draußen vor dem Fenster durch das undichte Gespann des Regenschirms auf unserer Terrasse. Ich dachte mir also, vielleicht ist das diffuse Flattern der Spätmoderne nur der Zustand, der in Die Sims 2 eintritt, wenn das Spiel sich beendet anfühlt, obwohl es eigentlich gar kein Ende kennen soll.
Aber ich greife vor, denn es geht hier zuallererst um Johnny von Spinnweb, meinen Sim von damals, einen Sim unter Sims, einen vorbildlichen Bürger von Veronaville.
Johnny war Postraumtechniker in einem Unternehmen, zumindest eine Zeit lang, und er war ehrgeizig; es war ihm sozusagen in die DNA eingeschrieben, denn die Lebenseinstellung, die ich für ihn ausgewählt hatte, war Karriere. Johnny war insofern natürlich ein Klischee, aber macht mir keine Vorwürfe, ich war fünfzehn, und auch die anderen Einstellungen (Romantik, Familie, Ruf, Wissenschaft) unterliegen zur Gänze demselben totalitären Prinzip von Quantität und Expansion, ohne die das System, innerhalb dessen Regelwerk die Sims ihr Leben strukturieren, nicht denkbar ist.
Um beruflich weiterzukommen, begann Johnny folglich zu lernen, sich weiterzubilden – er spielte Schach und lernte Logik, malte Bilder auf einer Staffelei und lernte Kreativität, posierte vor einem Spiegel und lernte Charisma, er ordnete all seine Interessen und Hobbies, und jede Minute seiner Zeit (die er nicht mit Essen oder Schlafen, oder eben: Arbeiten) verbrachte, seinem Ziel unter, dem sozialen Aufstieg. Fähigkeiten, die er als Sim abseits der beruflichen Anforderungen noch hätte erlernen können, Kochen und Mechanik etwa, waren ihm zuwider, das Beschäftigen mit ihnen wirkte sich negativ auf seine Launenanzeige aus, und eine schlechte Launenanzeige minderte wiederum die Chancen einer Beförderung.
Johnny suchte sich Freunde, der sozialen Kontakte wegen, er brauchte das, um weiter aufzusteigen. Ich unterstütze ihn nach Kräften, schon bald setzte ich ihm etliche attraktive Sims in die Nachbarschaft, und er plauderte dann, riss Witze und flirtete (in der immer gleichen Abfolge, das war seine Art), weil der benötigte türkise Freundschaftsmiley dann am schnellsten aufploppte, immer unverbindlich, denn ein festes Beziehungsgefüge verkompliziert in der Simsphäre die Dinge. Später ließ ich Johnny natürlich trotzdem heiraten. Das Networking funktionierte jedenfalls, schon bald war er Manager, zog in ein größeres Haus, kaufte den Weitwinkel-Flatsch-TV von Sado und auch ein Klavier.
Je mehr er beruflich vorankam, desto anstrengender wurde das Leben für Johnny; es fiel ihm (und damit auch mir) zunehmend schwerer, sein Zeitmanagement so zu optimieren, dass genügend Fähigkeitspunkte erlernt, neue Sims getroffen und alte Kontakte gepflegt werden konnten; oftmals schlief Johnny sogar im Stehen ein, wenn ich ihm zu später Stunde noch jemandem einlud, bei dem er sich lange nicht gemeldet hatte. Allerdings konnte zumindest ich, der ich ja sein Schöpfer war, die natürlichen Grenzen von Beschleunigungsprozessen überwinden, in dem ich die Zeit selbst beschleunigte, weshalb ich alle ineffizienten, unproduktiven und dem Weiterkommen nicht direkt dienlichen Vorgänge in Johnnys Leben – Schlafen, Essen, Duschen –, einfach vorspulte.
Natürlich verfügte Johnny, wie alle Sims, auch über Wünsche, genau genommen war der eigentliche Wunsch, Karriere zu machen nur einer unter vielen, die sich in seiner Wunschskala äußerten; daneben wollte er lernen, Freunde kennenlernen, und vor allem: sich Dinge leisten können. Kaufte man ihm etwa das ersehnte Fitnessgerät, ergrünte die Launenanzeige (und damit die sogenannte Laufbahnanzeige) kurzzeitig, und das Gerät wurde in der Skala umgehend durch einen weiteren Konsumwunsch ersetzt. Ich kaufte Johnny alles, was er wollte und dazu noch alles, was es überhaupt gab, ich wusste auch um die Add-Ons und Erweiterungspacks, und die hypothetische Unbegrenztheit des Warenangebots.
Als Johnny Geschäftsmagnat wurde und die höchste Stufe dieser Sim-Karriere erklommen hatte, änderte sich sein Leben auf den ersten Blick nur unmerklich, er arbeitete nach wie vor lange und seine Konsumwünsche waren weiter vorhanden, aber seine Ängste, die gleichfalls angezeigt wurden, verlagerten sich, er hatte jetzt Angst, seinen Job zu verlieren, Angst, dass ich seine Marmorstatue verkaufe, Angst zu altern, Angst zu sterben. Und er begann sich, wie ich auch, zu langweilen, nachdem Überbietungslogik und Wettbewerb, die Die Sims auf allen Ebenen durchdringen, aus seinem Leben verschwunden waren. Also kündigte Johnny, fing nochmal ganz von vorne an, ich entschied mich für eine Politikkarriere, ich fand das passend, auch wegen Johnnys Alter, obwohl ich seine Jugend ewig verlängern hätte können, genauso wie in der Simwelt selbst alles ewig ist, und im Überfluss vorhanden.
Johnny musste also wieder lernen, doch das Geld war schon da, die Kontakte ebenfalls. Es half nichts. Ich und Johnny konnten uns des Eindrucks nicht erwehren, dass das Rad sich noch drehte, aber der Unterschied zum Stillstand nicht mehr zu erkennen war. Johnny hatte bald wieder Angst, seinen Job zu verlieren. Ich dachte, es sei der richtige Zeitpunkt gekommen, das Spiel zu beenden.
Vielleicht hätte ich versuchen sollen, eine andere Geschichte zu erzählen.
Ach, und Johnny. Ich ließ ihn den Kamin anzünden, stellte den Kirschbaumkleiderschrank von Kistenbaum in Reichweite der Flammen. Dann entfernte ich alle Türen aus seiner Villa. Das Feuer breitete sich rasch aus.
to be continued…

