Wien ist schön. In allen Ecken. Wien ist so schön überall, dass sogar Fast-Food-Restaurants nicht weiter auffallen, weil sie sich in schönen Gebäuden verstecken. Ich bin nicht das erste Mal in Wien – ein Teil meiner Familie kommt ursprünglich aus Österreich und als ich noch ein klitzekleines Kind war, waren wir wohl schon ab und an in der Stadt mit dem Riesenrad. Daran kann ich mich aber nicht mehr richtig erinnern. Und wenn man dann selbst erwachsen ist, wo fährt man dann hin? Genau. Nicht dort, wo es früher immer mit den Eltern hinging. Jetzt aber suchte ich einfach nur einen günstigen Flug, um für ein paar Tage weg zu kommen. Und dann stand da Wien auf dem Reiseportal. Und ich flog hin.
Ich bin Touristin. Ich renne die Ringstraße hinauf, schaue mir die Uni an, das Rathaus, die Hofburg und rubbele den Fuß des Goethe-Denkmals – ich sehe so viel und kann bald nichts mehr aufnehmen. Dann sitze ich in einem der Kaffeehäuser und beobachte. Auf der einen Seite sitzen Menschen und reden über’s Geschäft, vor ihnen stehen Laptops und daneben der Schokokuchen. Neben uns steht ein Tisch, der jeden Tag für den gleichen Herren reserviert ist. Er kommt immer um die gleiche Zeit und braucht nicht zu bestellen. Überall verteilt sitzen Touristen, die sich den Bauch mit Kuchen vollschlagen. Sie fallen allein dadurch auf, dass sie das „Bitte warten Sie einen Moment, wir platzieren Sie gern“-Schild nicht beachten. Es ist laut. Und das stört mich nicht.
Vor dem Stephansdom laufen als Mozart verkleidete Männer hin und her und versuchen den Passanten Konzertkarten zu verkaufen. In der Kirche ist es fast lauter als im Kaffeehaus. Ich fühle mich von berucksackten Menschen, die verwirrt hin und her laufen und jeden Stein knipsen, gestresst und verdrücke mich in eine Ecke, um eine Kerze für meinen Opa zu entzünden. Der Stephansdom ist die Frauenkirche ist der Kölner Dom. Sakraltourismus at it’s best. Und ich spiele mit. Oben, auf der Aussichtsplattform sind dann nur noch wenig Menschen. Ich laufe im Kreis und lerne, dass Wien von oben wirklich unspektakulär aussieht.
Dieser Eindruck verfestigt sich, als ich schweißgebadet im Riesenrad sitze. Gondeln, die immer höher steigen, sind nicht meine Welt. Aber das hier, das muss man ja machen. Also starre ich nach draußen und neben mir erzählt eine alte Dame ihren Enkeln unentwegt von der Müll-Verbrennungsanlage. Ich wundere mich. Bis ich aus dem Urlaub wiederkomme und meine Mutter mich am Telefon als erstes fragt, ob ich die Müll-Verbrennungsanlage gesehen habe. Wenn man so viel Schönes in einer Stadt vereint, besinnt man sich wohl auf andere Sachen.
Wien ist wie die Städte im Baltikum, die ich vor einigen Jahren besucht habe, denke ich irgendwann. Nur mit zu viel von allem. Ich gehe ins Theater und ins Museum, ich besuche Restaurants und Supermärkte. Ich esse warmen Schokoladenkuchen mit Vanilleeis und kaufe Postkarten. Ich mache all die Dinge, die man zuhause nie macht.
Spätestens am Schloss Schönbrunn beschließe ich, beim nächsten Besuch nur noch Menschen zu fotografieren, die andere Menschen vor Gebäuden oder Denkmälern fotografieren. Wir waren hier und schau, das ist der Beweis. Gebäude, Gärten, oh ein Brunnen, Gärten, Zoo, Gebäude, Tram, Hundertwasserhaus, Tram, Gebäude… nach vier Tagen habe ich alles Wichtige gesehen. Jetzt könnte ich das wahre Wien kennenlernen. Doch dann geht der Flug. Ich muss wohl nochmal wiederkommen.


„Ich mache all die Dinge, die man zuhause nie macht.“
Das ist ja das, warum man Urlaub macht und man sich dann vornimmt, es zuhause doch mal so zu machen und es wieder vergisst, bis man erneut im Urlaub ist. Aktuell nach London auf meiner Liste: Mal selbst Pancakes machen. Macht man ja nie. Isst man dann im Urlaub. Und denkt sich …
Die Müllverbrennungsanlage zählt aber eigentlich auch zu den Schönheiten Wiens. Sie wurde von Friedensreich Hundertwasser gestaltet.