Foto: bootboohook.comHeute veröffentlichten die OrganisatorInnen des Bootboohooks die traurige Nachricht: Das Festival muss dieses Jahr leider ausfallen. Zu wenig Karten wurden im Vorfeld verkauft – keine Chance die Kosten für Bands, Technik und alles andere zu decken. Dabei haben sie so viele tolle Ankündigungen gemacht: Gute, abwechslungsreiche Bands, neue Essensstände mit veganen Burgern – all das klang nach einem angenehmen und gemütlichem Festival.
Knackpunkt ist mit Sicherheit der Umzug des Festivals im letzten Jahr. Aus dem gemütlichen Stadtfest im Herzen des alternativen Viertels Linden wurde ein kommerzielles Festival auf dem Expogelände. Na klar, Kommerz war auch schon vorher da, aber im letzten Jahr wirkte das Festival nicht mehr wie das gemütliche Stadtfest, das es einmal war.

Seit 2008 fand das Festival in Hannover-Linden am Faust-Gelände statt. Veranstaltet von Tapete Records traten hauptsächlich die Bands des Labels auf, immer mehr aber auch international bekannte Acts – 2011 beispielsweise „Wir sind Helden“ und „Bonaparte“. Das Festival wuchs, eröffnete einen Zeltplatz für BesucherInnen von außerhalb und wurde zu einem Glanzpunkt in der Kultur- und Feierszene von Hannover. Und dann kam, was kommen musste. Viele AnwohnerInnen des Viertels empfanden die Lautstärke und den dreitägigen Rummel mit Bussen, LKWs und vielen tausend Besuchern als zu laut und viel. Es musste nach einer Lösung gesucht werden.
Das Gelände am Kronsberg (außerhalb von Hannover auf dem Expo-Gelände) schien geeignet zu sein. Viel Platz für mehrere Bühnen, ein größerer Zeltplatz und Krach machen durfte man auch bis zum Ende der Nacht. Allerdings: Die Anfahrt war, auch für HannoveranerInnen, wesentlich weiter als der kurze Tritt ins Rad, um nach Linden zu kommen (wenn man dort nicht eh schon wohnte). War man einmal da, musste man den ganzen Tag bleiben. Als Besucherin ohne Campingkarte trickste ich ein bisschen, um auf den Zeltplatz zu kommen und mit FreundInnen, die dort übernachteten, zusammen zu sitzen. Die Taschenkontrollen waren stärker als in den letzten Jahren und Essen und Getränke (selbst Wasser) waren streng verboten. Insgesamt gab es viel mehr Regeln, viel mehr Zäune und weniger Gemütlichkeit.

Ich war 2011 das erste Mal auf dem Bootboohook. Der Umzug nach Hannover stand an und ich war froh, dass mich in der neuen, als Langweiler-Hochburg verschrienen Stadt, so eine tolle Veranstaltung erwartete. Mitten im Viertel gelegen, konnten wir erst auf dem Balkon einer Freundin gemütlich zusammen sitzen, dann im nächsten Imbiss etwas essen, um im Anschluss auf dem Festival zu tanzen. Es war, als gehöre dieses Festival eigentlich jedes Wochenende in diese Stadt. Die Aufregung der AnwohnerInnen kann ich bis heute nicht nachvollziehen. Wer nach Linden zieht, weiß vorher, dass es dort nachts und am Wochenende nicht leise ist. Das ist Linden. Und das ist wohl auch diese Gentrifizierung, von der in den anderen Städten immer geredet wird. Jetzt hat sie auch uns erreicht. Im Kult(ur)-Viertel wohnen? Gerne. Dafür sorgen, dass es das auch bleibt? Nein, das ist mir zu laut. Schade!

Katja, eine sehr gute Freundin von mir, kennt das Festival seit 2010. Letztes Jahr, auf dem neuen Gelände, war sie unzufrieden: „Das war nicht mehr das Bootboohook, das ich kannte.“ Auf dem alten Gelände, waren die Konzerte besser voneinander getrennt, man konnte sich im Biergarten ausruhen oder einfach ein bisschen im Viertel rumlaufen. Das alles sei im letzten Jahr leider verloren gegangen. „2010 war ich von der Atmosphäre des Festivals so geflasht. Ein Festival in der Natur, aber gleichzeitig mitten in der Stadt, einmalig.“ Sie hätte sogar nichts dagegen gehabt, wenn die Konzerte früher zu Ende gewesen wären: „Dann wäre das mit der Lautstärke auch kein Problem gewesen.“ Oder man hätte den „Silent-Floor“ schon früher eingeführt, sagt sie, beim Expo-Gelände war der doch sowieso unnütz. Auch die Bandauswahl war ihr relativ egal: „Natürlich waren da letztes Jahr große Bands. Aber auf die kann ich auch verzichten, feiern geht auch mit kleineren Bands.“

Das Bootboohook wollte seinen eigenen Grenzen sprengen und ist nun, in dieser Größe und Form, nicht mehr realisierbar. Das Festival hat es nicht geschafft, alte BesucherInnen zum neuen Gelände mitzunehmen oder neue zu finden. Die LindenerInnen haben an einem Wochenende mehr ihre Ruhe und jetzt auch keine Veranstaltung mehr, mit dem sich die Stadt am Festivalhimmel rühmen könnte. Das ist verdammt schade und zeigt, dass die besten Feste eben manchmal an sich selbst scheitern. Und leider auch, dass sich die PolitikerInnen, die sich in dem einen Jahr noch gerne einladen lassen und fröhlich mitklatschen, offensichtlich nicht dafür interessieren, wenn kulturelle Perlen der Stadt sterben.

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