Regen ist selten ein weiser Ratgeber, mein Kind.
– J.D. Salinger
Es war ja so, dass ich mich in letzter Zeit ein wenig wie eine halb aufgegessene Dose Ravioli fühlte, die nicht wusste, ob sie noch warm oder schon kalt war, oder ob das überhaupt einen nennenswerten Unterschied machte. Ich beschloss deshalb, vor die Tür zu gehen, gleichwohl sich in unsteten Abständen Regenschauer aus den Wolken wrangen, wie schon seit Wochen, wenn man etwas genauer darüber nachdachte. Ich setzte dennoch meinen Hut auf und stieg in die U-Bahn Richtung Hardthöhe, die gerade zuckelnd einfuhr, an der Haltestelle Lorenzkirche stieg ich wieder aus, dort befand sich, gleich neben der Kirche, der antiquarische Buchstand, dessen Auslage ich öfter durchstöberte, weil alle Exemplare für gewöhnlich nur 1,50 Euro kosteten. Bald entdeckte ich einen Kunstband von Mllioyt, auf dessen Cover ein Wasserglas prangte, in dem ertränkte Raupen schwammen; ich zückte bereitwillig meinen Geldbeutel, fand darin aber nur zwei Fünf-Cent-Stücke, eine Marke für Einkaufswägen und die schwarze Murmel, die mir der Flaschensammler vor einigen Wochen gegeben hatte.
Ich ließ die Murmel in meiner Handfläche kreiseln, sie fühlte sich schwerer an, als ich erwartet hatte. Sie war undurchdringlich schwarz. Ich dachte an den umgedrehten Wasserhahn, sicher würde er noch da sein, der Weg zur Burg war nicht weit, und noch regnete es nicht. Ich stolperte fast über ein hervorstehendes Stück Kopfsteinpflaster, als ich kurze Zeit später die Pegnitz überquerte, die sich unter der Brücke hellbraun und unruhig in ihrem Flussbett wälzte, als träumte sie von toten Fischen.
Der Regen setzte abrupt und heftig ein, und da ich einen Umweg gegangen war (warum, wusste ich auch nicht) flüchtete ich mich in den überdachten Hauseingang eines Auktionshauses auf dem Albrecht-Dürer-Platz. Vor dem Schaufenster, auf einem Sims aus Wellblech, lagen einige aufgequollene Kataloge, die ich, geschützt unter dem schmalen Vordach, zu durchblättern begann. Die Seiten waren verklebt und in Auflösung begriffen, so dass ich nur einen Blick auf eine kleine Porzellanfigur werfen konnte; einen hageren Mann in abgerissener Uniform, der ein mondgraues Pferd mit sich führte, das Gesicht beinahe unkenntlich unter einem großen Sombrero verborgen.
Es handelte sich offenbar um einen mexikanischen Revolutionär namens Diego de Otero, genannt El Paro, einen Kommandanten Pancho Villas, der 1914 in der Gegend um Jiménez und Ciudad Camargo Überfälle auf Regierungstruppen beging und sich während eines Feuergefechts in der nahen Wüste von Chihuahua verirrte, wo er schließlich zu Tode kam. Der Katalog informierte, dass einige seiner Männer ihn Wochen später in einer Kalksteinhöhle entdeckten, anscheinend hatte er kurz vor seinem Ableben noch sein Pferd aufgegessen, dessen Überreste man ebenfalls fand.
Der Schätzwert der Figur lag bei 390,- Euro. Ich bemerkte allerdings erst jetzt, dass der Katalog von 2007 stammte, und fragte mich, warum er hier herumlag. Später googelte ich Diego de Otero und El Paro, konnte aber nichts brauchbares finden.
Der Schauer ging zunehmend in ein feines Nieseln über. Als ich an der Burg ankam, war sie beinahe verlassen, nur ein paar Grüppchen vornehmlich englischsprachiger Touristen standen herum, schüttelten ihre Regenschirme aus und machten Anstalten, bald ein nahes Café aufzusuchen. Der Gang war noch dunkler als beim letzten Mal, die Wände feucht, das Karmesinrot zu einem schlammigen Rotbraun verkommen. Der umgedrehte Wasserhahn befand sich noch an der selben Stelle, wie ich es in Erinnerung hatte, ich holte die Murmel aus dem Geldbeutel, es war kurz vor vier, wie mir ein Blick auf mein Handy verriet.
Während die Murmel durch den Wasserhahn in die Schwärze rollte und dabei zunehmend verhallende, klackende Geräusche von sich gab, trommelte ich mit den Fingern ohne nennenswerten Rhythmus auf meiner Jeans herum. Nachdem eine gewisse Zeit verstrichen war, ging ich nach draußen, nichts passierte, es war niemand zu sehen. Ich bewegte mich in Richtung Burggarten und schaute von der Brüstung. Die Luft roch nach nassen Blättern und Rauch.
Da trat jemand neben mich, er hatte langes, filziges Haar und trug eine mit allerlei Wappen bestickte Lederjacke, ich konnte das Club-Logo erkennen, und einen Aufnäher mit einem Löwenzahn, an den sich nur noch ein einziger Samenstengel klammerte. Schaust aus wie ein Privatdetektiv, sagte er mit breitem fränkischen Akzent. Er schien eine Reaktion darauf zu erwarten, aber ich starrte ihn nur an und fragte mich, inwieweit sein Erscheinen tatsächlich mit der Murmel zusammenhängen konnte. Ich hätte ein bisschen Hunger, fügte er schließlich hinzu. Hast du mir einen Euro, nur einen?
Ich öffnete meinen Geldbeutel und zeigte ihm den Inhalt. Er schaute mich einen Moment lang an. Dann nahm er die Einkaufswagenmarke heraus und schlurfte wortlos davon.
In einiger Entfernung sah ich ihn kurz in einem Mülleimer herumnesteln. Als er verschwunden war, näherte ich mich langsam dem Mülleimer; oben, als hätte ihn jemand dort abgelegt, lag neben einem zerdrückten Kaffeebecher ein Flyer, der für einen Besuch der geheimnisumwitterten Felsgänge unter der Stadt warb. Ich überlegte kurz, schließlich steckte ich ihn ein.
Auf dem Heimweg machte ich bei einem Gebäude kurz hinter dem Bahnhof Halt. Wasser strömte durch die Dachrinne und sprenkelte weitflächig von der Hausfassade. Ich nahm meinen Hut ab und stellte mich darunter, bis die Tropfen mir den Rücken herunter rannen, dann ging ich weiter und versuchte, nicht in Pfützen zu treten.
to be continued…


