Irgendwie fehl am Platze: Sophie Hunger. (Foto: Augustin Rebetez)

Zum ersten Mal sah ich Sophie Hunger live auf dem Dockville, vor drei Jahren. Hunger spielte nachmittags, man war noch nicht in Festivalstimmung, die Musik passte auch nicht wirklich hierher, eine Mischung aus Indiepop, Singer/Songwriter und Jazz. Es war kein guter Auftritt, aber ein Stück weit packte mich das doch. Vielleicht, weil ich immer schon einen leichten Crush habe auf alles, was aus der Schweiz kommt, vielleicht, weil mich Leute faszinieren, die irgendwie fehl am Platze zu sein scheinen.

Hunger war damals schon in ihrer Heimat ein Star, mit Chartserfolgen und ausverkauften Konzerthallen, aber sie verhielt sich nicht so. Schrieb Berichte in der Zeit über die Salzburger Festspiele. Spielte in einem kleinen, traurigen Film namens „Der Freund“. Sang deutsch, auf dass diejenigen verstört wären, die englische Texte von ihr erwartet hätten, sang englisch, auf dass die Deutschfans verstört wären, „Scheiß auf deutsche Texte“ (Frank Spilker). Machte Musik mit dem HipHopper Kutti MC. Blieb spröde. Und brachte vor einem Jahr eine Platte raus, die eigentlich nicht konsumierbar war: „The Danger of Light“, ein sperriges, jazziges Stück Popmusik, das mit „Soldier“ einen einzigen halbwegs kommerziellen Song hatte, der allerdings nicht an Folkpop-Heulbojen wie Amy Macdonald erinnerte, sondern an Indie-Chanteusen wie Aimee Mann. Popmusik, die zudem im Song „Das Neue“ zwei Zeilen lieferte, die man, wenn man Hunger Böses wollte, islamfeindlich interpretieren konnte. Sophie Hunger machte es niemandem leicht, mir auch nicht. Entsprechend war ich begeistert, auch wenn ich „The Danger of Light“ praktisch nie durchhörte. So musste Pop sein, aber, ach!, warum hörte das nur niemand?

Vor kurzem sah ich fern, eine Talkshow namens „Anke hat Zeit“, in der Sophie Hunger zu Gast war und von Anke Engelke befragt wurde. Hunger schlug sich tapfer, ließ Engelke immer wieder aufs reizendste auflaufen, und mir war nur ein wenig flau bei diesem Auftritt, ich meine, musste sich die tolle Hunger eigentlich so dem Mainstream anbiedern? Aber sie biederte sich ja nicht an, im Gegenteil, sie kekste der umschmeichelnden Moderatorin ins Gesicht, hinterher spielte sie noch „Das Neue“, alles gut. Und dann sah ich im Internet weitere Clips: Hunger spielte nicht nur bei Engelke, sie spielte auch zum Beispiel bei der ultrabiederen Talkshow „3 nach 9“, Hunger ist ein gern gesehener Fernsehsofagast, und „The Danger of Light“ war nicht nur in den Schweizer Charts ganz oben, sondern reüssierte auch hierzulande, Platz 50, immerhin.

Aber was ist das für ein Publikum? Hören die Hausfrauen und Fernsehgucker jetzt plötzlich Sophie Hunger, hören sie melancholichen, passiv-aggressiven Indiefolkjazz? In dem Plattenschrank, wo gerade noch das Gesamtwerk von Sting in vorderster Reihe stand, ist jetzt „The Danger of Light“ prominent platziert? Und ist das jetzt wirklich schlimm? Was gibt es denn dagegen einzuwenden, wenn nicht sofort sympathische Menschen gute Musik hören?

Ich ärgere mich über mich, weil ich mich nicht wohl mit der Situation fühle. Ich ärgere mich darüber, dass ich anscheinend nicht auf einem Konzert im Publikum neben Anke Engelke stehen möchte. Ist arrogant, ja, aber, tut mir leid, ich kann doch meine Gefühle nicht verleugnen! (Und wenn man Hunger Gutes will, dann kann man das natürlich auch so interpretieren, dass sie es geschafft hat, mich ein weiteres Mal zu verstören, mit ihrem Erfolg. Bei den Hausfrauen.)