Foto: © 2013 PROKINO Filmverleih GmbH

Wenn sogar dieses Paar seine Beziehung in den Graben fährt, was hat man selbst dann überhaupt noch
für eine Chance? Foto: © 2013 PROKINO Filmverleih GmbH

Vorbemerkung: Es gibt Leute, für die hat Filmjournalismus in erster Linie empfehlenden oder warnenden Charakter. Diese Leute wollen eine Antwort auf die Frage: Soll ich mir diesen oder jenen Film anschauen? Für sie ist wichtig, wie ein Drehbuch aussieht, Schauspielerleistungen, Bildaufbau, Kamera etc. interessieren sie kaum. Das ist okay, nur: Wenn man ihnen erzählt, wie ein Film endet, dann werden sie böse, weil das Ende des Films für sie der Höhepunkt ist, um den sie sich dann betrogen fühlen. Ich verstehe Film-, überhaupt Kulturjournalismus anders. Kulturjournalismus ist für mich ein Fortführen der Diskurse, die im Kunstwerk angerissen werden, und für diese Fortführung muss man manchmal erzählen, was am Ende passiert. Wer das nicht möchte, der sollte besser nicht weiterlesen. Dies ist eine Spoilerwarnung.

Richard Linklaters Filme „Before Sunrise“ (1995) und „Before Sunset“ (2004) waren wichtig für mich. Linklater zeigte mit seinen Helden Jesse (Ethan Hawke) und Céline (Julie Delpy) zwei Menschen, die mir in vielem ähnlich waren: unsicher, leidenschaftlich, ungeschickt, zynisch, egozentrisch, weltumarmend, gefährdet. Ganz nah blieb die Kamera (jeweils: Lee Daniel) ihnen während der (mit 92 beziehungsweise 77 Minuten recht kurzen) beiden Filme, fast jede Szene zeigt sie von vorn, wie sie unablässig redend durch Wien (1995) beziehungsweise Paris (2004) flanieren. Und obwohl wir sie nie alleine ließen, blieben am Ende jedes Filmes Fragen offen, die nach dem Kinobesuch hitzige Beziehungsdiskussionen nach sich zogen und so in mein Alltagsleben einsickerten: Haben Sie in Wien miteinander geschlafen? Und haben Sie sich, wie versprochen, ein halbes Jahr später wiedergesehen? Und: Wird Jesse in Paris sein Flugzeug in die US-amerikanische Heimat nehmen oder bleibt er bei Céline und verlässt Frau und Kind? Die Fragen aus Wien wurden in Paris beantwortet: Ja, sie haben miteinander geschlafen, sogar zweimal. Und, nein, sie haben sich nicht wiedergesehen.

Und morgen wird die Frage aus Paris beantwortet: Morgen startet „Before Midnight“ in den deutschen Kinos, wieder Delpy und Hawke, wieder neun Jahre später. Wir sehen: Ja, Jesses Flugzeug flog ohne ihn in die USA. Céline und er sind ein Paar, leben in Paris, haben Zwillinge, er unterrichtet mehr oder weniger erfolgreich und schreibt Romane, sie möchte in ihren Beruf zurück, was genau sie macht, bleibt unklar, irgendetwas im Umweltschutzbereich. Wir begleiten sie einen Tag und einen Abend lang im Griechenlandurlaub (was heißt: Wir sehen sie, wie sie durch die Gegend flanieren und reden, alles wie gehabt, nur dass keine Großstadtlandschaften zu sehen sind … Aber die waren auch vor neun und achtzehn Jahren in erster Linie Dekor).

Und wir sehen, wie sie streiten.

Ja, Céline und Jesse streiten. Das Paar, bei dem ich erwartet hätte, dass es alles richtig macht, das Paar, in dem ich auch ein Idealbild meiner Liebesfähigkeit gesehen hatte, streitet. Und, nein, es streitet nicht harmlos. Jesse geht nicht einmal annähernd auf die beruflichen Wünsche seiner Partnerin ein, er jammert nur selbstmitleidig, dass er keine Chance hat, seinem in Chicago lebenden Sohn ein American Dad zu sein, ein Vater, der mit seinem Kind Baseball spielt. Und Céline wirft Jesse vor, dass er a) nur an sich denken würde (was stimmt) und b) beim Sex ein arger Langweiler sei (was man wirklich nicht hören möchte). Und irgendwann taucht die Frage dann auf: Wenn Céline und Jesse bislang immer das Paar waren, das ich irgendwo sein wollte, wenn Céline und Jesse auf der Beziehungsebene eine Blaupause waren für eine Heterosexualität, die nicht machistisch ist, sondern die auf intellektueller Wertschätzung, Humor und erotischer Anziehung funktioniert, wenn also sogar dieses Paar seine Beziehung in den Graben fährt, was hat man selbst dann überhaupt noch für eine Chance?

Im Laufe des Abends, „Before Midnight“, schmeißen sich Céline und Jesse Sachen an den Kopf, die keine Beziehung aushält. Am Ende ist alles kaputt, und dass es noch einen letzten Twist gibt, macht die Sache nicht besser, sondern schlimmer: Jesse umschmeichelt seine Freundin, und die beginnt, als Versöhnungsgeste eine Rolle zu spielen – das blonde Dummchen, gut zum abschließenden Fick. Mit anderen Worten: die anscheinend einzige Rettung für die Beziehung ist, dass sich eine coole, bewundernswerte Frau klein macht. Dass das in Wahrheit keine Rettung ist, ist klar, eigentlich kann sich Céline nach dieser Selbsterniedrigung nur noch in die Ägäis schmeißen. Ein Zukunftsmodell sieht anders aus.

Und deswegen macht mich „Before Midnight“ fertig. Weil ich bei den ersten beiden „Before …“-Filmen immer noch das Gefühl hatte, dass die romantische Zweierbeziehung ein Ausweg aus den Zumutungen des bürgerlichen Lebens sein könnte, eine Form der Solidarität und des Respekts, die die kapitalistisch durchorganisierte Gesellschaft einem ansonsten nicht ermöglicht. „Before Midnight“ hingegen blafft mir ins Gesicht: Vergiss’ es!

Nachbemerkung: Ich habe eine kurze Filmkritik zu „Before Midnight“ in der kulturnews geschrieben.

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