
Als ich am Samstag gegen 12 Uhr aus dem Haus gehe, bin ich guter Dinge. Gemeinsam mit rund 20.000 anderen Menschen möchte ich gegen die Macht der Banken, gegen Kapitalismus und für mehr Gerechtigkeit kämpfen. Das hatte ich schon im letzten Jahr gemacht. Auch wenn es zahlreiche Probleme im Vorfeld aufgrund der M31-Demonstration gegeben hatte und Menschen bereits im Vorfeld durch Platzverweise von der Demonstration ausgeschlossen wurden, verlief 2012 alles friedlich. Ein bunter Zug mit den unterschiedlichsten Menschen und Anliegen, mit Kindern, Clowns und Seifenblasen. Am Vortag hatte es eine spontane Soli-Demo am türkischen Konsulat gegeben; allein aufgrund der Vorfälle in der Türkei würden sich die Beamten heute sicher sehr zurückhaltend geben. Dachte ich.
Ich lache, weil sich Menschen auf Facebook und Twitter darüber aufregten, dass sie an dem Tag nicht problemlos in der Innenstadt einkaufen könnten. Durch die Demonstrationen wären sie in ihrer Freiheit eingeschränkt. Dass fast 1.000 Menschen später tatsächlich für fast zehn Stunden ihrer Freiheit beraubt wurden, konnte ich zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht ahnen. Die Sonne scheint, obwohl für den ganzen Tag Regen gemeldet war. Vorsorglich habe ich zwei Regenschirme eingepackt – einen für mich, einen für den Mann. Später werde ich erfahren, dass Regenschirme Waffen sind, ebenso wie Taucherbrillen und Schilder. Das klingt absurd, nicht?
Schlage „Passivbewaffnung“ als Unwort des Jahres vor. #blockupy
— Julia Probst (@EinAugenschmaus) June 2, 2013
Auf dem Weg zum Startpunkt der Demo wundere ich mich etwas, denke mir aber nichts groß dabei. „Schau mal, warum haben die denn die ganze Untermainbrücke voller Polizeibusse“, frage ich den Mann. Im Vergleich zu anderen Stellen in der Stadt erscheint mir das übertrieben. Durch eine Seitenstraße stoßen wir direkt auf den Zug, der sich schon in Bewegung gesetzt hat. Ich freue mich, dass die Polizei nicht – wie sonst bei vielen Demonstrationen üblich – in Ketten auf beiden Seiten neben dem Demonstrationszug hergeht. Als der Zug dann nach 100 Metern zum Stehen kommt, bin ich sicher, es wird gleich wieder weitergehen. Auf Twitter heißt es, aufgrund von Verstößen von Seiten der Demonstranten geht es nicht weiter, es wird verhandelt, in 30 Minuten gibt es eine Entscheidung über den weiteren Verlauf. Was im vorderen Bereich der Demo, im sogenannten Kessel, passiert, kann man sich nur durch Tweets und Bruchstücke der Durchsagen von Polizei und Lauti zusammenreimen. Die Demo soll gespalten werden, die „friedlichen“ Demonstranten ohne den „schwarzen Block“ (der übrigens ein Mythos ist) auf der von der Polizei gewünschten Route weitergehen.
Schnell ist klar: Die Demonstration wird nicht so stattfinden, wie sie geplant und genehmigt ist. Also stehen wir da und warteten, durch den Lauti klingt Musik, und die Menschen tanzen. Zur Toilette gehen wir über Umwege, schließlich sind wir ja nicht von Polizisten eingekreist, sondern können jederzeit die Strecke zurück zum Anfang laufen und von dort die Demo verlassen. Die Eingekesselten können nicht gehen, wir bleiben. Um mehr sehen zu können, gehen wir nach vorne, zwei Reihen hinter die Mauer an Polizisten, die den Kessel vom Rest der Demonstration trennt. Vor uns Polizisten mit Schutzpanzern, griffbereitem Pfefferspray und Helmen auf dem Kopf. Noch lache ich über Tweets, die von vermummten Demonstranten sprechen, nämlich Polizisten mit Sturmhaube und Helm mit runtergeklapptem Schild. Ich lache, weil einer schreibt: „Kann mal jemand die Polizei rufen? Hier greifen gerade Vermummte mit Gewalt in unsere Demo ein.“
Das Vermummungsverbot untersagt den Teilnehmern von Demonstrationen, ihr Gesicht zu verdecken… #blockupy #frankfurt twitter.com/stadtkindFFM/s… — stadtkindFFM (@stadtkindFFM) June 1, 2013
Neben uns trommelt eine Gruppe mit Glitzer im Gesicht und pinker Kleidung. Viele Menschen haben Rosen an ihren Rucksäcken befestigt, eine junge Frau schwingt eine Friedensfahne. Sicher sind das nicht alle, einige tragen schwarze Jacken mit Kapuze, Sonnenbrillen und haben den Schal eng um den Hals geschlungen; griffbereit, ihn im Zweifel schnell noch über das Gesicht zu ziehen. Aber hey, wer würde nicht sein Gesicht schützen wollen, wenn er aus jeder Perspektive über den ganzen Tag immer wieder gefilmt wird? Wenn den ganzen Tag von allen Seiten fotografiert wird? Ich möchte mein Gesicht nicht in sämtlichen Klickstrecken der lokalen Presse bewundern, das ist mein gutes Recht als Mensch. Und das Tragen einer Sonnenbrille hat noch einen anderen guten Zweck: Schutz vor Sonne.
Wir reichen Wasser nach vorne weiter, hoffen, dass es im Kessel ankommt. Wir klatschen laut, weil aus mehreren Fenstern des Schauspiels Menschen Eimer mit Wasserflaschen abseilen. Später werfen sie bunte Luftballons hinunter, rollen ein langes weißes Banner mit dem Wort „Solidarität“ herab. Das wird irgendwie auch zum neuen Motto der Demo, die nie eine wirkliche Demo war. Alle zeigen sich solidarisch – bis auf die Polizei. Immer mal wieder haken wir uns in Ketten ein, schützen uns vor einem möglichen Durchbrechen der Polizei. Warum das passieren sollte, wo wir doch auf einer genehmigten Demonstration im absoluten Recht sind, fragt jetzt keiner mehr. Mehrere Personen mit roten, gequollenen Gesichtern und Tränen in den Augen laufen an uns vorbei. Sofort sind sie von Hilfsbereiten umringt, die die Augen mit Wasser ausspülen. Sie alle sind weder vermummt, noch sehen sie gewalttätig aus. Eine der jungen Frauen ist barfuss – sie hat sich sicherlich nicht auf einen „Kampf“ gegen Polizisten eingestellt. Und ein Kampf ist es jetzt. Aus dem Kessel immer wieder Schreie, die Eingekesselten werden mittlerweile einzeln aus der Menge gezogen und weggetragen. Oder geschleift, je nachdem, wie bereitwillig sie den Beamten folgen.
Die offizielle Demozeit ist längst abgelaufen, auch mein Akku hat aufgegeben. Kein Grund nach Hause zu gehen. Wie viele andere auch hätte ich die Demonstration zu jedem Zeitpunkt verlassen können – aber Solidarität wiegt mehr als schmerzende Füße. Immer wieder kommt Bewegung in die Menge, ich werde nach links und rechts gedrückt, jemand ruft „Achtung“, und ich drücke meinen Kopf nach unten. Pfefferspray. Hätte ich in diesem Moment meinen Schal griffbereit gehabt, ich hätte ihn mir vors Gesicht gezogen. Wir husten, es kratzt im Hals und brennt auf der Haut. Und wir haben nur das abbekommen, was nach hinten geweht wurde. Ich bin wütend. Ich möchte die Polizisten anschreien und sie fragen, ob sie denn den Verstand verloren hätten und dass wir doch auch Menschen sind. Eigentlich möchte ich sie alle mal kräftig schütteln, vielleicht auch ein paar deutliche Wort finden. War ich am Anfang bei einigen Parolen noch etwas zurückhaltend, singe ich jetzt aus vollem Halse mit „Hass, Hass, Hass wie noch nie, all Cops are…“. Wir schreien „Haut ab, haut ab, haut ab…“ und „Wir sind friedlich, was seid ihr?“
Viele haben sich schon auf den Heimweg gemacht, auch weil sie teilweise aus Hamburg und Berlin angereist sind, und die Busse nicht länger warten konnten. Es wird nicht mehr durchgehend gesungen, die Menschen sind müde, die Stimmen auch. Zu einer Abschlusskundgebung wird es nicht kommen, die Verhandlungen zwischen Polizei und Demoleitung scheitern. Um mich herum wütende, fassungslose und traurige Gesichter. Ein alter Mann mit Friedenstaube am Kragen sitzt auf dem Bordstein, neben ihm die Überreste eines Schirms. Die vorderen Reihen stehen immer noch, heben die Hände und klatschen im Rhythmus: „Hoch die internationale Solidarität!“
Die Stimmung im Kessel und davor und danach war bis zuletzt super. Keiner ging freiwillig. Ihr wart tapfer. #Blockupy
— Blockupy (@Blockupy) June 1, 2013
Nach über neun Stunden treten der Mann und ich wütend und enttäuscht den Heimweg an, sind uns aber sicher: Beim nächsten Blockupy sind wir wieder dabei.


Eine kleine Korrektur: Zu einer Abschlusskundgebung und anschließender Spontandemo zurück zum Hauptbahnhof ist es trotz all der Gewalt, dem massiven Verstoß gegen elementarste Grundrecht und der Schickane dennoch gekommen.
Dem Augenschein nach über 3000 haben sich nicht einschüchtern und entzweien lassen. Und da waren weder die 900 Menschen aus dem Kessel, die auf Grund von Platzverweisen, noch die unzähligen Menschen die wegen Abfahrtszeiten keine Möglichkeit mehr hatten, dabei. Die Solidarität der Menschen war der große Gewinn des Tages mit dem die Polizeiführung nicht gerechnet hat.
Das alle inhaltlichen Themen der Demonstration in Frankfurt – mal wieder – dem puren Kampf um die elementarsten Grundrechte, die Versammlungsfreiheit, das Recht auf körperliche Unversehrtheit, das Recht auf freie Meinungsäußerung und die Pressefreiheit gewichen sind, ist nicht hinnehmbar.
„Viele fragen sich natürlich jetzt, warum die Polizei ein Konzept verfolgt, bei dem so völlig offen gegen Grundrechte verstoßen wird. Warum die Polizei sich noch nicht einmal ein bißchen Mühe gibt, ihr Treiben zu rechtfertigen.“
Dieser Auszug aus der letzten Stellungnahme des Ermittlungsausschuss Frankfurt, der sich um rechtliche Hilfe für Demonstrierende kümmert, ist es, der mir persönlich richtig Angst macht.
Das fehlende Bemühen diese offene Rechtsbrüche auch nur zu kaschieren, zeugt von einer solchen sadistischen Arroganz, die einfach unbeschreiblich ist und für die Zukunft nichts gutes erahnen lässt.
@Ben Danke für deinen Hinweis. Ich bezog mich auf die immer wieder angekündigte „Abschlusskundgebung“ nach Ablauf der offiziellen Demozeit, die entweder am jüdischen Museum oder der Paulskirche stattfinden sollte. Wir hatten den Platz schon verlassen, als es zur Spontandemo zum Hauptbahnhof ging.
So furchtbar das alles gelaufen ist – ich bin froh, dass dieses Bild „nach draussen“ transportiert wurde. Durch kritische Medien und soziale Netzwerke, ja sogar die konservative FAZ und die BILD haben Polizeigewalt gezeigt und die Rechtsbrüche der Polizei dokumentiert. Das ist auch bei Menschen angekommen, die die Provokationen gerne mal auf Seiten der (radikalen) Demonstranten sehen und die Polizei weiterhin als „Freund und Helfer“. Das sieht jetzt ganz anders aus. Und egal, was jetzt nachträglich noch passiert: das Bild der hessischen Polizei, den Verantwortlichen und ihren Helfern hat so einen Schaden erlitten – es würde mich nicht überraschen, wenn das zum ein oder anderen Rücktritt führt.