
Im Dickicht der Party-Kunst-Verwirrungsmaschine Kunstcamp. (Foto: Sarah Bernhard)
Alle freuen sich aufs MS Dockville Festival, das vom 16. bis 18. August Bands wie Foals, Mac Miller und Kakkmaddafakka auf die Hamburger Elbinsel Wilhelmsburg holt. Aber das Dockville ist nicht nur das schönste Indiefestival der Republik, das Dockville ist auch eine grenzensprengende ästhetisch-soziale Institution. Seit vergangenem Montag leben und arbeiten Künstler wie Alban Muja, Lana Čmajčanin und Sebastián Muhr auf dem Festivalgelände, vom 1. bis 11. 8. präsentieren sie ihre Arbeitsergebnisse im Rahmen des Kunstcamp, und zwischendurch gibt es immer wieder Partys, Konzerte, Interventionen, die die Grenzen zwischen Party, Kunst und sozialem Leben verschwinden lassen. Die Kunstcamp-Organisatorinnen Anika, Doro und Suse haben uns per Mail die wichtigsten Fragen zur Verwirrungsmaschine beantwortet.
Zum Einstieg eine Anekdote: Als ich vergangenes Jahr zur Kunstcamp-Eröffnung kam, stand am Eingang ein Securitymensch vom benachbarten Hafengelände und interessierte sich augenscheinlich fürs Kunstcamp. Die Mitarbeiterin am Einlass erklärte ihm sehr nett, „Kunstcamp, pipapo“ und meinte, dass er doch reinkommen solle und es sich anschauen, er aber antwortete: „Nee, Kunst, das is’ nichts für mich, ich hab’ nur Hauptschulabschluss.“ Die Situation war nicht unangenehm oder aggressiv, aber die Kollegin schaffte es einfach nicht, ihn reinzulocken … Mich frustrierte dieses Erlebnis, weil ich den Eindruck hatte: Es klappt einfach nicht. Man bekommt es nicht hin, Leute zu begeistern, die nicht ganz zur eigenen kleinen Blase passen, die Schwellenangst ist einfach zu groß. Was tun?
Erfahrungen solcher Art hatten wir wohl alle schon mal beim Kunstcamp und da sind wir auch enttäuscht – allerdings gibt es auch immer wieder genau die gegenteiligen Erfahrungen, die das wieder aufwiegen: BesucherInnen, aber auch MitarbeiterInnen, die auf Grund des gemeinsamen Arbeitens und Lebens kommen und so durch persönliche Kontakte an den künstlerischen Prozess herangeführt werden. Hier fruchtet in unseren Augen unser Konzept am meisten. Diese Offenheit auch dem Publikum zu vermitteln, schafft unserer Meinung nach das Kunstcamp als Institution, die durch den Open-Air-Aspekt und Vermittlungsansätzen wie der Arbeit mit KommunikatorInnen als VermittlerInnen entgegen klassischer Schwellenängste wirkt. In unserem Konzept der kritischen Kunstvermittlung ist das Scheitern ja auch integraler Bestandteil. Dadurch, dass wir versuchen, den Kommunikationsprozess so offen wie möglich zu halten, ist es immer auch eine Option, unser Dialogangebot nicht anzunehmen. Das ist natürlich immer sehr schade, aber auch wenn sich der Security nicht ganz hereinlocken ließ, hat er doch mehr über unser Konzept erfahren, wurde von unserer Kommunikatorin freundlich empfangen, und was bleibt, ist immerhin die Möglichkeit, dass dieses Gespräch ihn zu einem weiteren Nachdenken angeregt hat. Und wer weiß, vielleicht traut er sich diesen Sommer und kommt uns besuchen. Nichtsdestotrotz ist das Kunstcamp natürlich eine Blase, in der sich eine besondere Gruppe von Menschen sehr wohl fühlt. Wir haben aber in den letzten Jahren auch immer wieder beobachtet, dass sehr unterschiedliche Menschen den Weg zu uns finden: Rentnerpaare aus Wilhelmsburg, die bei ihrem Sonntagsspaziergang bei uns stoppen, der Schleusenwärter von nebenan und auch viele Familien, für deren Kinder das Kunstcamp in erster Linie ein großer Abenteuerspielplatz ist und weniger eine Ausstellung. Diese Erlebnisse entschädigen doppelt und dreifach für resistente Kunstcamp-Verweigerer. Ein bisschen Offenheit gegenüber dem Unbekannten ist Grundvoraussetzung – und wir tun alles, um Grenzen aufzubrechen und alle neugierig auf das Kunstcamp Programm zu machen.
Das Thema des diesjährigen Kunstcamps ist „Unkraut“. Aber mal ehrlich: Eigentlich hätte dieser Oberbegriff auch auf die Kunstcamps der Vorjahre gepasst, oder?
Da können wir dir grundsätzlich zustimmen, denn diese Arbeitsweise, die wir damit thematisieren, hat sich bereits über die letzten Jahre herausgebildet. Allerdings wollten wir 2013 mit dem Thema „Unkraut!“ auch bewusst das Stadtentwicklungsthema „igs“ (die Internationale Gartenschau, F.S.) aufgreifen und hierzu Position beziehen. Uns ist es besonders wichtig, dass wir bestehende Strukturen miteinbeziehen und das Kunstcamp als kommunikativen Prozess gemeinsam mit unterschiedlichen AkteurInnen wuchern lassen. 2011 haben wir mit „Flaum – ein Festivalraum“ die besonderen Bedingungen für unsere Open-Air-Ausstellung und das Stattfinden im Musikfestival-Kontext thematisiert. Anders als im klassischen White Cube ist bei uns die Beschaffenheit des Kunstcampgeländes einerseits integraler Bestandteil, andererseits natürlich auch ein Parameter, der uns einschränkt. Bestimmte fragile Arbeiten können wir Open-Air einfach nicht ausstellen. Im Folgejahr waren mit „Entweder. Oder.“ Kategorisierungen, deren Auflösung und das Dazwischen im Fokus, um das Kunstcamp als interdisziplinäres Format zu platzieren. Wir sind 2007 als Festival für Kunst und Musik gestartet, haben aber im Laufe der Zeit festgestellt, dass sich der Prozess des gemeinsamen Lebens und Arbeiten besser in einem vorgelagerten Format institutionalisieren lässt. In diesem Sommer stehen für uns die Arbeitsweise, die Vernetzung und vor allem die kulturelle Bewertung im Vordergrund. „Unkraut!“ ist für uns auf Grund der Historie des Kunstcamps deshalb in diesem Jahr besonders wichtig. Unkraut sehen wir als Auswuchs und Zusammenfassung unserer letzten Jahre: all das, was bisher gewachsen ist. Allerdings auch, weil sich unsere Aktivitäten noch einmal stark ausgeweitet haben dieses Jahr: eine Archiv Ausstellung über die letzten Jahre schaut zurück, die Kooperation mit dem Roskilde Festival in drei Formaten und das ständig geöffnete Areal des Kunstcamps weisen nach vorne. Es geht uns um unerwartete Wucherungen, die große Auswirkungen nach sich ziehen können und darum, dass diese Mechanismen von der Gesellschaft in den Anfängen oftmals unterschätzt oder gar belächelt werden. Dies sind allerdings nur unsere ersten Assoziationen dazu. Was die Beteiligten daraus machen, erwarten auch wir gespannt.
Was genau ist die Spezifik dieses Jahr?
Wir konzentrieren uns in diesem Jahr sehr auf eine Arbeitsweise, die sich in den letzten Jahren im Kunstcamp herausgebildet hat: Die Vermischung von Kunst und Leben und das Zusammenbringen von Menschen unterschiedlicher Hintergründe, die wir als sehr wertvoll ansehen, weil sie Unerwartetes wachsen lässt. Das materialisieren KünstlerInnen in verschiedensten Weisen, beispielhaft das Architektenkollektiv
umschichten in ihrer seit April mit Hilfe von Freiwilligen wachsenden Installation „Igel“, in der alle TeilnehmerInnen des Kunstcamps dieses Jahr schlafen werden. Auch möchten wir mit dem diesjährigen Thema das Nachdenken über die Bewertung der künstlerischen Arbeit im Rahmen des Kunstcamps evozieren. Wir bekommen von unterschiedlichen Seiten auch immer wieder unterstellt, wir würden keine „richtige“ Ausstellung machen oder aber den Fokus zu stark auf ein unterhaltungswirksames Programm legen. Die Bezeichnung „Unkraut“ ist eine willkürlich-normative Einteilung, die historisch einem Wandel unterliegt. Noch vor wenigen Jahrzehnten hat niemand Rucola gegessen, er galt als ungenießbar. Heute essen wir ihn in fast jedem Salat, und kaum einer würde ihn als Unkraut verschmähen. Auch die Arbeiten der KünstlerInnen, die wir bei der Open-Air-Ausstellung in Wilhelmsburg ausstellen, sind häufig noch zarte „Pflänzchen“. Viele KünstlerInnen stehen am Anfang ihres Werdegangs, und ihre weitere Entwicklung können wir nicht vorhersehen. Aber wir wollen ihnen mit dem Kunstcamp eine Plattform bieten, um ihre Werke zur Diskussion zu stellen. Eine Bewertung lehnen wir ab und suchen lieber einen offenen Dialog mit unseren BesucherInnen. Wir persönlich sehen den Begriff Unkraut sehr eng verbunden mit den Spektren des Undergrounds, Subkultur oder Unterkultur. Es geht um die Mechanismen, die sich im Hinblick auf zentrale Normen deutlich von der herrschenden Kultur abgrenzen.
Wir haben ja vorhin schon darüber geredet, dass parallel zum Kunstcamp ein paar Kilometer entfernt die Internationale Gartenschau läuft (von der zumindest ich nicht besonders angetan war). „Unkraut“, das klingt wie ein Gegenentwurf zu allem, wofür eine Gartenschau steht: Gärtnern, Hegen, Pflegen, Unkraut wuchert im Vergleich ja einfach nur so vor sich hin. Was habt ihr eigentlich gegen die Gartenschau?
Auch dies ist eine Spezifik des Themas 2013: Künstlerische Mittel nutzen um sich nachhaltig festzusetzen. Wir haben unseren KünstlerInnen in diesem Jahr einen besonders großen Spielraum gelassen, Projekte haben sich in einem gemeinsamen Prozess weiter entwickelt und manifestieren sich jetzt im Kunstcamp. Unser Ansatz ist es, durch unterschiedliche Projekte Anknüpfungspunkte auch im Stadtteil zu schaffen – in diesem Jahr unter anderem mit
Frl. Wunder AG, einer Performance- und Interaktionsgruppe, die Orte in Wilhelmsburg bespielen werden und die Kommunikation mit BewohnerInnen aktiv suchen. Durch solche und auch ähnliche Projekte in den vergangenen Kunstcampjahren, zusätzlich zu unseren Kinder- und Jugendprojekten Lüttville und Teenville, die mit AnwohnerInnen arbeiten, entwickeln wir langsam ein Netzwerk in Wilhelmsburg. Es gibt keinen Masterplan, den wir undiskutiert durchsetzen – künstlerische Projekte benötigen einen Freiraum, in dem sie sich entfalten können. Wir möchten die Möglichkeit zur Weiterbildung und Entwicklung eigenverantwortlicher StadtbewohnerInnen bieten und ein Netzwerk auf Augenhöhe etablieren. Und wir stellen die Frage nach langfristigen Strukturen: was bleibt, was geht, was ändert sich? Wir beobachten natürlich auch das Konzept der Internationalen Gartenschau und stellen fest, dass dieses nicht wirklich greift. Dies zeigt sich unter anderem auch an dem Besucherzuspruch, der weit unter den Erwartungen liegt. 2012 wurde ein Großteil unserer Campingfläche gerodet, um den igs-Parkplatz dort einzurichten. Dass dort jetzt seit Wochen kein einziges Auto parkt, ist natürlich auch auf politischer Ebene ein Thema, dem sich die Stadt stellen muss.
Gab es irgendwann im Konzeptionsprozess die Überlegung, den Besucherstrom nach Wilhelmsburg irgendwie auszunutzen, sprich: eine Kooperation mit der IGS anzudenken?
Wir stehen seit Beginn unserer Aktivitäten mit der IGS in Kontakt und sprechen über die jeweiligen Planungen, da wir einige Flächen teilen und sie dieses Jahr unsere Pächter sind. Uns war es hierbei immer wichtig unser eigenes Programm zu konzipieren und durchzuführen. Wir sind seit 2007 hier und wollen auch weit über 2013 hier bleiben. 2013 ist sicherlich insgesamt ein wichtiges Jahr, für uns aber nur eines von vielen. Die Archivausstellung ist unter anderem aus dem Gedanken heraus entstanden, eben genau den Menschen, denen Dockville, Kunstcamp, Lüttville & Co noch überhaupt kein Begriff sind, näher zu bringen, welche alternative Möglichkeiten es zur Entwicklung eines Ortes ab von Architekturbüros und genormten Rasenanlagen gibt. Den besagten Besucherstrom hat es bisher jedoch noch nicht gegeben.
Oder gibt es Besucher, die ihr überhaupt nicht beim Kunstcamp haben wollt?
Außer denjenigen, die sich grundsätzlich gegen eigenverantwortliches Denken und Handeln stellen, keine. Die, die anscheinend am fernsten sind, sind für uns persönlich die, über die wir uns am meisten freuen. Menschen unterschiedlicher Herkunft und Profession auf dem Kunstcampgelände zusammen zu bringen, ist ja unser Ziel. Und daraus entstehen in den meisten Fällen auch interessante Begegnungen und anregende Diskussionen. Deshalb laden wir auch immer Menschen ein, die uns aus der Distanz kritisieren, um sie vor Ort mit ihren Vorurteilen zu konfrontieren. Grundsätzlich empfängt das Kunstcamp alle interessierten Menschen, denen ein respektvolles Miteinander genau so ein großes Anliegen ist wie uns, mit offenen Armen. Wir möchten ehemalige Parallelwelten miteinander verweben und eine wechselseitige Bereicherung fördern. Wir leben den Kunstbegriff nicht als Vermittlung von Kultur, sondern wir begreifen Kunst als einen interdisziplinären Prozess, der nicht nur bildend oder darstellend sein kann. Es geht uns auch um die Menschen und ihre Geschichten und um gesellschaftliche Impulse. Das Elitäre oder einseitig Belehrende ist bei uns verpönt. Unsere kritische Kunstvermittlung, bei der BesucherInnen und KünstlerInnen auf Augenhöhe miteinander kommunizieren, sich in Frage stellen und gegenseitig beeinflussen, ist für uns einer der wichtigsten Aspekte des Camps. Jeder hat die Chance das Kunstcamp in nachhaltiger und ernsthafter Weise aktiv mitzugestalten.
Ein wenig habe ich den Eindruck, dass das Kunstcamp sich irgendwie zur bloßen Verlängerung des Dockville-Festivals entwickelt, mit Veranstaltungen wie dem Butterland Open Air oder dem Vogelball. Die sind toll, ohne Frage – aber was haben die denn eigentlich mit dem Kunstanspruch des Festivals zu tun?
Das Kunstcamp hat sich zu einem eigenen Format entwickelt, das einerseits den Kunstanspruch des Festivals trägt, nämlich den Musikfestivalgästen ein interaktives und anregendes Kunsterlebnis zu ermöglichen, andererseits entspricht es inzwischen auch seinen eigenen Ansprüchen, nämlich den Open-Air-Ausstellungsprozess über verschiedene Formate dem Publikum zu öffnen. Da gibt es neben Tischgesprächen, Spaziergängen, Performances und Konzerten eben auch große Partys, die viele Leute ziehen, die vor Ort aber auch für die anderen Aspekte des Kunstcamps zu begeistern sind. Vogelball und Butterland verstehen wir weiterhin als Veranstaltungen mit sehr eigenen Atmosphären, die außer dem Ort nicht viel mit dem „großen“ Festival gemein haben: Sie haben inhaltliche und musikalische Schwerpunkte und bieten mit wesentlich kleinerem Publikum ganz andere Möglichkeiten der Interaktion. Vor allem mit dem Vogelball, einem unserer größten Partyformate, unterstreichen wir unseren eigenen Anspruch, möglichst viele unterschiedliche Menschen zusammenzubringen. Dieses Format ist ein sehr gesellschaftskritisches Event, bei dem Gendergrenzen durch Maskerade aufgelöst werden sollen. Wir erleben immer wieder, dass wir hier über die entspannte Atmosphäre viele Menschen erstmals mit queeren Themen in Berührung bringen. Beim Vogelball schaffen wir einen wertfreien Raum, wo sich viele unterschiedliche Welten beschnuppern und kennenlernen können. Es ist ein erster Impuls für mehr Toleranz bis hin zu Begeisterung und Infragestellung des eigenen Lebensentwurfs. Beim Kunstcamp können sich die Gäste noch in viel intensiverer Weise mit den KünstlerInnen vernetzen und das finale Ergebnis dieses Prozesses steht bis zuletzt offen. Wir bieten hier eine ganz andere Beweglichkeit als beim MS Dockville Festival.