Alles wird seltsamer, sagte ich und lächelte.

– Joshua Groß

LesungMeine Mutter schickte mir die Tage ein Paket. Darin lagen ein paar neue Schuhe, dazu ein Zettel, auf dem stand, sie hätte mir etwas Gutes tun wollen, und ich würde damit weniger abgewrackt herumlaufen. Das wäre nun (abseits der Erwähnung dieser netten Geste) nicht weiter wichtig, hätte ich aus diesem Grund (der Postbote, das Klebeband, das Anziehen) nicht die Führung in die Nürnberger Lochwasserleitungen verpasst, die nur einmal am Spätnachmittag stattfand und die zu besuchen ich mir eigentlich zum Ziel gesetzt hatte.

Da ich nun aber bereits unterwegs war, und die Sonne sich noch gläsern über den Himmel wälzte, setzte ich mich am Ufer der Pegnitz ins Gras, las ein Buch und blieb dort, bis ich irgendwann einschlief. Als ich die Augen wieder öffnete, war mein Kopf in eine konturlose Wolke aus Mücken getaucht, die gleichgültig um mich herumtanzten. Ich war bereits auf dem Rückweg, als ich einen Anruf erhielt; nahe des Germanischen Museums, so ein Freund von mir, finde eine Art Lesung statt, und einige Leute würden mit bunter Kreide Assoziationen auf das Pflaster zeichnen, ich solle kommen, es gäbe auch Weißwein in Plastikbechern.

Auf dem Platz vor dem Museum ratterten Skateboardfahrer über Betonplatten, alte Hip Hop-Songs schepperten aus Ghettoblastern, und tatsächlich, eine Traube von Menschen umkreiste ein sich ausbreitendes, abstraktes Kreidegemälde, kniete oder stand oder nippte an Bechern; ich gesellte mich dazu und unterhielt mich mit einigen Bekannten, später zeichnete ich in verschiedenen, leuchtenden Farben eine Quallenart auf den Boden, chironexia lemuris, von der man angeblich Halluzinationen bekommt, wenn man sie in ausreichenden Mengen verzehrt, ich hatte das mal in einem Dokumentarfilm gesehen, vor Ostern schon.

Beim Zeichnen hielt ich immer wieder inne, denn einige Meter neben mir saß ein älterer, derangiert wirkender Mann im Schneidersitz, der mich verdächtig an ähnliche Begegnungen dieser Art, die ich zuletzt gemacht hatte, erinnerte, er schien fortwährend zu murmeln und zu grübeln und kritzelte sporadisch, aber konzentriert vor sich hin. Jemand sagte, der Mann sei nicht ansprechbar. Ich beobachtete ihn eine Weile misstrauisch, und widmete mich dann wieder meiner Zeichnung. Bald schon war es dunkel.

Die eigentliche Lesung fand in einem Innenhof, unter der größten Straßenlaterne Nürnbergs statt, es war die einzige Lampe dieser Art, obwohl Worte gewechselt wurden, dass mehrere davon sich in Frankfurt befinden würden, ein Gerücht, das sich später als falsch herausstellte. Wir saßen im Halbkreis auf dem Asphalt oder auf einer kleinen Mauer, Plastikbecher und Informationsblätter zu besagter Straßenlaterne wurden herumgereicht.

Die ersten Texte, die verlesen wurden, stammten von einem nicht anwesenden und bislang unveröffentlichtem Berliner Autor namens Raul Werno, der sich wohl selbst als den pataphysischen Piraten der Postmoderne bezeichnete – seine Ausführungen handelten von einem Ort, in dem es Katzenhaare regnete, felidaeisierender Regen war wohl der verwendete Ausdruck, wenn ich mich recht erinnere. Der Text stieß mitunter auf Kritik bei der Zuhörerschaft, das Wort prätentiös fiel nicht, aber es irrte durch die Luft wie feine, weiße Flusen oder das Katzenhaar, von dem eben noch die Rede war.

Danach las ein anderer Typ namens Hansen einen langatmigen Text über Schnecken. Ich nippte gelegentlich an meinem Becher mit Wein und hörte nur sporadisch zu. Menschen mit Muskeln kamen immer wieder vorbei (gleich gegenüber befand sich ein Fitnessstudio) und schauten ratlos in unsere Richtung, auch dann noch, als ein weiterer Autor namens Joshua Groß (der zugleich auch jener Freund war, der mich zuvor telefonisch eingeladen hatte) Auszüge aus seinem bald erscheinenden Roman „Der Trost von Telefonzellen“ in die hereinbrechende Nacht schickte; es ging darin vordergründig um einen Buchstand, verschollenen Indianerschmuck und den BND, vielleicht aber auch um die vage Möglichkeit eines Widerstands, der sich im rechten Augenblick entzog, sich in warmer Erde begrub, oder im Windschatten eines alten VW-Busses davonflatterte, ehe wieder jemand alles mit Preisschildern versah.

Nachdem alles zu Ende war, ging ich früh, ich wollte das Licht der Laternen noch abfangen, um die Kreidekritzeleien des merkwürdigen Typen von vorhin in Augenschein zu nehmen, der Platz war jetzt nahezu leer. Ich sah zittrige Linien, einen Mann mit Krone, Zäune. Einen Weihnachtsbaum. Ein Haus, das zugleich ein Berg war, und daneben eine halbe Kuh, die in einem Teich ertrank, indem sich das Wasser in Kreisen kräuselte. Spiralen. Ein Glas Bier.

Keine Frage, seine Zeichnungen gaben auf eine gelbe Art und Weise Sinn, ähnlich einem Plastik-U-Boot in einer Regentonne. Ich schaute nach oben um den Mond zu suchen, doch der Himmel blieb unerschütterlich schwarz in dieser Nacht.

 

to be continued…

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