
Was wäre, wenn Cäsar sich und seine Armee vegan versorgt hätte? Hätte Soja-Geschnetzeltes ebenso martialisch und aufpeitschend gewirkt wie ein blutiges Stück Fleisch? Zumindest der Name lässt es vermuten. Genauso gut könnte sich Cäsar aber aufgrund von Vitamin-B12-Mangel schon beim Wort „vidi“ erschöpft vom Schlachtfeld verzogen haben – ich werde es nie erfahren.
Diese und ähnlich wichtige Fragen plagen mich, als ich das erste Mal mit gezückter Einkaufsliste durch den Bioladen pirsche. Ich bereite mich auf einen Nervenkrieg vor – halte ich die 30-Tage-Vegan-Challenge durch? Ist „Challenge“ nicht ein blödes Wort? Und wieso um alles in der Welt höre ich auf diesen Attila Hildmann?
Rückblick. 7 Tage vor diesem Einkaufstrip sitze ich mit Kollegen vor einem dicken Rezeptwälzer namens „Vegan for Fit“. Hungrige „Oooohhhs“ und „Ahhhhs“ ertönen bei jedem Seitenumblättern, und es dauert nicht lange bis zu der Frage, ob vegane Ernährung nicht total lecker und einfach sein kann – wenn nicht sogar cool! Es dauert nicht lange bis zu der Frage, ob man das vegane Leben nicht mal ausprobieren sollte.
Während der Rest noch diskutiert, schnappe ich mir das Buch und blättere schneller weiter. Attila, 32 Jahre alt, ehemals Herrscher der Hunnen und nun Vorzeige-Veganer der gesundheitsbewussten Großstädter, blickt mir auf dutzenden Porträts entgegen. Attila in der Küche, Attila beim Joggen, Attila beim Lachen. Genervtes Augenrollen – ja, ich hab’s begriffen. Er ist die personifizierte Coolness, die der Veganer-Bewegung bisher gefehlt hat. Mit ausgebreiteten Armen steht Attila Hildemann vor der Berliner Skyline und grüßt die Stadt, in der er aufgewachsen ist und sich vom leicht moppeligen Fleischesser zum veganen Fitness-Guru gewandelt hat. Sicher eine große Leistung, aber mich stört der in Wort (dies ist Buch Nr. 5) und Bild (neben unzähligen Fernsehauftritten) stattfindende Personenkult.
Trotzdem verneige ich mich vor dem Kopierer und vervielfältige ein paar Rezepte. Mit dem Gefühl, ein großes Ziel vor Augen zu haben, geselle ich mich wieder zu den Kollegen und verkünde meine Mission: „Ab kommender Woche starte ich den 30-Tage-Vegan-Kreuzzug!“. Die skeptischen Blicke an den darauf folgenden Tagen verstärkten meine Euphorie nur weiter. Ich bin ein Attila, ein Cäsar, der es ihnen allen zeigen wird. Das denke ich – bis zum ersten großen Einkauf.
Im Bioladen studiere ich fasziniert die Namen dutzender Mehle und nehme mir vor, alle auszuprobieren. Mangels Mehlverarbeitungsrezepten wurden es zwei. Mit dieser Vielfalt klarzukommen dauert wohl mehr als 30 Tage. Im Korb versammeln sich mittlerweile Bohnen, Tofu, Agavendicksaft, Sojamilch und Erdnussmus, die noch zu meinem treuesten Begleiter werden sollen. Ein kurzer Halt in der Gemüseabteilung und schon ist die Grund-Versorgungsliste abgehakt, und ich bin erstaunt über all die Lebensmittel, die mir bisher entgangen sind. Das Projekt läuft gut an.
Einfacher als gedacht
An den ersten Tagen erwarte ich, dass sich mein Körper quälen wird, ich unter Magenkrämpfen leiden und meinen inneren Kampf nach außen tragen werde, sodass jeder sagt: „Boah, was für ein harter veganer Hund.“ Aber nichts da, mein Körper bleibt ganz entspannt und Ruhm bekomme ich nur für optisch perfekt präsentiertes Mittagessen. Tomaten-Bohnen-Tofu-Pfanne mit gezupftem Basilikum, Hirsesalat mit frischem Gemüse und Limette, vegane Zucchini-Lasagne etc. – meine Kollegen staunen über die schönen Farben und blicken traurig auf ihre Schwarzbrotstullen.
Weil aber alles so gut funktioniert, weicht meine Euphorie in den Folgetagen einer gewissen Gleichgültigkeit. Ich frage mich, wie ich mich so schnell an die Umstellung gewöhnt hatte, ohne Kampf, ohne Heißhunger? Okay, in Sachen Alkohol bietet veganes Leben so einige Hürden. „Wurde dieser Wein mit einem Klärschönungsmittel aus getrockneten Fischblasen behandelt?“ An dieser Stelle mache ich Abstriche, aber davon abgesehen: Vor die Hälfte der alten Nahrungsmittel wird einfach ein „Soja-“ gesetzt und der Preis nach oben korrigiert – fertig ist die vegane Ernährung. Selbst für Sahne und Eier lässt sich Ersatz organisieren. Die Großstadt macht es mir einfach: Als Kreuzberger lebe ich in einem Schlaraffenland aus Supermarkt, großem und kleinem Biomarkt und mehrmals die Woche stattfindendem Regionalmarkt. Zehn Minuten auf’s Rad, und ich könnte sogar vor einem komplett vegan befüllten Supermarkt stoppen. Alle Zutaten in der Nähe, keine Probleme mit dem Körper, Rezepte in Hülle und Fülle – dem Internet sei Dank – wo liegt also das Problem? Warum lebt nicht jeder vegan? Und warum ist die Challenge überhaupt eine Challenge?
Nach dreißig Tagen ziehe ich ein Fazit. Das Beste an diesem Versuch war es, die Welt wieder durch staunende Kinderaugen zu sehen, die früher im Konsum an den Karlsbader Oblaten hängenblieben und heute beim Kokosmehl Halt machen. Die damals Oma beim Kuchenbacken zugesehen haben und nun durch das Ofenfenster blicken, um dem veganen Ananaskuchen die Daumen zu drücken. Und die vor vielen Jahren begeistert jeden neuen Schokoladenaufstrich angestarrt haben und jetzt diese riesige Auswahl an Nuss-Mus bestaunen.
Das Vegan-Sein-Projekt war kein Kreuzzug noch eine Challenge, sondern eine 30-tägige Entdeckungsreise. In dieser Zeit hat mein „Enrico sucht das Super-Erdnussmus“-Wettbewerb stattgefunden, ich lernte die fleischähnliche Konsistenz von Seitan kennen und versuchte die bunteste Gemüsepfanne der Welt zu kreieren. Und obwohl sich seitdem ab und zu ein Schawarma in meine Hände verirrt oder frierendes Sahneeis Zuflucht in meinem wärmenden Mund sucht, ist die vegane Ernährung mittlerweile ein fester Bestandteil meines Küchenlebens geworden. Vegan sein ist viel leichter als gedacht. Und damit komme ich hier zum Schluss, denn irgendjemand muss ja den tollen, dreistöckigen Schoko-Erdnussbuttercreme-Kuchen backen.


Ich lebe seit ca. 1 Jahr vegan und meine Erfahrung war ganz ähnlich: alles halb so wild. In der Zwischenzeit habe ich mich zu einer mehr oder minder kreativen Köchin gemausert und kichere innerlich immer ein wenig wenn meine Omnifreunde mich mitleidig anschauen und fragen „Aber… aber… was kannst du denn dann noch essen?“
Der Personenkult um Attila Hildmann nervt mich allerdings auch ziemlich. Meiner Meinung nach gibt es auch weitaus kreativere Veganköche als er. Aber das soll jeder selbst entscheiden.
So, und nun hätte ich gerne das Rezept für diesen dreistöckigen Schoko-Erdnussbuttercreme Kuchen von dem du da erzählst.
Ich habe das Buch auch Zuhause und muss sagen, als jemand der schon länger vegan lebt, die Challenge besteht eher darin 30 Tage mal wieder richtig gesund zu essen, auf Zucker und Weißmehlprodukte zu verzichten. Denn vegan essen heißt ja nicht automatisch nur gesund zu essen. Mir persönlich ist es übrigens zu anstrengend zweimal am Tag warm zu kochen, das schaffe ich mit Baby einfach nicht.
Hallo Elena! Wer mal richtig guten Seitan gegessen hat, wird sich eh fragen wieso es wieder Fleisch sein muss. Von der Konsistenz her ebenbürtig und der Geschmack lässt sich anpassen. Aber es sollte eh nicht ums missionieren gehen – ich genieße weiterhin Fleisch, kenne nun aber deutlich mehr Alternativen und habe Spaß dabei, diese auszuprobieren. Mit Spaß geht einfach alles leichter. Apropos Spaß: Der Schoko-Erdnussbuttercreme-Kuchen ist für alle Sinnesorgane ein großer Spaß. Das Rezept findest du hier: http://www.easyasveganpie.net/2010/06/chocolate-peanut-butter-cake.html